Kultur : Wie kauft man ein Volk?

Rente und Rasse: Gespräch mit dem Historiker Götz Aly über Hitlers „Wohlfühldiktatur“ und den deutschen Sozialstaat

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Herr Aly, Ihr Buch „Hitlers Volksstaat“ hat überraschend Erfolg. Es geht in die vierte Auflage und wird in fünf Sprachen übersetzt. Ihre Grundthese lautet: Hitler hat die Deutschen finanziell korrumpiert, das „Dritte Reich“ war eine „Zustimmungsdiktatur“, der Nationalsozialismus gründete auf entfesselter Raublust und materieller Gier. Muss die Geschichte 60 Jahre nach Kriegsende neu geschrieben werden?

Die Gewichte in der Analyse des Nationalsozialismus werden sich verschieben. Es wird klar werden, dass die Akzente in der Vergangenheit einseitig auf Rassismus und Ideologie gelegt worden sind. Auch der Blick auf die Verantwortung der Eliten verliert aufklärerische Leuchtkraft, wenn er in halb modischer, halb gelangweilter Weise immer gedankenärmer repetiert wird. Demgegenüber sollte das breite Profitieren der deutschen Bevölkerung an den unmittelbaren Erträgen des Krieges endlich zur Kenntnis genommen und die Funktionsweise der NSHerrschaft als sozial gebundene Gefälligkeitsdiktatur nicht länger verdrängt werden. Eine britische Journalistin hat den treffenden Begriff vom „Feel-Good-Führer“ geprägt. Aus dieser Perspektive lässt sich am ehesten erkennen, woher die hohe, heute unerklärlich erscheinende politische Integrationskraft des Nationalsozialismus selbst noch im Krieg rührte.

Sie beschreiben eine verbraucherfreundliche Diktatur. Waren die Nazis soerfolgreich, weil sie so modern waren?

Hitlers Krisenmanagement funktionierte nach dem Muster: Sozial- und Steuergeschenke gegen zumindest passive Zustimmung. Die Deutschen waren 1939 sehr skeptisch, als der Krieg begann. Das änderte sich erst langsam. Die Grundlage dafür bildeten immer neue staatliche Wohltaten, etwa Steuerfreiheit für Sonntags- und Nachtarbeit im Herbst 1940 oder Görings „Schlepperlass“, mit dem deutsche Soldaten regelrecht aufgefordert wurden, sich in den besetzten Ländern zu bereichern. Im Spätherbst 1941, als klar wurde, dass der Russlandfeldzug nicht mit einem schnellen Sieg enden würde, reagierte die NS-Führung mit einer 15-prozentigen Rentenerhöhung und dem teuren Geschenk, erstmals in der deutschen Versicherungsgeschichte, alle Rentner in die Krankenkassen aufzunehmen. Im Sommer 1942 war die Reichsgetreidereserve von 5,5 Millionen auf 600000 Tonnen geschrumpft, die Ernährung der deutschen Zivilbevölkerung stand in Frage. Die Regierung versprach höhere Rationen und verwirklichte dieses Ziel. Das geschah mit voller Absicht auf Kosten der Existenzgrundlagen vieler Millionen Europäer – vor allem derjenigen, die rassisch diskriminiert wurden.

Ihr Buch liest sich wie ein Gegenstück zu Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“.Bei Ihnen wird die NS-Ideologie, der Rassismus, in den Hintergrund gedrängt.

Überhaupt nicht. Über die Ideologie des Nationalsozialismus ist viel geschrieben worden, auch von mir. In „Hitlers Volksstaat“ richte ich den Blick auf ein bestimmtes Phänomen, nämlich auf das für die überwältigende Mehrheit der Deutschen nützliche und komfortable Ausrauben der besetzten Länder, der Zwangsarbeiter und europäischen Juden. Die anderen Perspektiven zur Analyse der NS-Herrschaft werden dadurch nicht falsch, sie werden nur in ihrer Bedeutung relativiert.

Der britische Historiker Adam Tooze wirft Ihnen vor, Sie hätten falsch gerechnet.

Es geht um die deutschen Kriegsschulden. Ich sage, die Einnahmen für den außerordentlichen Kriegshaushalt des Reiches seien zu zwei Dritteln aus den Kontributionen der eroberten Länder, den konfiszierten Löhnen der Zwangsarbeiter und dem Eigentum der europäischen Juden bezahlt worden. Demgegenüber insistiert Tooze auf den – nach der Niederlage– faktischen Kriegsausgaben, die zu rund 50 Prozent auf Kreditbasis finanziert wurden. Dadurch wird der deutsche Anteil natürlich deutlich höher. Was die Zahlen betrifft, besteht zwischen uns keine nennenswerte Differenz, ich halte aber die Einbeziehung der Reichsschuld für falsch, wenn man die Erfolge des Stimmungspolitikers Hitlers analysiert. Damals wie heute interessieren sich die Leute für die Staatsschulden nur am Rande, aber sie schreien auf, wenn ihnen plötzlich die Steuern um zehn oder gar 50 Prozent erhöht werden. Darauf kommt es an: 70 Prozent der deutschen Steuerpflichtigen mussten im Zweiten Weltkrieg keinerlei direkte und nur sehr mäßige indirekte Kriegssteuern zahlen.

Hat man in der NS-Forschung zu lange nur auf bestimmte Phänomene geblickt?

Das Problem liegt in dem schweren Trauma, das die nationalsozialistischen Verbrechen bewirkt haben. In diesen Wochen sehen wir immer wieder die Bilder der Befreiung von Auschwitz, BergenBelsen, Buchenwald und Dachau. Die Leichenberge, die Massengräber, die Ruinen der Gaskammern und Krematorien mussten nach einer langen Schreckpause den Ausgangspunkt der historischen Forschung bilden. Das war eine humane Notwendigkeit. Erst in dem Maße, in dem die Verbrechen einigermaßen erforscht sind, gewinnen Historiker die Freiheit, sich den Strukturen dahinter zu widmen.

Sie sagen, Hitler habe die deutsche Bevölkerung mit seiner Sozialpolitikgekauft. Das birgt heute, mit fünf Millionen Arbeitslosen, hoher Staatsverschuldungund einem porösen Sozialwesen, einigen Sprengstoff.

Wir müssen nüchtern sehen, dass der Sozialstaat und die sozialstaatliche Befindlichkeit der Deutschen von Bismarck, Ebert, Hitler, Adenauer, Ulbricht, Brandt und Honecker geprägt ist. Wir können uns heute gut vorstellen, wie beruhigend die 15-prozentige Rentenerhöhung im Herbst 1941 wirkte. Wir kommen aus solchen Kontinuitäten nicht heraus. Bemerkenswert erscheint mir allerdings auch, dass die Erhöhung das Rentenniveau von 1928, das dann in der Weltwirtschaftskrise dramatisch sank, nicht überschritt. Die sozialen Fortschritte während der NS-Zeit waren oft nur relative, gewissermaßen gefühlte Erfolge. Das macht die massenpsychologische Wirksamkeit dieser Politik noch unheimlicher.

Heißt das, der deutsche Sozialstaat war auf Verbrechen und Raub gegründet?

Zum Teil. Allerdings kann man sich den Sozialstaat, wie wir das jetzt tun, auch auf Kosten kommender Generationen leisten. Es geht aber, wenn von der Attraktivität des Nationalsozialismus die Rede ist, auch um soziale Bewegung. Anfang des 20. Jahrhunderts lief ein Siemens-Arbeiter, der in Schöneberg wohnte, täglich fünf Kilometer in die Fabrik, weil er sich die paar Pfennige für die Straßenbahn nicht leisten konnte. Hundert Jahre später können der Siemens-Direktor und der Siemens-Pförtner dieselben Urlaubsziele ansteuern, wenn auch in unterschiedlichen Kategorien. Der Nationalsozialismus förderte die soziale Aufwärtsmobilisierung und Durchlässigkeit zwischen den sozialen Schichten in Deutschland enorm. Viele Deutsche sahen in der gewaltsamen Expansion ihre lebensgeschichtliche Chance. Selbst Heinrich Böll dachte noch 1943 daran, in der Ukraine zu siedeln.

Für Millionen Arbeitslose geht es heute nicht gerade aufwärts. Wenn dieNazis mit ihrer Behauptung, er kümmere sich um die sozial Schwachen, erfolgreichwar, sind das bedrohliche Perspektiven.

Mein Buch zeigt, wie sich die Techniken des modernen Fürsorgestaats und einer vielfach unpolitisch erscheinenden relativen Zufriedenheit einst mit den Techniken des Massenmords verknüpfen ließen, wie sich das scheinbar Normale mit dem scheinbar völlig Abnormen verband. Die Kenntnis solcher Zusammenhänge kann sich auch für die Gegenwart als nützlich erweisen, etwa in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus, der die Fremdenfeindlichkeit schon lange mit der sozialpolitischen Agitation zuletzt gegen Hartz IV verbindet.

Sie prägen das Wort „Butterfahrt mit Waffen“ für den Nazi-Krieg. Was erklärtdas?

Die innere Zustimmung zu Hitler war stets labil und prekär. Man muss sich den politischen Spannungszustand als permanenten Wahlkampf, als fortgesetztes Massendoping, als ständige Mobilisierung vorstellen. Täglich ging es der NS-Führung um die Frage, welche Lasten sie der Bevölkerung zumutet, welche Erleichterungen gewährt werden, damit das Stimmungsbarometer stabil bleibt.

Macht Ihre Analyse der NS-Zeit eine Wiederholbarkeit wahrscheinlicher?

Es handelte sich um eine massengestützte, mehrheitsfähige Diktatur. Und dies wurde mit uns vertrauten materiellen Techniken auf Kosten des Glücks und des Lebens von vielen Millionen Menschen erreicht. Dieser Befund ist ungemütlicher, als wenn man dahinsagt, die „Nazi-Katastrophe“ sei die alleinige Folge einer ganz speziellen Ideologie, die sich auf dem Boden eines eher urtümlichen wienerisch-münchnerischen Antisemitismus habe entwickeln können.

Also die Rückkehr der Kollektivschuld?

Ich will erklären, wie sich ein so wackeliges, unseriöses, offensichtlich verbrecherisches System so lange halten konnte. Wenn man über Schuld reden will, dann differenziert: Die Schuld eines Reichsbankdirektors, der in Griechenland mehr als zwölf Tonnen Gold von 40000 deportierten Juden aus Saloniki an der Börse zugunsten der Wehrmacht verkaufen ließ, ist anders zu beurteilen als die Schuld eines Soldaten, der vom Ertrag dieses Geschäfts bezahlt wurde und davon Zigaretten kaufte. Nur so, abgestuft, versteht man das arbeitsteilige Funktionieren des räuberischen, mörderischen Systems.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

Götz Aly , 1947 in Heidelberg geboren, lehrt als Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt/Main.

Der Berliner Historiker arbeitete als Journalist bei der „Tageszeitung“ und der „Berliner Zeitung“.

Götz Aly erhielt 2002 den Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste.



Buchveröffentlichungen (Auswahl):


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„ Endlösung. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden“,




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„ Das letzte Kapitel. Die Ermordung der ungarischen Juden“ (zusammen mit Christian Gerlach),




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„ Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen“.




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In diesem Frühjahr ist bei S. Fischer erschienen: „ Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“, 460 Seiten, 22, 90 Euro.

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