Kultur : Wie ein Haus sich häutet

NICOLA KUHN

"Joliment intéressant", lobte die Architektengattin den jüngsten Wurf ihres international gefragten Ehemanns.Und auch Töchterchen Tilla befand: "Papa baut aber schöne Häuser!" So jedenfalls überliefert es die Korrespondenz zwischen Henry van de Velde und seiner im heimatlichen Belgien zurückgebliebenen Ehefrau Maria Séthe.Neunzig Jahre später braucht es wieder eine fast kindliche Phantasie, um vor dem geistigen Auge rekonstruieren zu können, was Tochter und Mutter van de Velde damals gesehen und gemeint haben mögen.Und der gleichen Begeisterung für das Werk dieses Architekten bedarf es, um sich vorzustellen, daß schon in zwei oder auch drei Jahren die legendäre Chemnitzer Villa Esche wieder so vor uns stehen könnte.

Denn der kolossale Jugendstil-Kasten, der erste Hausbau van de Veldes in Deutschland, befindet sich heute in einem bedauernswerten Zustand.1902/03 für die Familie des Strumpffabrikanten Herbert Esche erbaut, 1911 von van de Velde selbst noch einmal erweitert und bis Ende des Zweiten Weltkrieges von den ersten Besitzern bewohnt, hat sie seitdem eine wenig ruhmvolle Geschichte hinter sich.Erst schlug die russische Militäradministration hier ihr Lager auf, dann bezog die Stasi Quartier, zuletzt verlegte die Handwerkskammer ihr Schulungszentrum in die einst großbürgerlichen Räumlichkeiten.

Spuren haben sie alle hinterlassen, am nachhaltigsten offensichtlich die letzten Nutzer, denn obwohl vom Fach kommend, rührten sie keinen Finger, um Verschleiß, aber auch Verfall dieses architektonischen Juwels aufzuhalten oder die vom Gartengeländer über Fensterrahmen bis zum Mobiliar reichende gesamtheitliche Gestaltung zu schützen.Räume wurden zusammengelegt, andere wiederum aufgeteilt.Für die Garderobe mußten Mauern aufgestemmt, für die Kantine und ein Kino brachial Platz geschaffen werden.Derweil durften sich die Malerlehrlinge kreativ betätigen und im ersten Geschoß jugendstilige Ornamente als Fries an die Wand pinseln.

Den van de Velde-Fan mag es schaudern bei dieser Vorstellung, doch die Villa umgibt seit einem halben Jahr das Flair geschäftiger Wiedergutmachung.Generalstabsmäßig werden die Spuren der jüngsten banausenhaften Bewohner getilgt und Schritt für Schritt Erhaltenes wieder an die Oberfläche befördert: Originalstuck unter einer abgehängten Decke, Jugendstilvertäfelungen und Malereien hinter vorgeblendeten Wänden und im Keller womöglich ein authentischer Schreibtisch, der seinen letzten Nutzern allerdings als Werkbank diente - bei seiner Arbeit wohlwollend betrachtet von den an die Wand gehefteten Pin-ups.Nun aber stehen Container vor dem Haus, um abzutransportieren, was nicht stilecht ist.Und plötzlich beginnt auch die grün- und gelbfarbige Glasdecke im Atrium wieder zu funkeln, als würde schon mit dieser Austreibung etwas vom alten Geist zurückkehren.

Lange Zeit sah es nicht danach aus.Sicher, kaum hatte 1990 die Handwerkskammer das Haus verlassen, gründete sich auch schon ein Freundeskreis unter Federführung des Chemnitzer Jugendstil-Sammlers Georg Brühl, der im gleichen Jahr auf einer Münchner Auktion große Teile des Originalmobiliars für 1,3 Millionen Mark ersteigern und dem Städtischen Museum überantworten konnte.Doch dann wurde es beinahe totenstill um die ebenso kunstgeschichts- wie renditeträchtige Immobilie.Die in Süddeutschland und in der Schweiz lebenden Erben mußten erst einmal vor Gericht klären, wem das rückübertragene Haus nun wirklich gehörte.

Den Zuschlag bekam am Ende der Schweizer Clan, der nach jahrelangem Rechtsstreit nun wenigstens auf einen guten Verkauf hoffte.Doch nichts dergleichen: Überhöhte Preisvorstellungen und denkmalpflegerische Auflagen hielten die Käufer ab; selbst die Idee, ein Casino hier einzurichten, zerschlug sich wieder.Lachender Dritter blieb am Ende die Stadt, die in Gestalt ihrer Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft in diesem Frühjahr das Haus erwarb.Bei 2,5 Millionen sollen die Erben zuletzt eingewilligt haben, versüßt durch das Versprechen, daß in dem Haus künftig nicht nur van de Veldes, sondern auch der Familie des tüchtigen Strumpffabrikanten gedacht werden wird.

Chemnitz könnte sich hier selbst eine Erfolgsgeschichte schreiben, wenn es van de Velde und seinem berühmten Bau auch bei der weiteren Finanzierung die Stange hält.In Zeiten wie diesen braucht sie solche Geschichten mit Happyend dringend.Am südöstlichen Rande der Republik gelegen, in Sachsen ohnehin übertönt von Dresden und Leipzig, hat sich die einstige sozialistische Vorzeigeadresse immer schon schwer getan, kulturell Profil zu zeigen.Denn eine Kunstmetropole war das "sächsische Manchester" nie, mochte das Bemühen seit den zwanziger Jahren durch Museumsgründung und Karl Schmidt-Rottluffs heimatverbundene Unterstützung auch groß gewesen sein.

Mehr Aufgeschlossenheit bewies Chemnitz für seine originären Schätze vor allem im Industriebau.Auch wenn die Stadt im Zweiten Weltkrieg nach Dresden in Ostdeutschland am schwersten getroffen war, so stehen doch heute noch zahlreiche Bauten berühmter Architekten wie Poelzig oder Mendelssohn - Kaufhäuser, Schwimmbäder, Verwaltungsbauten, Werkhallen.Mit dem Engagement für die Villa Esche versucht Chemnitz zumindest an jene Zeit zu erinnern, als kunstsinnige Industrielle hier noch lebten und bauen ließen.In der Parkstraße 58, wo bis 1990 Tischlergesellen und angehende Schornsteinfeger ihre Prüfung ablegten, soll dann aus den zurückgeholten Möbeln (bis hin zum ebenfalls von van de Velde entworfenen Geschirr, den Vorhängen und Lampen) das großbürgerliche Ambiente als Museum neu erstehen.

Mit van de Veldes Hilfe hat Chemnitz ein wenig zu träumen begonnen, denn schließlich würde die strahlende Wiedergeburt seines ersten Hausbaus in Deutschland der Stadt auch europaweit Renommee bescheren.Auf den Spuren des belgischen Baumeisters dürfte Chemnitz als Station fortan nicht mehr fehlen."Joliment intéressant", wäre dann wohl das mindeste, was sich die heutigen Hüter dieses Schatzes als Kommentar wünschen.

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