Kultur : Werkstoff Plazenta

Der Berliner Künstler Micha Brendel irritiert mit menschlichen Organen

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Von Christian Helge Röfer Das Atelier sieht aus wie ein anatomisches Kuriositätenkabinett: An der Decke hängt der Panzer eines kleinen Alligators, an der Wand ein Dachsskelett. Oben auf dem Schrank, in einer großen Glasbox, befinden sich Wieselfelle, Igelknochen und Mäusekadaver, in der Ecke eine Duschwanne, blutverschmiert. In den Regalen liegen Schädel und andere Gebeine, stehen Laborgläser mit Organen – Augen, Gehirne, Herzen, Haut –, dazu Aceton, Balsam, Nuss und Kirschkernöl, Mahagoni- und Teakholzlack.

In dieser Sammlung auf einer Tempelhofer Fabriketage sitzt Micha Brendel. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Schale, darin ein blutiges Gebilde, das an einen Schwamm erinnert. „Diese Eihäute, zauberhaft“, schwärmt er. „riesengroß, da war ein ganz schöner Racker drinnen.“ Mit Schere, Skalpell und bloßen Händen löst er die Häutchen von dem Mutterkuchen. Micha Brendel ist kein Geburtshelfer, Pathologe oder Anatom. Micha Brendel ist Künstler. Nur dass sein Werkstoff nicht Gips oder Stein, Holz oder Stahl ist. Er arbeitet mit tierisch-organischem Material, mit Knochen und Haut, mit Blut und Fleisch. Diesmal sogar mit Menschenfleisch.

Vierzig Plazenten hat er seziert und präpariert, vertrocknen oder verwesen lassen, in Säuren, Basen und Laugen, in Salzlösungen, Alkohol und Farben eingelegt, in Kunstharz gegossen oder mit Blattgold überzogen. „Ich habe die Plazenten verschiedenen Einflüssen ausgesetzt – analog zu den Möglichkeiten des Lebens“, sagt Brendel dazu. Denn, so fährt er fort, „was die Plazenta nach der Geburt durchmacht, macht der Mensch auch durch“. Will heißen: So wie wir uns unter Einwirkung äußerer Lebensumstände verändern, tut die Plazenta das unter Brendels Händen auch – und wird zu einem individuellen Objekt.

Micha Brendel sieht in der Plazenta mehr, als die bloße Versorgungsstelle für das sich entwickelnde Kind. Er meint in der „wurzelartigen Struktur“ das Bild des „Lebensbaums“ wiederzuerkennen und knüpft damit an das Mythische an, das sich in vielen Kulturen um dieses Organ rankt. In Malaysia etwa gilt die Nachgeburt als älteres Geschwisterteil, im Sudan als das geistige Ebenbild des Kindes, die Hawaiianer begraben sie und die Jemeniten legen sie aufs Hausdach. In Deutschland wurde sie zu Cremes und Seifen verarbeitet, heute verbrannt. Brendel hat die Plazenten von Freunden und Bekannten bezogen, sagt er.

Illegal ist das nicht. „Ich benutze ja nichts Lebendiges, sondern Materie, die aus dem Lebenskreis ausgeschieden ist“, sagt er. Besonders interessiert den Künstler dabei das Funktionsparadigma unserer Kultur: Sobald die Plazenta keine lebensnotwendige Funktion mehr hat, wird sie entsorgt. Doch für Fragen wie „Woher komme ich?“ „Was ist mein Weg auf der Welt?“ sei sie der geeignete Werkstoff.

Eins von Brendels Objekten ist tiefblau gefärbt, „Pariser Blau“ heißt die Farbe und der Künstler hat sie für Monate in ein besonderes Kaliumsalz eingelegt, „rotes Blutlaugensalz“, sagt er. Die eierschalenbeige, aufgedunsene Masse hat in einer hochprozentigen Alkohollösung gelegen, die dunkelrote ist mit Beize behandelt, mehrere verschrumpelte lagen wochenlang in der Sonne und sind schlicht ausgetrocknet. Organisches Material ist instabil und flüchtig, Brendels Kunstobjekte sind daher konserviert: Jede der 40 Plazenten liegt einzeln in einem flachen, mit Formalin gefüllten Glasbehältnis. Diese Gefäße hängen zwischen zwei Metallplatten. Die Serie, ab Sonntag im Medizinhistorischen Museum der Charité ausgestellt, trägt den Titel „Planeten und Placenten“. Sie zeige, so Brendel, den Mikrokosmos Mensch und zugleich das große Ganze, die fleischliche Kreatur.

1959 im thüringischen Weida geboren, studierte Micha Brendel Malerei, Grafik und Bühnenbildnerei in Berlin und in Dresden und gehörte in der ehemaligen DDR zu den regimekritischen so genannten Autoperforationsartisten. „Zu Beginn meiner Arbeit mit Knochen, Fleisch und Blut war ich von der Rohheit begeistert, von dem Tabubruch, Organisches künstlerisch zu verarbeiten“, sagt Brendel. Er ziele nicht auf Schock- und Ekelgefühle, weiß aber genau, dass er genau das provoziert. Und er macht es sich zunutze. „Wegzuschauen traut sich niemand“, erklärt die Kunsthistorikerin Käthe Wenzel, die sich eingehend mit Brendels Werk beschäftigt hat. „Wer diese Objekte auch nur aus dem Augenwinkel gesehen hat, der muss sie sich genau anschauen. Was er sich vorstellt, ist viel schlimmer, als das, was er je sehen könnte.“

So leben die Arbeiten von Micha Brendel von der Grenzüberschreitung. Sie reißen den Betrachter aus den Bahnen des „Kunstgewöhnlichen“, provozieren eine Auseinandersetzung mit dem, was Leben bedeutet. „Einige werden sagen“, bemerkt Brendel, „es sei gut gelungen. Und viele werden sagen, widerlicher gehe es nicht mehr.“

Im Museum der Charité werden die Plazenta-Werke unter dem Titel „Eine Schicht tiefer – Wunden und Wunder in Körpern“ mit ausgewählten Exponaten der permanenten Sammlung zusammengebracht: Kunst trifft auf Medizin, Skulptur auf Anatomie, Ästhetik auf Missbildung.

Im Herbst wird der Fleischkünstler selbst Vater. Wieder eine Plazenta mehr. Was mit ihr geschehen soll? Micha Brendel denkt an einen Ehrenplatz.

Vom 30. Oktober bis 31. März 2006 im Medizinhistorischen Museum der Charité (Schumannstraße 20/21, Mitte). Ein Katalog zur Ausstellung wird Anfang 2006 erscheinen.

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