Kultur : Wider die Fälscher und Alarmisten

Ein Jahr danach: Warum starb Theo van Gogh?

Bassam Tibi

So wie viele Berater von US-Präsident George W. Bush kaum etwas aus dem Irakkrieg gelernt haben, scheinen viele Europäer nichts aus dem Mord an Theo van Gogh zu lernen. Drei Gruppen dominieren die Diskussion. Erstens die Fälscher: Sie behaupten, der Mörder, Mohammad Bouyeri, sei (wie die Terroristen vom 11. September, von Madrid und London) ein Einzeltäter und habe mit dem Islam an sich überhaupt nichts zu tun. Zweitens die Alarmisten: Sie dämonisieren den Islam und rufen zur Abwehr seines Vormarsches in Europa auf. Drittens die Realisten: Sie erkennen ohne Panikmache und Anfeindung die Gefahr der Verbreitung des Jihad-Virus, vor allem unter den islamischen Jugendlichen der zweiten und dritten Generation in Europa.

Jenseits aller Fälschungen, Panikmache und Fremd- und Feindbilder sollten die Europäer zunächst schlicht die Fakten wahrnehmen und nach demokratischen Lösungen suchen. Ein niederländischer Migrationsforscher, F. Buijs, zeigte anhand der Bouyeri-Biografie die für ein Kind muslimischer Migranten charakteristischen Faktoren auf, die es in den Jihad treiben: Mangelnde Integration in die Kultur der Demokratie und der Einfluss des jihadistischen Islam in der Diaspora sind die Ursache für das Abdriften der jungen Muslime. Dieses Phänomen zu verniedlichen, nützt nichts. Man muss anerkennen, dass auf europäischem Boden ein Krieg der Weltanschauungen zwischen säkularer Demokratie und Islamismus stattfindet.

Was tun? Zuerst muss man aufhören, das Phänomen allein als Extremismus zu sehen, der mit dem Islam nichts zu tun hat. Es ist richtig, dass die Ideologie des Islamismus nicht die Religion des Islam ist, sie beruht aber auf einer populären Interpretation des Islam, die besonders innerhalb der Islam-Enklaven Wurzeln schlägt. Das ist eine Herausforderung an Europa. Was tun, ohne den Islam und die Muslime anzufeinden? Die Begriffe „Toleranz“ und „Multi-Kulti“ sind zu vage, um als Leitfaden zu taugen. Statt dessen müssen die Europäer klipp und klar sagen: Die säkulare Zivilgesellschaft bleibt die Grundlage des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kulturen. Zu ihren Regeln gehört die Ächtung aller Formen von Gewalt, gleich ob diese religiös oder kulturell begründet werden.

Wenn Europäer und Muslime in Frieden miteinander leben wollen, müssen sie sich außerdem auf einen Wertekonsens einigen, auf eine gemeinsame Leitkultur. Wer das Wort nicht mag, soll ein anderes wählen. Wichtig ist nur: Wir brauchen eine euro-islamische Kultur der Zivilgesellschaft. Der Bürgermeister von Amsterdam sagt: „Wir benötigen Brücken, keine Bruchlinien.“ Der Wertekonsens einer zivilgesellschaftlichen Leitkultur ist eine solche Brücke. Wer dies ablehnt, darf sich nicht wundern, wenn der Mord an van Gogh zum Modell wird.

Bassam Tibi ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen und A.D. White Professor-at-Large an der Cornell University, USA.

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