Kultur : Wer bin ich?

Zum 100.: ein Fundstück von Wolfgang Koeppen

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Es war 7 Uhr, als ich aufwachte. Ich wusste aber nicht, ob es Abend oder Morgen war. Auf meinem Bett lag noch aufgeschlagen die Zeitschrift mit einem Artikel über den neuesten Stand über die Erforschung des Universums.

Es ist, wie es ist. Ich war nicht unzufrieden.

Ich war es auch. Der alte Streit: Gottes Schöpfung oder der Urknall. In dem Fall war ich für Gott. Der Urknall hat zu viele Erklärungen und keine gefällt mir.

Ich wurde schon früh vor die Frage gestellt.

Der Lehrer in der Schule lehrte Gott nach dem vorgeschriebenen Lehrbuch der Klasse. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er Gott aus der Geschichte entfernen wollte. Mein Onkel, bei dem ich lebte, war Mathematiker. Von Beruf war er Baumeister. Es war sein Kummer, nicht die Wege Palladios gehen zu dürfen. Er baute Schulen und Landkirchen in Masuren. Er war Regierungsbaumeister. Es häuften sich auf seinem Tisch die Lehrbücher der theoretischen Mathematik. So fand er zum Einsteinturm in Potsdam. Kein bedeutendes Bauwerk. Die Urformen auf eine schwarze Tafel geschrieben.

Wo kommen wir her? Die Antwort hatten schon viele vor Einstein gewusst. Einstein freute sich. Seine Rechnung war schön. Sie schlichtete den Streit. Sie führte alles zusammen. Sie war kurz. Eine Zeile auf der schwarzen Tafel. Sie befriedigte Einsteins ästhetisches Gefühl.

Ich hielt mich in Greifswald auf. Da gab es einen Professor der Hygiene. Er war Jude. Ich hatte ihn in der Bibliothek kennengelernt. Ich besuchte ihn am Sonntag. Ihn beschäftigten die alten Fragen. Woher? Wohin? Warum? Wer bin ich?

Mir war es genug, dazusein. Aber ich hörte dem Professor gerne zu. Sein Haus stand neben dem Dom. Zuweilen läuteten die Glocken. Es gab in Greifswald einen anderen Professor, einen Professor der theoretischen Physik. Er hatte einen Ruf erworben, weil er ein Feind Einsteins war.

Er beschimpfte den Kollegen als Scharlatan und hielt die Relativitäts-Theorie für ein jüdisches Verbrechen an der Menschheit, besonders der deutschen.

An einem Sonntag wurde etwas gefeiert. Studenten marschierten zum Bismarck-Tor. Das Denkmal stand an der Strasse nach Eldena. Dort steht die Kloster-Ruine, ein Bild Caspar David Friedrichs. Die Studenten warfen auf ihrem Rückweg Steine in die Fenster der Wohnung, in der mein Professor und ich im Sonntagsgespräch sassen . Die Studenten auf der Strasse riefen: „Juden raus!“ Der Professor blieb ganz ruhig. Die Steine galten ja auch nicht ihm. Sie waren gegen den Juden Einstein geworfen, den die Studenten, aufgehetzt von ihrem Professor der theoretischen Physik, für ein deutsches Unglück hielten.

In Berlin war es der Schauspieler Aribert Wäscher, der am Staatstheater wunderbar komisch und ergreifend traurig Shakespeare spielte und ein Gespräch mit mir auf Einstein brachte. Er besaß viele deutsche, französische, englische Bücher. Die neuesten Titel, die sich mit Fragen der Schöpfung beschäftigten. Auch Wäscher fragte; wer bin ich?

Es genügte ihm nicht, Leute zum Lachen oder zum Weinen zu bringen. Ich widersprach ihm. Ich sagte, wer bin ich, ich.

Dieses unveröffentlichte Typokript mit dem Titel „Dienstag, 9. Februar 1993“ entstand drei Jahre vor dem Tod von Wolfgang Koeppen, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Es stammt aus seinem Nachlass beim Greifswalder Koeppen-Archiv; das Copyright liegt bei der Peter-Suhrkamp-Stiftung. – Das Jubiläum in Koeppens Geburtsstadt Greifswald wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet, darunter einem Koeppenfest bei dem heute u.a. Günter Grass und Peter Rühmkorf lesen. Im Koeppenhaus wird die Ausstellung „Im Labyrinth des Schreibens“ gezeigt.

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