Wettbewerb : Mit Charme und Cadillac

„My One and Only“ ist ein beschwingtes Roadmovie und bezaubernde Komödie zugleich. Mitten drin: Renée Zellweger als Frau und Mutter, die nie aufgibt.

Christina Tilmann
myoneandonly Foto: Berlinale
Augenblick. Renée Zellweger und ein Verehrer in "My one and only". -Foto: Berlinale

Und noch einmal: eine Frau in den besten Jahren. „Merkst du nicht, dass du viel zu alt für ihn bist? Seine Freundin ist halb so alt wie du“, ruft der 15-jährige George, dem der unerschütterliche Optimismus seiner Mutter nur noch peinlich ist. Peinlich ihr ständiger Spruch: „Wir schaffen das schon“, peinlich die aufreizende Art, mit der sie auf Männerfang geht, peinlich die Ex-Freunde, die sie dabei ausgräbt, und vor allem die flotten Sprüche, die sie in jeder Situation auf Lager hat: „Mein Vater baut sein Leben auf Improvisation, meine Mutter auf einen Aphorismus.“

Der Film basiert auf den Erinnerungen des Schauspielers George Hamilton an seine Mutter – und ist eine Hommage an eine Frau, die, ohne darauf vorbereitet zu sein, plötzlich auf sich gestellt ist. Nein, peinlich ist sie bestimmt nicht, diese Ann Deveraux, in ihrem hartnäckigen Versuch, ihr Leben selbst zu gestalten, und das ihrer Kinder gleich mit. Ihr Mann, ein unbekümmerter New Yorker Bandleader (Kevin Bacon), betrügt sie am laufenden Band. Nun, dann verlässt sie ihn einfach, packt die Jungs ins Auto, und auf geht’s, quer durch Amerika. Wäre doch gelacht, wenn sich kein besserer findet. So viel Optimismus muss sein.

Renée Zellweger reiht sich würdig ein, in die Riege von Michelle Pfeiffer, Kate Winslet, Kerry Fox und anderen, die diese 59. Berlinale zum großen Fest der großen Frauen machen. Ihre Ann ist ein blondes Gift mit flach modulierter Piepsstimme, lässt sich nichts gefallen, gibt nie auf. Sie ist naiv, aber nicht dumm, und trotz des glamourösen Auftritts ziemlich bodenständig und realistisch. Was an Einsamkeit, an Verzweiflung hinter der flotten Fassade steckt, ahnt man erst langsam. Der Preis der Freiheit ist hoch.

Richard Loncraines „My One and Only“ ist der Nachrücker im Wettbewerb gewesen, wurde erst ganz kurz vor Festivalbeginn eingeladen, weil ein anderer Film weggefallen war. Und das, obwohl der Regisseur, der mit „Richard III.“ 1995 den Silbernen Bären geholt hatte, Dieter Kosslick sogar die Filmkopie persönlich vorbeigebracht hat. Nun erweist er sich als Glücksgriff in der Schlusskurve, wie ein frischer Windstoß: ein beschwingtes Roadmovie, eine bezaubernde Komödie, schlagfertig, bonbonbunt, leichtfüßig und doch mit viel Herz.

Das beginnt schon beim Vorspann: eine rhythmisch komponierte Fingerübung, wie man sie auch in der Ausstellung in den Kunst-Werken in der Auguststraße derzeit bewundern kann. Ansichtskarten, Musikmedley, ein Sprung hinein in die bunten 50er, als die Autos noch groß, die Straßen weit und die Frauen blond toupiert waren. Auch Ann zieht in ihren Eroberungskampf gerüstet mit Sonnenbrille, Cadillac und Perlenkette. Sonnigen Optimismus strahlt sie aus, auch wenn alle Pläne sich zunächst ins Gegenteil verkehren. Das Geld wird knapp, die Jungs entnervt, und die potenziellen Versorger sind wahlweise brutal autoritär, nur an jugendlichem Frischfleisch interessiert, pleite oder verheiratet.

Ann erleidet immer wieder Schiffbruch, sehr zum Missvergnügen der Söhne, die den Trip quer durch Amerika, durch immer billigere Absteigen längst nicht mehr lustig finden und bissig von der Rückbank aus kommentieren. Der ernste George (Logan Lerman), der die Rolle des Familienoberhaupts einzunehmen versucht, sehnt sich nach seinem Vater, sein schwuler Bruder Robbie (Mark Rendall) stickt die Landkarte der Reise auf sein Hemd, träumt von einer Karriere als Schauspieler und kommt doch nie über die Generalprobe hinweg.

Am Ende, zurück in der Schule, sollen alle von ihren Sommerferien berichten. Der Vater hat im Garten gegrillt, und sehr viel mehr ist nicht passiert, beginnt eine Klassenkameradin ihre Erzählung. Und dann legt George los und erzählt von seinen Sommerferien: „Sie haben mich angeschaut wie einen Außerirdischen“. So eine Reise in die Freiheit kann sich anfühlen wie eine Reise zum Mars.

13. 2., 12 Uhr (Friedrichstadtpalast), 22.30 Uhr (Urania), 15. 2., 10 Uhr (Friedrichstadtpalast)

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