Kultur : Wie klassisch muss Kultur in Hamburg sein, Frau Horáková?

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Frau Horáková, Kultursenator in Hamburg oder Berlin scheint kein sehr begehrter Job zu sein. Anfang des Jahres wurde händeringend nach Kandidaten gesucht. Sind Sie nur noch Sparkommissare in kulturlosen Zeiten?

Nein. Die Zeiten sind keineswegs kulturlos. Tatsache jedoch ist, dass das Geld knapp ist. Und, dass sich alle auf die Lage einrichten müssen.

Von Hamburg aus gesehen: Was würden Sie dem Berliner Kultursenator empfehlen? Hat er überhaupt eine Chance?

Ich beneide meinen Kollegen Thomas Flierl nicht. Seine Probleme sind nicht nur vom Umfang her komplexer als meine, sondern auch die Konstellation innerhalb der Berliner Kulturszene ist ganz anders als in Hamburg. Außerdem habe ich das große Glück, dass unser Hamburger Senat trotz der finanziell engen Lage den Kulturetat von Sparzwängen ausgenommen hat. Das ist ein sehr wichtiges Signal.

Trotzdem haben Sie bei Amtsantritt keine Bedingungen gestellt, was eine Erhöhung des Kulturetats angeht. Hätten Sie nicht besser verhandeln müssen?

Ich halte nichts von „Erpressungen". In Zeiten, wo Kindergärten geschlossen werden sehe ich nicht ein, warum sich nicht auch die Kultur an einen neuen Umgang mit Geld gewöhnen kann. Die Hamburger sagen: Wo keine Butter ist, kann man nicht schmieren.

Was heißt das konkret? Wie sähe für Sie ein kreativer Umgang mit Geld denn aus?

Ich ermuntere die Kulturschaffenden immer, noch mehr und kreativer mit Sponsoren zu arbeiten. Es reicht einfach nicht zu sagen: Gebt uns Geld. Man kann nicht nur die Hand aufmachen, das funktioniert nicht. Natürlich darf die künstlerische Qualität nicht leiden, aber es gibt auch Wege, wie sie nicht leidet, obwohl das Geld nicht mehr so ausgeschüttet wird.

Hat das auch Einfluss auf die Art von Kultur, die Sie unterstützen? Sie plädieren für ein populäreres Kulturverständnis und dafür, neue Publikumsschichten zu erschließen. Sollte der Staat nicht eher die unkommerziellen Kunstformen unterstützen?

Der Staat muss beides tun, er muss beides fördern: die ganz große Kunst und die ganz junge Kunst. Von der jungen Kunst kommen Impulse, und von der großen Kunst kommt eine magnetische Anziehungskraft für das breite Publikum und damit auch für die Stadt. Ich kann mich mit einem Gießkannenprinzip, bei dem alles gleich begossen wird, schwer abfinden.

Geht das denn nicht ineinander über? Tom Stromberg macht am Deutschen Schauspielhaus kaum anderes als das, was auf Kampnagel oder im TAT in Frankfurt zu sehen ist. Fehlt in Hamburg die „große Kunst"?

Es ist in der Tat so, dass die Repertoires der großen Häuser in Hamburg derzeit ziemlich austauschbar sind. Ich kann mich natürlich nicht in die Spielplangestaltung der Intendanten einmischen. Andererseits würde ich mir wünschen, dass man die Häuser klarer definiert und zwar möglichst im Sinne ihrer Tradition. Es gibt eine große Sprechtheatertradition im Schauspielhaus. Früher reiste man nach Hamburg, um das Schauspielhaus zu besuchen. Es müsste einen Intendanten doch eigentlich reizen, die Klassiker, seien es deutsche oder internationale, so aufzubereiten, dass er sie attraktiv für die Jetzt-Generation umsetzt. Dies ist ein Fundus, dessen man sich annehmen müsste, um ihn an die kommenden Generationen zu vermitteln.

Zu diesem Zweck haben Sie unlängst im Fußballstadion Theaterkarten an junge Fussballfans verteilen lassen.

Ja. Das war eine Aktion, die neue Impulse setzen und vernetzen sollte.

Um die Hamburger Kammerspiele, gab es Schlagzeilen, als die beiden Leiter das Handtuch warfen. Eine Niederlage für Sie?

Nein. Die Beiden hatten sich mit ihrem Vermieter überworfen. Und außerdem konnte ich das Haus nicht noch einmal entschulden. Sie sind schließlich mit 800 000 € eines der höchstdotierten Privattheater.

Sie sind als Journalistin eine Quereinsteigerin. Gibt es nicht den Verdacht, dass im Umgang mit der Presse, vor allem der Springer-Presse in Hamburg, Interessenkonflikte entstehen?

Das war gerade das Skurrile: Man hat erwartet, dass die Springer-Gruppe mich auf Händen tragen würde. Das hat sie nicht getan, ganz im Gegenteil. Aber andererseits würde ich ja unglaubwürdig, wenn nur positiv über mich geschrieben würde.

Gab es keinen Moment, wo Sie Ihre Entscheidung bereut haben?

(Lacht) Nein. Wenn man die Chance bekommt etwas zu bewegen, die Kultur im Bewusstsein der Menschen zu stärken - vor allem der jungen Menschen zu verankern - ist es das perfekte „Anti-Aging-Programm“.

Das Gespräch führte Christina Tilmann.

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