Kultur : Wie klingt das Jenseits?

Paul Badura-Skodas Gesamtaufnahme der Schubert-Klaviersonaten

Jörg Königsdorf

Vielleicht wäre Schuberts Klaviersonaten ein ganz anderes Schicksal beschieden gewesen, hätte er nicht diesen einen verrückten Einfall gehabt. Hätte er nicht aus weiß Gott was für einer Laune heraus ans Ende der himmlisch schönen Melodie, die ihm gerade für den Kopfsatz seiner B-Dur-Sonate eingefallen war, diesen völlig verrückten Basstriller gesetzt. Die Zeitgenossen und Nachgeborenen bis ins letzte Jahrhundert hinein wussten schlichtweg nicht, was sie mit diesem Triller anfangen sollten, das zwanzigste Jahrhundert, an weit härteren Stoff gewöhnt, hörte in diesem dumpfen Grollen den schicksalsschweren Moment des Übertritts in eine andere Welt oder stilisierte den Augenblick gar zum Kulminationspunkt des Schubert’schen Sonatenschaffens hoch. Seither wissen Pianisten nicht, was sie an dieser Stelle tun sollen. Wie klingt das Jenseits? Drohend mit viel Pedal aufgeplustert? Verzagt verklingend? Oder kalt lakonisch? Und vor allem: Wie spielt man weiter, nachdem Freund Hein einmal angeklopft hat?

In der Aufnahme, des österreichischen Pianist Paul Badura-Skoda klingt dieser Triller mit einem Mal ganz diesseitig - nicht als Ende, sondern als Anfang, als kühner Schritt eines Komponisten, der etwas ganz Neues, Unerhörtes wagt. Der mittlerweile 75-jährige Badura-Skoda ist unter Klavierbegeisterten Legende: als pianistische Autorität in Sachen Wiener Klassik, als unermüdlicher Musikwissenschaftler und als einer der ersten Musiker, die sich auf der Suche nach der historischen Wahrheit dem historischen Hammerflügel zuwandten. Auch seine in den neunziger Jahren eingespielte Gesamtaufnahme der Schubert’schen Sonaten, die jetzt beim kleinen französischen Label Arcana vorliegt, hat Badura-Skoda auf Originalinstrumenten aus seiner umfangreichen Sammlung eingespielt – mit faszinierendem Ergebnis. Diese Wiener Hammerflügel der Schubertzeit klingen nicht nur wunderschön, sondern zeichnen ein ganz neues Schubert-Bild, das nur kaum noch etwas mit der luxuriösen Steinway-Melancholie der Aufführungstradition von Richter bis Brendel zu tun hat.

Deutlich wird in Badura-Skodas Einspielung vor allem eines: dass Schubert kein fertiges Genie war, das seinen Abgesang auf die Welt immer mal wieder in die Form der Klaviersonate goss, sondern ein junger Komponist, der bis zum letzten Werk um seine musikalische Sprache rang. Immer wieder scheint Schubert den Flügel zu überfordern, die Unisono-Passagen, die auf modernen Klavieren selbstverständlich dahinperlen, klingen hier geradezu brutal - als Versuch, dem Instrument eine sinfonisch geweitete Klanglichkeit abzutrotzen. Wenn Badura-Skoda in der Koda des ersten Satzes der Gasteiner Sonate den lärmenden Janitscharen-Zug des Hammerflügels (ein beliebtes Klangregister der Epoche) zieht, ergibt sich ein fast surrealistischer Effekt: die fantastische Eroberung eines Klangraums, die dort einsetzt, wo Schubert in dieser opulentesten Sonate schon alle Mittel der Klaviatur ausgeschöpft hat.

Der kämpferische junge Wilde ist freilich nur die eine Seite dieses Schubert-Bildes: Kaum je hat Schuberts Klaviermusik so gesanglich geklungen wie auf den hellstimmigen Hammerklavieren - die Melodien erlangen eine Zerbrechlichkeit, die völlig schlicht und unforciert wirkt. Das Spannungsverhältnis zwischen Kreativität und Innigkeit, um das Pianisten auf modernen Flügeln oft vergeblich ringen, scheint sich hier, unter Originalbedingungen, fast von allein zu ergeben.

Das Hören dieser CDs wird zur Erfahrung eines gigantischen Work in progress, auch weil die Gesamtaufnahme alle Stationen des Schubert’schen Sonatenschaffens vereint: Zu den zehn bekannten Werken treten zehn weitere, teils unvollendete Frühversuche, die Schubert nicht veröffentlichte. Doch gerade diese enthalten nicht nur wunderbare Musik, sondern lassen Schuberts Ringen um die Bewältigung der Form nachvollziehen. Schon von der ersten, harmlos klassischen E-Dur-Sonate an entwickelt sich der eigene Ton, stoßen sich das rasche Ausgreifen der kompositorischen Fantasie und der Kampf, diese Ideen zur formal gelungenen Sonate zu runden. Man hört Schubert anders nach dieser Aufnahme.

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