Kultur : Wer im Glashaus sitzt

Jedenfalls stimmt die Adresse: Berlins Akademie der Künste zieht an den Pariser Platz. Ein erster Blick in den Neubau

Peter von Becker

Die Fassade ist ganz aus Glas, aber noch verbirgt sie fast alles. Das klingt paradox, aber zwischen dem Blick über den Bauzaun auf die im Winterlicht trübe oder abweisend spiegelnde Glaswand und dem Einblick ins Innere des vom Erdgeschoss je vier Stockwerke in die Lüfte und in den Untergrund gewachsenen Hauses liegt tatsächlich: eine Welt.

Das ist ein kurzes, großes Wort – nach so langem Streit um die neue Residenz der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz. Der vor acht Jahren gekürte Entwurf des Münchner Olympia-Architekten Günter Behnisch mit seiner kalten, gläsernen Haut gilt den Verfechtern neoklassizistischer Rekonstruktionen in der Berliner Mitte als geschichtsloser Einschnitt am historischen Ort. Auch wurde der Bau immer kostspieliger, weil Berlin schildbürgerhaft Geld sparen wollte und den rückwärtigen, zur Behrenstraße (und dem Holocaust-Mahnmal) gelegenen Teil des Akademie-Areals ans benachbarte Hotel Adlon verkaufte und die klimaempfindlichen Archive der abrupt verkleinerten Akademie vier Stockwerke tief in den kostbarsten Boden der Hauptstadt gerammt werden mussten. Wo es zwischen dem grundwasserfeuchten Beton alsbald zu schimmeln begann, während oberirdisch der Bauunternehmer Insolvenz anmeldete, sich die Fertigstellung verzögerte – und 2004 der Bund die ehemals preußisch-königliche Akademie endlich in seine, bei einigen Bundesländern bis heute umstrittene Obhut nahm.

Von vorne bis hinten, von oben bis unten also ein urtypisches Phänomen des Neuen Berlin. Inzwischen werden die von 38 auf 56 Millionen Euro gekletterten Baukosten vom Bund mitgetragen, das zustimmungsbedürftige Bundesgesetz zur Übernahme der Akademie hängt noch föderalismusstreitig im Vermittlungsausschuss. Und Günter Behnischs ganz unvermittelt an die steinerne, weiter in den Platz vorragende Fassade des Adlon stoßende Glasfront, in der sich die abgeschnittene Reihe der Hotelfenster als Widerspiegelung zu verlängern scheint, wirkt wie ein plumper Stilbruch. Erst in seinem Inneren wird dieses Haus zur Überraschung.

Das werden am Freitag zunächst nur die Gäste eines Neujahrsempfang der Berliner Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer erleben, die dort zusammen mit Akademie-Präsident Adolf Muschg und dem Architekten und Stadtplaner Werner Durth Teile eine Ausstellung „Vom Denkmal zum Neubau. Die Akademie am Pariser Platz“ präsentieren will. Das ganze Projekt ist danach bis zum 31. März in der nahen Behrenstraße 42 zu sehen. Am 5. März aber wird das fast fertige Glashaus erstmals zum öffentlichen Raum – wenn man in einer Gemeinschaftsaktion mit der Bundeskulturstiftung und dem ZDF 24 Stunden lang Schiller lesen will: gut zwei Monate vor der offiziellen Einweihung und vorm 200. Todestag des Dichters.

Womöglich wird unter den vielen schillernden Rezitatoren auch Gerhard Schröder sein. Ob als an Herrscherzäunen rüttelnder Marquis Posa oder staatsraisonhafter Philipp II. – der Kanzler wird dann wie jedermann erst mal nach oben streben müssen. Denn das mit grauschwarzem, terrazzogemusterten Gussasphalt gedeckte Erdgeschoss steigt sogleich an: zur Rechten gesäumt von einem (noch nicht installierten) Buchladen, linkerhand in der Tiefe beherrscht von der frei aufragenden Haupttreppe, auf deren 23 Stufen der Akademiepräsident im Mai die zur Eröffnung der jährlichen Mitgliederversammlung übliche Treppenrede halten wird.

Schon dieses Entree ist verblüffend. Weil sich durch den sanften Anstieg des Foyers mitten im flachen Berlin sofort die Anmutung eines innerstädtischen „Musenhügels“ ergibt.Und weil sich hinter der bei Tageslicht zunächst abweisend starren Front das Haus dem Besucher bereits auf den ersten Blick mit spielerischem Schwung öffnet. Das Volumen des auch himmelwärts zum Teil verglasten, durch lichte Decken, Giebel, Stahlstreben, luftige Galerien und einen transparenten (bereits zum Adlon gehörenden, optisch aber integrierten) Turm geprägten Hauses lässt einen stauen.

Von außen nämlich erscheint der Behnischbau zwischen dem massiven Adlon und der von Frank Gehry gebauten DZ-Bank sowie der letzten, klaffenden Baulücke für die Amerikanische Botschaft wie ein eingezwängter Kasten. Wie eine (zu) kleine Ausstellungshalle. Man ahnt so die teuer erkauften Raumnöte einer Institution, die sich künftig im Spagat zwischen ihrem alten Sitz am Hanseatenweg im Bezirk Tiergarten und der Prestige-Adresse Pariser Platz 4 üben muss.

Doch vor den Problemen steht erst einmal die architektonische Verheißung. Der Behnischbau nämlich zeigt im überraschend großzügigen Inneren eine Fülle intelligenter, bisweilen eleganter Bezüge zwischen Außenraum und internen Funktionen, Repräsentanz und Arbeitsplatz. Schon in der unvollendeten Fassung ist zu erkennen, wie souverän sich das moderne Glasstahlkonstrukt um seinen historischen Kern legt. Wer sich im Hallenfoyer nicht zur großen Treppe und dem dahinter geplanten offenen Bistro wendet, gelangt geradewegs in die steingefassten Raumreste der alten Akademie.

Das spätbarocke, im 19. Jahrhundert von Eduard Knoblauch (dem Architekten der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße) umgebaute Vorderhaus am Pariser Platz, das Palais Arnim-Boitzenburg, war 1907 nach einem weiteren Umbau durch den Hofarchitekt Ernst von Ihne zum Sitz der einst Preußischen Akademie geworden. Dieses Vorderhaus, im Krieg stark beschädigt, wurde Anfang der 50er Jahre wie alle repräsentativen Ruinen ums Brandenburger Tor abgerissen. Nur das ehemalige Ateliergebäude im Hinterhaus blieb erhalten, vor allem für den DDR-Bildhauer Fritz Cremer, der dort auch sein Buchenwald-Denkmal ausstellte. Eben dort, wo zuvor noch Albert Speer sein Modell der Riesenhauptstadt Germania aufgebaut und Adolf Hitler präsentiert hatte, der sich dafür eigens einen Weg von der Reichskanzlei und dem Führerbunker durch die damaligen Ministergärten (heute Ort des Holocaust-Mahnmals) hinüber zur Akademie legen ließ.

Zu DDR-Zeiten quartierten sich hier nach 1961 die Grenztruppen ein, mit Zwischenwänden, Blümchentapeten und einer Verhörzelle; einmal wurde von hier auch ein Flüchtling erschossen. Das alles wird die Akademie jetzt dokumentieren. Aber das Areal hat Behnisch wieder entkernt, im Eingangsraum des neuen und alten Ausstellungsbereichs, dort, wo Kaiser Wilhelm II. 1907 das Haus der Akademie eröffnete, erinnern die freigelegten, weiß getüncht als Ruinenfragmente belassenen Pilaster und Kapitelle an den historischen Ort. Genau unter dieser kleinen Halle deckt im ersten Tiefgeschoss eine seltene, backsteinerne preußische Kappendecke den Ausstellungsraum des Archivs. Und wer im Foyer neben dem Eingang zum Ausstellungsbereich durch eine kleinere Tür schaut, findet entlang einer vier Geschoss hohen Neonsäule ein gusseisern flankiertes Wendeltreppenhaus, in der Höhe mit einer himmelblauen Lüftlmalerei gekrönt: letztes, barock-modernes Relikt des abgesprengten Palais.

Behnisch hat neben den Funktionsräumen auch einen städtischen Raum geschaffen. Denn der Pariser Platz wird künftig durch eine öffentliche Passage vom Akademiefoyer und dem Bistro zur Behrenstraße mit dem Außenbereich des Mahnmals verbunden sein. Man flaniert dann vorbei an Harald Metzkes ironischem Abendmahl mit schwarzbetuchten Herren, barhäutiger Dame und aufgetischtem Schweinskopf (aus DDR-Nachlass) oder dem noch verhüllten riesigen Marmor-Prometheus des wilhelminischen Hofbildhauers Reinhold Begas.

Dominant im Inneren sind freilich die vier über dem Foyer, der großen Treppe und dem Hallenbistro in gläserne Himmel aufragenden Etagen mit den Bibliotheksräumen, mit dem so genannten „Plenarsaal“ im zweiten Stock – der für die zur Zeit 373 Mitglieder der Akademie allerdings nur etwa 290 Plätze bieten wird –, den gläsernen Büros und im obersten Stock einem „Clubraum“ mit Bar. Wer dabei nicht durch dramatisch-ironisch gekippte, an Gehrys Dekonstruktivismus erinnernde Panzerglastüren auf wechselnde Innenhofterrassen mit japanischem Kirschholzboden („keine Tropenhölzer!“) tritt, dem öffnen sich vor dem Plenarsaal oder dem Clubraum weitläufige Balkons über dem Pariser Platz.

Von dort besticht Behnischs Glashaus mit seinen auch vom Adlon oder der Terrasse der schräg gegenüberliegenden Dresdner Bank nicht mehr zu überbietenden Ausblicken: Die Quadriga des Brandenburger Tors scheint hier direkt einzureiten, Reichstagskuppel, Kanzleramt, Siegessäule oder die kurios nahe Präsidentensuite des Adlon säumen das Postkartenpanorama. Klar ist: Die Akademie wird bald ein Top-Spot der Hauptstadt werden. Durch ihre grandiose Lage.

Auch die künftigen Archivräume sind mittlerweile trocken, und seit November melden die Sensoren weitgehend schimmelsporenfreie Luft. Nur die Blackbox als Kino-, Musik- und Lichtinstallationsraum in der Tiefe wird aus Geld- und Zeitmangel im Mai noch nicht fertig sein. Aber die Zukunftsfrage ist keine technische, keine architektonische. Denn allein als schiere schicke Repräsentanz wird diese Akademie am neuen alten Ort noch nichts bewegen. Nicht bloß der Spagat zwischen Tiergarten und Pariser Platz schafft Probleme. Dem für herausragende Veranstaltungen zu kleinen „Plenarsaal“ steht am Hanseatenweg eine zwar viel größere, durch den Reiz des neuen Orts jedoch schnell unattraktive Bühne gegenüber.

Eine Akademie im Zentrum der Hauptstadt und der Republik – von ihr erwartet man eine nach außen wirkende intellektuelle, programmatische Schlüsselrolle. György Konrád, bis Mai 2003 Präsident der Akademie, hatte mit dieser Rolle als Entschärfer der ost-westdeutschen (Akademie-)Vereinigungsquerelen und Brückenkopf zur ostmitteleuropäischen Kultur begonnen. Adolf Muschg, der Schweizer Schriftsteller als Nachfolger des ungarischen in Berlin, hat seitdem in der Phase des verzögerten Umzugs an den Pariser Platz noch keine deutlichen Akzente setzen können. Ob europäische Leitkultur-Debatten, der Dialog und Streit mit dem Islam, das Verhältnis zu den USA oder Israel, Fragen von der Bioethik und Hirnforschung bis zur Rechtschreibreform oder dem zivilgesellschaftlichen Engagement in Kultur und Sozialpolitik – zu selten ist die Akademie heute noch Forum brisanter Zeitfragen. Das ist die große Herausforderung ihres neuen, alten Orts.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben