Werbeflächen : Der verkaufte Blick

Werbung statt Kunst: Nach 50 Jahren endet das Ausstellungsprojekt am Berliner U-Bahnhof Alexanderplatz. Kunst statt Werbung - dieses Motto hat ausgedient. Die Wall AG möchte die Gleiswände lieber komplett vermieten.

Kolja Reichert
Werbefläche am Alexanderplatz
Das Kunstprojekt "Life Extreme" von Nezaket Ekici (2007). -Fotos: NGBK/Thomas Bruns

Als der Künstler Martin Kaltwasser vor einigen Jahren den Bahnsteig der U2 am Alexanderplatz bespielen sollte, war der Rest des Bahnhofs komplett von einem Sportartikelhersteller besetzt. Auf allen Werbeflächen nur eine Marke, wochenlang. Das fand Kaltwasser ziemlich eklig. Verzweifelt überlegte er, was man dieser totalen Bildermacht entgegensetzen könnte. Seine Antwort: Noch mehr Werbung. Den ganzen Bahnsteig einfach zukleistern mit Plakaten großer Unternehmen. Aber die Firmen waren zur Zusammenarbeit nicht bereit. Hilflos stand der Künstler als einsamer Kämpfer vor der großen Maschine Marketing.

Ähnlich hilflos steht nun auch die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) da, die heute Abschied vom U2-Bahnsteig nimmt. Sechzehn Jahre lang hat der Kunstverein Ausstellungen und Interventionen auf dem U-Bahnhof organisiert. Ayse Erkmens Fanfarenstöße begrüßten einfahrende Züge, Johan Lorbeer ließ einen BVG-Mitarbeiter in der Luft schweben. „Kunst statt Werbung“, lautete das Motto in den Neunzigern, was immer auch ein Kampfspruch war. Hier wurde ein Freiraum markiert.

Nun kehrt sich das Motto um: Werbung statt Kunst. Die Wall AG will ihren Kunden die Wände hinter den Gleisen als Komplettpaket anbieten, wenigstens drei Monate im Jahr. Die NGBK müsste dann im Fall einer Buchung die Flächen räumen, mit einer Vorwarnzeit von zwei Monaten. „So könnten wir gar nicht arbeiten“, sagt Benita Piechazek, Sprecherin des Kunstvereins. „Wir sind keine Pausenfüller.“ Abgesehen davon, dass der Senat signalisiert hat, dass im Falle eines Kompromisses die Zuschüsse von 80 000 Euro im Jahr gestrichen würden.

Ein Kapitel Stadtgeschichte geht zu Ende. 1958, als die Line D noch Ost und West verband, inszenierte sich die DDR in einem ersten Plakatwettbewerb als Friedenshüter. Die Weltkugel und Picassos Friedenstaube grüßten auf dem Bahnsteig die Fahrgäste. Ein international ausgeschriebener Wettbewerb im Folgejahr sollte Weltoffenheit und Toleranz signalisieren. 1982 wurde der Wettbewerb unter dem Eindruck des NATO-Doppelbeschlusses wiederbelebt.

Immer wieder gerieten die basisdemokratisch arbeitenden Organisatoren mit dem Staat aneinander. Dem entschiedenen Engagement einzelner Bürger ist es zu verdanken, dass in den Wirren der Wendezeit der Berliner Senat die Förderung des Programms übernahm. 1991 wurde der NGBK zum Träger. Nicht zuletzt wegen der Qualität der künstlerischen Arbeiten verstanden Senat und BVG den Kunstbahnhof immer auch als einen Beitrag zur Imageförderung der Stadt. Dennoch war die Arbeit des Kuratorenteams ständig von der Angst vor kommerziellen Begehrlichkeiten begleitet, wie sich nun bestätigt hat.

Dass diesen nun die Tür geöffnet ist, geht auf eine Entscheidung des Berliner Senats zurück. Er verkaufte die frühere BVG-Tochter VVR Berek, die damals für die Vermarktung der Werbeflächen zuständig war, 2006 höchstbietend an den französischen Global Player JCDecaux. Das Berliner Unternehmen Wall AG kaufte dieses Filetstück in Sachen Werbung dann letztes Jahr von JCDecaux – vom Kunstprojekt war nicht mehr die Rede. „Weder durch das Land noch durch die BVG wurde deutlich gemacht, dass Kultursponsoring oder Kunstaktionen gewünscht sind“, sagt Unternehmenssprecherin Beate Stoffers. Wall hat der NGBK auch alternative Bahnhöfe angeboten, die allerdings bei Weitem nicht so attraktiv und geschichtsträchtig sind wie der Alexanderplatz.

Dass Kunst und Werbung sich dieselben Flächen teilen sollten, wie die Wall AG es vorschlug, stößt beim NGBK auf Ablehnung. „Wir könnten schon optisch nicht gegen Werbekunden ankommen“, weiß Piechazek. Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist in einem Durchgangsraum wie dem U-Bahnhof sowieso ein prekäres. Manchen ist im Vorbeihasten der Unterschied zwischen Werbung und Kunst gar nicht aufgefallen, mancher meint gar, subversive Kraft gäbe es eh nur noch in der Werbung.

Die visuelle Kultur hat sich in fünfzig Jahren dramatisch verändert. Die Allgegenwart der Reklame hat eine Abstumpfung der Blicke hervorgebracht, gegen die Kunst erst einmal ankommen muss. Kunst irritiert und bricht mit Wahrnehmungsmustern, Werbung tut das auch. Beide flirten schon lange miteinander. 120 000 Menschen passieren täglich den U2-Bahnhof am Alexanderplatz. Dass die BVG jahrelang auf diese Einnahmequelle verzichtete, hatte Symbolkraft in einer Zeit, in der der öffentliche Raum immer weiter ausverkauft wird und die Macht über die Blicke immer mehr Objekt kommerzieller Begierden wird.

Heute zwischen 12 und 20 Uhr großes Abschiedsfest mit allen Künstlern und Kuratoren auf dem Bahnsteig der U2.

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