• Wer ist Claudio Abbado?: Der Musik-Flüsterer - Der Versuch einer Annäherung an den italienischen Dirigenten

Kultur : Wer ist Claudio Abbado?: Der Musik-Flüsterer - Der Versuch einer Annäherung an den italienischen Dirigenten

Frederik Hanssen

Das Wort "dolce" kann im Italienischen die unterschiedlichsten Bedeutungen annehmen: Normalerweise steht es für "süß" oder "weich" und wird darum auch als Oberbegriff für alle Nachtische und Süßspeisen verwendet. Aber auch eine liebliche Landschaft kann "dolce" sein, ebenso der zarte, unaufdringliche Duft mancher Blumen oder die erste Frühlingssonne. Sogar alternative Energiequellen lassen sich mit dem vielseitigen Wort umschreiben. Und wenn in Italien eine Frau einem Mann zuflüstert, er sei "dolce", ist das durchaus positiv gemeint und soll keineswegs Schlappschwänzigkeit andeuten. Die Signora will damit nur betonen, wie angenehm er sich vom dortzulande weitverbreiteten gemeinen "Macho"-Typ abhebt.

Ein Prototyp dieses "uomo dolce" ist zweifellos Claudio Abbado, der Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters: Feinsinnig, sanftmütig, unaufgeregt, sensibel, zurückhaltend, behutsam - das sind die Adjektive, die sich jedem aufdrängen, der über Claudio Abbado nachdenkt. Eigenschaften, die so gar nicht zu seinem Beruf passen wollen. Müssen Kapellmeister nicht notwendigerweise herrisch und autoritär sein, wenn sie es zu etwas bringen wollen? Muss ihnen nicht die Lust aus den Augen sprühen, eine Hundertschaft Musiker mit kaum sichtbaren Handgelenksschwüngen herumzukommandieren? "Jeder Dirigent ist ein verkappter Diktator, der sich glücklicherweise mit der Musik begnügt", hat der große Sergiu Celebidache einmal seinen Beruf definiert. Sollte dolce Claudio da tatsächlich eine Ausnahme sein?

Dirigenten müssen Diktatoren sein

Wie durchschaut man einen Menschen, der einem fast immer den Rücken zuwendet? Interviews verweigert er sich, so lange es irgendwie geht, und bei dem einzigen regelmäßigen Face-to-Face-Termin mit der Öffentlichkeit, der Jahrespressekonferenz des Berliner Philharmonischen Orchesters, sitzt er mit einem derart abwesenden Gesichtsausdruck auf dem Podium, dass sich meistens niemand traut, ihm überhaupt eine Frage zu stellen. Ermannt sich dann doch ein Kollege - so wie jüngst ein spanischer Journalist, der augenscheinlich zum ersten Mal dabei war - und will vom Maestro Details über die bevorstehende Lateinamerikatournee wissen, lächelt Claudio Abbado sehr höflich und murmelt etwas wie "freue mich, die Gelegenheit zu haben" oder "sicher sehr interessante Begegnungen".

Und wenn er richtig gut drauf ist, gelingt es ihm sogar, die Verstärkeranlage auszutricksen: Als in Rio de Janeiro der musikbegeisterte Bürgermeister dem Dirigenten einen symbolischen "Schlüssel der Stadt" überreichte, gingen die Worte von Abbados Dankesrede dank virtuoser Winkelberechnungen bereits auf der Kurzstreckendistanz zwischen Mund und Mikrofon verloren. Das versammelte Orchester lauschte aufmerksam, hörte nichts - und lachte erheitert: Das ist Claudio, wie sie ihn kennen.

Wer sich dem schweigsamen Maestro nähern will, muss schon sehr nahe an ihn herankommen. Es reicht nicht, als Journalist auf der Gastspielreise der Philharmoniker nach Buenos Aires, Sao Paulo und Rio dabei zu sein - denn ob man Abbado in der Hotelhalle begegnet oder im Theater vor Probenbeginn, immer hat er diesen höflich-kühlen Gesichtsausdruck, der konzentriert nach innen blickt, wenn irgendwo Pressevertreter auftauchen. Man muss sich schon hartnäckig ein informelles Treffen erkämpfen, in lockerer Atmosphäre auf neutralem Boden, am besten in der Suite des Intendanten. Nur dann kann man Claudio Abbado in die Augen sehen. Abbados Augen nämlich erzählen alles, wenn sein Mund ausweichende Antworten gibt. Fragt man ihn beispielsweise, was er denn in Zukunft vorhat, ab Herbst 2002, wenn er auf eigenen Wunsch den Chefdirigentenstab der Philharmoniker an Simon Rattle weiterreicht, sagt sein Mund: "Es gibt noch keine konkreten Pläne" - aber in seinen Augen blitzt es: "Wenn du wüsstest!" Will man wissen, ob er bei dem einen Projekt, das er auch künftig pro Saison in Berliner realisieren wird, eher Opern oder Orchesterwerke dirigieren möchte, antwortet er sphinxhaft "vielleicht", während sein Blick verrät: "Es gibt so viele tolle Stücke, warum sollte ich mich jetzt festlegen? Damit du mir hinterher vorwirfst, ich hätte Stress mit dem Orchester, wenn ich mich dann doch für etwas anderes entscheide?"

Das Aha-Erlebnis kommt mit Verzögerung, mitten in einer Probe. Dass Abbado sich auch während der Probenarbeit mit den Musikern alles andere als gesprächig zeigt, dass er oft lange Passagen unkommentiert durchspielen lässt, dass er seine Anmerkungen häufig nur dem ersten Violinenpult anvertraut, hat nichts mit Schüchternheit oder mangelnden Deutschkenntnissen zu tun, sondern mit einer Arbeitshaltung, die ganz auf dem Prinzip des "stillen Einverständnisses" beruht. Menschen, die sich wirklich gut kennen, brauchen keine Worte, um sich zu verstehen. Musikern, die schon lange zusammen Kammermusik machen, geht es ähnlich. Weil sie wissen, wie die anderen in dieser oder jener Situation reagieren werden, erspüren sie die richtige Interpretation gemeinsam, finden die perfekte Klangbalance, ohne lange über handwerkliche Details verhandeln zu müssen.

Dieses Prinzip des "Zusammenmusizierens" in kleinen Zirkeln hat Claudio Abbado in seinem "ersten Interview in Argentinien" - mit dem Magazin des Teatro Colon - das Ideal seiner künstlerischen Arbeit genannt, und die Kollegen aus Buenos Aires haben das Wort auf Deutsch abgedruckt, mit einem spanischen Erklärungsversuch - so genuin zentraleuropäisch erschien ihnen Abbados Ansinnen. "Zusammenmusizieren" bedeutet, sich gegenseitig zuhören zu können, aber auch, sich auf demselben Kenntnis- und Sensibilitätsniveau zu begegnen.

Musizieren heißt Zuhören

Diese Arbeitshaltung der Kammermusik auf große Sinfonieorchester anwenden zu wollen, ist ein Wagnis. So sympathisch basisdemokratisch es auch gedacht ist - wenn Dirigent und Musiker ein Werk wirklich im gemeinsamen nonverbalen Dialog erarbeiten wollen, setzt dies notwendigerweise voraus, dass sich die Instrumentalisten ebenso intensiv mit der Partitur auseinandergesetzt haben wie der Kapellmeister. Da muss man sich als Gegenüber eines allumfassend gebildeten, tiefgründelnden Analytiker wie Claudio Abbado schon sehr anstrengen. Kein Wunder, dass es viele im Orchester sind, die sich über Abbados stumme Probenarbeit beklagen. Sie erwarten von einem Dirigenten im Vorfeld vor allem konkrete Arbeit an handwerklichen Details. Vielleicht hat das einen ganz einfachen Grund: Im Orchester sitzen die meisten Musiker einfach zu weit entfernt vom Dirigenten, um seine Augen sehen zu können.

Und doch ist Claudio Abbados Kritik am modernen Dirigenten-Jet-Set höchst sympathisch. Auch wenn er sich nicht auf Namen festlegen lässt, wird im Gespräch überdeutlich, wie wenig er von jenen Kollegen hält, die mehr Zeit im Flugzeug als auf der Probebühne verbringen und halbgare Interpretationen auf den Musikmarkt werfen. Und wenn der schweigsame Italiener dann noch erklärt, dass er sich deshalb vom Chefposten der Philharmoniker zurückziehe, weil er mehr Zeit zum Partiturstudium brauche, weil er nach 44 Karrierejahren das Bedürfnis verspürt, die großen Meisterwerke noch einmal in aller Ruhe für sich durchzuarbeiten, dann nötigt dieser unzeitgemäße Drang nach Tiefe und Versenkung dem Zuhörer echte Bewunderung ab. "Dirigieren ist wie ein Liebesakt", hat Abbados Charakter-Antipode Leonard Bernstein einmal gesagt. Auf seine Art würde der sanfte Italiener vermutlich sogar zustimmen: aber bitte "molto dolce".

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