Kultur : "Whipped - Vernascht": Enthemmt, verkümmert

Silvia Hallensleben

Bei den deutschen Kinostarts geht es zur Zeit zu wie auf einem Verschiebebahnhof. Die Gleise sind hoffungslos überfüllt, doch wöchentlich kommen neue Züge herangedonnert. Immer hektischer schieben die Streckenmanager ihre Hollywood-Expresse und Euro-Stars hin und her, um irgendwo noch ein Plätzchen freizumachen. Einige verschwinden dabei ganz vom Fahrplan. Andere werden auf irgendeinen verschlafenen Provinzbahnhof abgeschoben, wo man hofft, dass sie vor dem Verschrotten noch ein paar Passagiere einsammeln, die es zufällig dorthin verschlagen hat.

Einer dieser abgeschobenen Filme heißt "Whipped", und er wurde uns Kritikern Anfang September vorgeführt, um fahrplanmäßig am 9. November in den Filmherbst zu starten. Die Resonanz war verhalten, die Konkurrenz - zwölf andere Filme - bedrohlich groß. So ist aus November Weihnachten geworden, der Film hat den deutschen Verleihtitel "Vernascht!" erhalten, und die Anzahl der konkurrierenden Filmstarts ist auf zwei geschrumpft. "Manche Filme sind so arm dran, dass man nicht noch daraufschlagen möchte", hat Kollegin Birgit Galle einmal klug formuliert. Und auch eines Films wie "Whipped" könnte man sich in einem Gnadenakt erbarmen, wäre da bei aller Armseligkeit nicht auch ein Funken an Irritation und an Neugier, die allerdings weniger dem Film als seiner Enstehungsgeschichte gilt.

Wir kennen das: Da ist ein junger, enthusiastischer Filmemacher mit einer Idee, an die er innig glaubt. So innig, dass er versucht, sie gegen viele Instanzen durchzusetzen, vergebens. Am Ende bleibt ihm nur eins: Das Projekt unter enormem persönlichem und finanziellem Einsatz selbst zu realisieren. Tatsächlich hat der junge US-amerikanische Werbefilmproduzent Peter M. Cohen mit seinem ersten eigenen Spielfilm "Whipped" als Regisseur und Produzent sein Herzensprojekt verwirklicht. Ein Sieg.

Und eine Niederlage: Denn der Stoff, der Cohen so am Herzen lag - das Balzverhalten junger Singles in New York - ist denkbar abgegriffen und die Erkenntnis eher banal: Auch Frauen können echte Machos sein. Der Schock über diese erschreckende Wahrheit hat die Phantasie der Filmemacher aber offensichtlich paralysiert. Und so kreist diese Geschichte von den drei Anmachhengsten, die unverhofft auf ihre Gegenspielerin (Amanda Peet) treffen, in einem tristen Zirkel humoresker Standardsituationen und ritualisierter Männer-Sonntags-Brunch-Gespräche vor sich hin. Auch die Rituale postmodern nichtlinearen Erzählens beherrscht Cohen perfekt, führt sie aber, gleichsam schulbubenmäßig, nur einmal kurz vor, gewissermaßen zur Kenntnisnahme.

"Whipped" ist ein Paradox: Ein Autorenfilm, der aussieht, als sei er der Drehbuch-Retorte entsprungen. Ein Film, der vor Angst erstarrt ist, und versucht, sie sich mit einem Übermaß an Rotzigkeit abzuschütteln. Das traurige Produkt verkümmerter Jungsseelen, die sich für maßlos enthemmt halten, weil ihnen ein in der Kloschüssel versenkter Dildo als Inbegriff des Komischen gilt. Oder, wie es Stephen Holden in der "New York Times" nannte, ein Film über "Zwanzigjährige, die reden, als wenn man ihnen die Hirne vierzehnjähriger männlicher Jungfrauen implantiert hätte".

Drei Millionen Dollar hat der Film gekostet, knapp über vier hat er bisher eingespielt. In den USA musste "Whipped" innerhalb von drei Wochen von 1500 auf 70 Leinwände zusammenrücken. Dann war er draußen.

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