Kultur : Wer hat Angst vor der Moderne?

Ingo Metzmacher wird Chefdirigent des DSO

Jörg Königsdorf

Es gibt Hoffnung für die Berliner Kulturszene: Manchmal wird doch die bestmögliche Lösung gefunden. Denn nichts anderes ist die jetzt verkündete Nachricht, dass Ingo Metzmacher ab 2007 Nacholger von Kent Nagano beim DSO werden soll. Als Metzmacher im letzten Herbst für zwei Konzertprogramme beim Deutschen Symphonie-Orchester antrat, war bereits klar, dass es um eine längerfristige Bindung ging: Der Dirigent, der zum Ende dieser Spielzeit seinen Posten als Hamburger Generalmusikdirektor aufgibt, hatte neben seinem neuen Posten als Chef der Amsterdamer Oper noch genug Platz im Terminkalender. Und das DSO suchte dringend einen Nachfolger für Kent Nagano, der an die Bayerische Staatsoper geht. Die Chemie stimmte: Schostakowitschs wuchtig und konturenscharf in den Raum gestellte vierte Sinfonie, Ravels spukhaft flirrende „La Valse“ – das waren Versprechen einer von Intellekt und Musizierlust getragenen Zusammenarbeit.

Wie gut Dirigent und Orchester zueinander passen, zeigt schon ein Blick auf ihre künstlerischen Profile: Der 1957 geborene Metzmacher hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine Sicht auf das klassische Repertoire von der Moderne geprägt ist. Neben seiner Arbeit an der Hamburger Oper belegen das vor allem die legendären Neujahrskonzerte unter dem Motto „Who’s Afraid Of 20th Century Music“. Gleichzeitig hat sich das DSO unter Nagano mit seinen innovativen, tradierte Hörgewohnheiten hinterfragenden Programmen profiliert.

Dass die Findungskommission der ROC-GmbH, der das Orchester angeschlossen ist, den Beschluss noch vor der Sommerpause verkündet, hat allerdings einen außermusikalischen Grund: Gehe die Verpflichtung Metzmachers nicht vor den Neuwahlen im Herbst über die Bühne, so der Chef der Kommission, Matthias Sträßner vom Hauptgesellschafter Deutschlandradio, bestehe die Gefahr, dass die Neubesetzung der Stelle auf unabsehbare Zeit verzögert wird.

Mit der Berufung Metzmachers, der einen Vertrag über mindestens drei Jahre erhalten soll, ist die erste der drei wichtigen Personalentscheidungen gefallen, die die Zukunft von Berlins Klassikszene prägen werden: Während die Vertragsverhandlungen des Senats mit dem Stuttgarter Noch-Generalmusikdirektor Lothar Zagrosek als neuem Chefdirigenten des Berliner Sinfonie-Orchester kurz vor dem Abschluss stehen, ist die Deutsche Oper noch auf der Suche nach einem Nachfolger für Christian Thielemann. Und nach der bestmöglichen Lösung, natürlich.

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