Kultur : Wiedergeburt der Geister

Polnische Offenbarung: der „Dybbuk“ im Berliner HAU-Theater

Rüdiger Schaper

Religion: das Verborgene, das Tabu, das Vergangene. Und was ist Theater anderes als Erinnerung?

Das Warschauer Teatr Rozmaitosci, derzeit die bedeutendste zeitgenössische Bühne in Polen, geht mit seiner Version der alten jüdischen Geistergeschichte vom „Dybbuk“ tief unter die Haut. Denn Regisseur Krzysztof Warlikowski, geboren 1962, verleiht dem Schauspiel der Seelenwanderung wunderbare Würde. Er zeigt: Wenn eine verdammte Seele in einen lebenden Körper fährt, um vergangenes Unrecht zu rächen, so ist das zunächst – ein theatralischer Akt. Ein Schauspieler muss fertig werden mit dem, was in ihm ist. Was die Rolle in ihm erweckt – das Fremde, das das Eigene ist.

Einst kehrte der Ethnograf Szymon Anski (1863–1920) mit einem reichen Schatz an Legenden von einer Expedition aus der Ukraine, dem Kernland des altjüdischen Europas, zurück. Sein Drama „Der Dybbuk“ wurde im Theater und im Film selbst zur Legende – die Geschichte der Braut Lea, die vom Geist ihres verstorbenen Geliebten Chanan heimgesucht wird. Die polnische Schriftstellerin Hanna Krall greift den Faden auf. Nun ist es ein amerikanischer Wissenschaftler, der nach zerstörten europäischen Synagogen forscht. Sein im Ghetto umgekommener Halbbruder aus seines Vaters erster Ehe lässt ihn nicht los – sein „Dybbuk“.

Warlikowskis Inszenierung gleicht einer Recherche. Ungläubig lächelnd, doch mit Respekt erzählen seine Schauspieler vom altjüdischen Aberglauben. Unmerklich gleitet das Spiel in eine Geisterbeschwörung. Aber der Geist ist es, der die Heutigen beschwört, in einem offenen Käfig (Bühne: Malgorzata Szczeniak), auf dessen Rückwand sich plötzlich Einhörner und andere Fabelwesen tummeln.

Nicht Sentimentalität, vielmehr leiser Horror und eine skeptische Religiosität, mit zartem esoterischen Einschlag, prägen diesen fabelhaften Abend: Wie die schöne blonde Lea (Magdalena Cielecka) den Dybbuk bekämpft und bewahrt. Wie der weibliche Rabbi (Orna Porat) am Exorzismus scheitert; der Mythos ist stärker. Wie Adam (Andrzej Chyra) mit sich und dem untoten Bruder ringt und begreift, dass die Geister, die uns bewohnen, unsere Erinnerung sind. Unser Leben.

Noch einmal heute, 20 Uhr, HAU 2 , Polnisch mit deutschen Obertiteln.

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