Kultur : Wer wird Kanzlerkandidat der Union?: Die alten Leiden des neuen W.

Robert von Rimscha

Dauernd habe er in seiner Heimat-Zeitung die Schlagzeile "Ermittlungen gegen Schäuble gehen weiter" lesen müssen. "Da denken die Leute doch, das ist ein Schwerverbrecher", sagt Wolfgang Schäuble, der ehemalige CDU-Chef. Jetzt ist er davon überzeugt, dass das Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen uneidlicher Falschaussage in den nächsten Tagen eingestellt wird. Dann hat das Leiden ein Ende.

Am Mittwoch zog Schäuble eine vorläufige Bilanz der anderthalbjährigen Ermittlungen. "Lange genug beschäftigt" habe ihn das Vor-Verfahren. "In der öffentlichen Wahrnehmung" habe ihn das Vorgehen der Staatsanwaltschaft "erheblich berührt". Und noch etwas sagt Schäuble: "Es haben wohl irgendwelche Menschen die Absicht gehabt, mir zu schaden." Nicht nur "ein staunender Beobachter, sondern ein staunendes Opfer" sei er gewesen. Vor allem einmal sei er "aus allen Wolken gefallen", als nämlich Ex-Schatzmeisterin Baumeister erstmals gesagt habe, sie, nicht Schäuble, habe die strittige 100 000 Mark Spende Karlheinz Schreibers entgegen genommen. Seit beide, Schäuble und Baumeister, sich vor dem Spenden-Untersuchungsausschuss als Empfänger des Geldes bezeichneten, wird ermittelt. Wobei über die Wahrheit einer politisch ungünstigen Aussage gestritten wurde: Eben selbst die Spende entgegen genommen zu haben. "Die eigentliche Absicht war, mir klebrige Finger nachzusagen", sagt Schäuble heute.

Süffisante Bemerkungen

Seinen Zorn kleidet er in süffisante Bemerkungen über die verschiedenen Behauptungen Schreibers: "Meine rudimentären juristischen Kenntnisse haben nicht ausgereicht, die Bedeutung der wechselnden Aussagen eines notorischen Lügners zu erkennen." Das Ermittlungsverfahren habe ihn nicht verbitterter gemacht, sondern erfahrungsreicher. Dennoch: "Es ist ein beachtlicher Preis, den man als Betroffener zahlt."

Der Berliner Staatsanwaltschaft wirft Schäuble dünn kaschierte Prominentenhatz vor. "Das Jagdfieber steigt unter Umständen mit dem Bekanntheitsgrad" des Beschuldigten, mutmaßt er. Als sein Anwalt Alexander Ignor neben ihm nervös hin- und herrutscht, fällt sich Schäuble selbst in den Redefluss: Als Gegenstand von Ermittlungen stelle ein bekannter Politiker eben ein Faszinosum dar.

Zorn über das Verfahren, Genugtuung über die Einstellung - doch es hätte noch eine dritte Stimmung geben müssen, die Schäuble am Mittwoch prägte. Nur wenige Minuten zuvor hatte CSU-Landesgruppenchef Michael Glos ein mittelgroßes Bömbchen platzen lassen, als er Schäuble als einen der drei möglichen Bewerber um die Kanzlerkandidatur der Union bezeichnete, neben Merkel und Stoiber, doch ohne dass er, Glos, dies als eine Rangfolge verstanden wissen wolle. Und pflichtgemäß fügte Glos hinzu, sein Vorstoß sei seine private Meinung und mit Schäuble nicht abgesprochen.

"Es gibt größere Beleidigungen"

Der Gelobte selbst blieb tonlagenmäßig beim Süffisanten. "Es gibt größere Beleidigungen." Sicher sei nur: "Nachrichten von meinem politischen Ableben sind zumindest übertrieben. Ich bin am Leben." Zur Idee des Kollegen Glos sage er "nichts". Er sei dagegen, dass eine Debatte über die Kanzlerkandidatur geführt werde, und "zu einer Debatte, die man nicht führen sollte, trägt man nichts bei".

Schäuble wurde dann gefragt, ob er denn bekunden wolle, in keinem Fall zur Verfügung zu stehen. "Ich werde auch nicht erklären, dass ich nicht bereit bin, Papst zu werden", kam die Antwort des Badeners. Nein, nach all den Erfahrungen, die er nun gemacht habe, gelte für ihn wie wohl für jeden Bürger: "Sie sind froh, wenn es wieder hinter ihnen liegt." Und für hochtrabende Zukunftspläne ist dies wohl nicht der richtige Moment.

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