Kultur : Wie geht es weiter?

Martin Zawadzkis Dokumentarfilme zeigen Menschen in äußerster Not. Eine Werkschau

Hans-Jörg Rother

Auch das Herz denkt. Es kann vor Freude hüpfen und vor Angst in die Hose sinken, weiß der Volksmund. „5000 Mikrovolt Energie gehen vom Herzen aus, vom Gehirn nur 100“, erzählt Paul Pearsall einem Dokumentarfilmer. Hinter ihm liegt der Palmenstrand von Hawaii. Pearsall ist Kardiologe und Neuroimmunologe, und der Filmemacher hat die weite Reise zu ihm unternommen, weil er einen Film über Herztransplantationen dreht. Es gibt gute Herzen und böse. Manche Indianerstämme sollen die Herzen ihrer besiegten Feinde verspeist haben, um sich deren Kräfte einzuverleiben.

Der Dokumentarfilmer heißt Martin Zawadzki und, sein Film trägt den Titel „Herzklopfen“ (2003). Er erzählt die Geschichte zweier Menschen, die auf ein Spenderherz warten. Eines Tages werden sie operiert. Man sieht, wie im Klinikum Bad Oeynhausen einer Frau aus dem Ruhrgebiet das kranke Herz entnommen und das gesunde einer fast Gleichaltrigen vom Oderbruch eingesetzt wird. Später wird die Empfängerin, die das Leben liebte, geheilt zu ihrer Familie zurückkehren. Ein Mann, der mit sich wenig anzufangen wusste, verträgt das eingepflanzte Organ dagegen nicht. Er stirbt zwei Monate nach der Operation. Ist es doch der Geist, der sich – wie Schiller meinte – den Körper baut? Die Schulmedizin will davon nichts wissen, aber der Filmemacher Zawadzki stellt solche Fragen .

Begonnen hat Martin Zawadzki als Fotoreporter bei Demonstrationen und als Installationskünstler. Er setzte sich gern mit fremden Räumen auseinander, erzählt der 1957 in Oberhausen geborene Regisseur, als wir uns in seinem Stammcafé nahe dem Schlesischen Tor treffen. Er lebt gern im Kreuzberger Kiez. Obwohl es ihn auch immer wieder hinaus zieht, nach Hawaii oder nach Paris, wo er für seinen Film „Der vierte Sektor“ den an der Universität Berkeley lehrenden Soziologen Loic Wacquant über die Folgen des Neoliberalismus befragte. Das war 1999.

Heute, nach fünf Jahren steigender Arbeitslosigkeit, wirken Wacquants Gedanken zur Verschärfung der Klassenunterschiede fast prophetisch. In Zawadzkis OEuvre, aus dem das Filmkunsthaus Babylon ab heute vier lange und zwei kurze Arbeiten zeigt, bildet oft ein Gedanke den Ausgangspunkt. Die Filme erzählen Geschichte nicht um ihrer selbst willen, sie Zeugen eines Problems, das größer ist als der einzelne Mensch. Im Zentrum von „Der vierte Sektor“ steht die Umschulung von Arbeitslosen zu Sicherheitsleuten an der TÜV-Akademie in Berlin-Spandau, damit sie Wohlstand und Eigentum vor kriminellen Elementen schützen.

Einer von ihnen sehnt sich, und Zawadzki mit ihm, nach einem anderen, freien und selbstbestimmten Leben. Die Biographien der Ausbilder, die ihr Handwerk bei der Staatssicherheit der DDR erwarben, interessieren den Regisseur nur am Rande. Statt Tatbestände abzufragen, wollen seine Arbeiten neue Horizonte erschließen. Wie geht es weiter? fragen sie.

Einmal musste Zawadzki sich diese Frage selbst stellen. Er war noch Student an der Film- und Fernsehakademie Berlin, als die Ärzte bei ihm Leukämie diagnostizierten. Helfen konnte nur eine Knochenmarktransplantation. Zawadzkis Schwester stellte sich zur Verfügung und die Operation gelang. Seitdem kreist sein Denken um existenzielle Grenzsituationen. Der Kurzfilm „Isolator“ war1992 der erste Versuch, die Lebenskrise dokumentarisch zu bewältigen und spielerisch aufzulösen.

Für die Studie „Isolator II“ erhielt er 1998 den Adolf-Grimme-Preis und den Preis der deutschen Filmkritik: Einem Leukämie-Patienten wird auf der Isolierstation das Rückenmark abgesaugt und später nach intensiver Bestrahlung wieder eingespritzt, eine sechswöchige, akribisch vorgezeigteTortur, die den Regisseur nach den Grenzen der Apparatemedizin und nach dem seelischen Halt eines Menschen fragen lässt, dessen Welt auseinander genommen wird.

Zawadzkis Kamera begnügt sich nicht mit der Beobachterrolle. Streng authentisch, scheut sie allerdings nicht vor Rhetorik zurück. Das verleiht dem „Vierten Sektor“ seine redundante Diskursform. In „Boatpeople“, dominiert dagegen die Geschichte. Der Film porträtiert eine erfolgreiche Marketingassistentin, die als Kind mit der Mutter aus Vietnam flüchtete. Die Tradition liegt hinter ihr. Der – vom Filmteam hautnah vermittelte – Besuch beim Vater in einem vietnamesischen Fischerdorf, der als Wiederannäherung gedacht ist, kann den Bruch jedoch nicht kitten. Sehr dicht ist Zawadzki hier der Entseelung moderner Menschen auf der Spur. Und stilistisch nähert er sich dem Spielfilm. Auch das ist eine Grenze.

Das Filmkunsthaus Babylon zeigt eine Zwadzki–Werkschau: „Isolator“ u. „Isolator II“: 26.Oktober, „Der vierte Sektor“: 27.Oktober, „Herzklopfen“: 28.Oktober, „Boatpeople“: 29.Oktober, jeweils 20 Uhr (Rosa-Luxemburg-Str. 30, Mitte)

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