Kultur : Wer zahlt, schafft an

Ende einer Erfolgsstory? Das Literaturfestival startet ins fünfte Jahr. Sponsoren fordern weniger Chaos

Jörg Plath

Das soll Ulrich Schreiber erst einmal einer nachmachen: Während die kulturellen Institutionen der Stadt unter Sparvorgaben ächzten, stampfte er eine internationale Großveranstaltung aus dem Boden und lotste sie nach vier Jahren in einen sicheren Hafen. Das chronisch unterfinanzierte und vom Publikum begeistert angenommene elftägige „internationale literaturfestival berlin“ (ilb), anfangs aus der eigenen Wohnung des ehemaligen Maurers, Gymnasiallehrers und Architekten mit Hilfe von Praktikantenheerscharen organisiert, schlüpfte im letzten Jahr bei den Berliner Festspielen unter.

Auch im September, wenn Deutschlands größtes Literaturfestival wieder Autoren vom Range Kenzaburo Oes, Doris Lessings, Hans Magnus Enzensbergers und Carlos Fuentes’ vorstellt, wird es bei dieser Partnerschaft bleiben. Ob es für Impresario Schreiber nach seinen Off-Kultur-Anfängen unter dem Dach der etablierten Kultur auf Dauer einfacher wird, muss sich allerdings noch zeigen. Einige Partner und Sponsoren zeigen in letzter Zeit wenig Toleranz für seine Improvisationskünste.

Die Stiftung Preußische Seehandlung, eigentlich bei allen literarischen Projekten in Berlin beteiligt, fördert das ilb 2005 wie schon im vergangenen Jahr nicht, weil Zuschüsse zuvor mehrmals für andere Zwecke ausgegeben wurden. Und Nele Hertling, die Leiterin des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Dienstes, das seine Stipendiaten seit dem ersten Jahr im Rahmen des Festivals präsentiert, beklagt das „organisatorische Chaos“ des letzten Jahres. Sie wünscht sich „Professionalisierung“: „Dem Festival scheint seine Aufblähung und die Ausrichtung auf prominente Autoren nicht gut bekommen zu sein.“

Ulrich Schreiber kann die Kritik nicht nachvollziehen. „Frau Hertling kennt das Festival leider nicht aus eigener Anschauung und hätte sich zumindest mit einigen ihrer Autoren unterhalten sollen. Aber natürlich müssen wir einen Spagat bewältigen, besonders unter dem Dach der Festspiele. Unser Budget wird in diesem Jahr vielleicht geringer ausfallen als 2004.“ Statt 375000 Euro gibt der Hauptstadtkulturfonds für 2005 nämlich nur 350000 Euro, weil die Festspiele wohl kostenlos Veranstaltungsräume wie Technik stellen und den Kartenverkauf übernehmen.

Kritik entzündete sich immer wieder an der Bezahlung aller Beteiligten. 2003 lasen die Autoren ohne Honorar, 2004 für 100 Euro: Üblich ist mindestens das Dreifache. Für Ulrich Schreiber ist das kein Argument: „Das Festival ist etwas ganz anderes als eine Einzellesung. Wir bezahlen den Flug, das Hotel, die Verpflegung, alle Fahrten in der Stadt. Und die Autoren haben die seltene Gelegenheit, in einer einmaligen Atmosphäre Kollegen von anderen Erdteilen zu treffen. Auch auf den Festivals in Mantua oder Hay (Wales) wird kein Honorar gezahlt.“

Allerdings gibt es dort auch keine Literaturhäuser, denen mit Hilfe von staatlichen Geldern neue Konkurrenz entsteht. Adrienne Goehler vom Hauptstadtkulturfonds zeigt denn auch kein Verständnis: „Wir haben in mehreren Briefen und Gesprächen eindringlich darauf hingewiesen, dass weniger Autoren eingeladen werden sollen und die übrigen dafür besser bezahlt werden müssen.“

Beides wird beherzigt. Ulrich Schreiber rechnet nun mit 200 Euro je Autor und hat das ilb erstmals verkleinert. Statt 144 Autoren und Intellektuellen im letzten Jahr reisen vom 6. bis zum 17. September nun etwa 120 an. „Ein gewisses Maß an Unübersichtlichkeit muss sein“, beharrt Schreiber und verweist auf vergleichbare Großveranstaltungen – um dann von „World Voices“, dem New Yorker Literaturfestival des PEN zu sprechen, auf dem er diese Woche neue Autoren kennen lernen will. Als Kosponsor hat das ilb dort Auftritte von Autoren aus „New Europe“ – darunter Rafael Chirbes, Hanif Kureishi, Viktor Jerofejew und Cees Noteboom – organisiert.

Die Verkleinerung der Mammutveranstaltung zeigt, dass das ilb an Grenzen gestoßen ist: an finanzielle, an die der Arbeitsbelastung im kleinen, kärglich bezahlten Organisationsteam und an Grenzen der Toleranz bei Förderern und Partnern. Zugleich trennt sich das ilb von Externen wie der durch ihren eigenen Literatursalon bekannten Britta Gansebohm, die die Autorenpatenschaften organisierte. Sie legt zudem den Vorsitz im Förderverein nieder, weil Freunde einen eigenen für ihre Veranstaltungen gegründet haben. Das ilb beginnt, sich neu zu definieren und die eigenen Strukturen zu stärken. Das ist notwendig, um den mit der Etablierung gestiegenen Ansprüchen begegnen zu können. Ulrich Schreiber wird um jeden Preis verhindern wollen, dass der Intendant der Berliner Festspiele, der Dichter Joachim Sartorius, dem das ilb praktisch in den Schoß gefallen ist, ihn in anderen als programmatischen Fragen berät. Nur eines ist sicher: Im September wird das Festival wieder den literarischen Ausnahmezustand über die Stadt verhängen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben