Kultur : Wiedergeburt des Bürgers

Der „Verein der Freunde der Nationalgalerie“ Berlin feiert heute 25-jähriges Bestehen

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Von Bernhard Schulz

Die Gründung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie im Jahre 1977 pries Peter-Klaus Schuster unlängst als „ersten Versuch der Wiedergewinnung einer bürgerlichen Gesellschaft in West-Berlin“. Die Halbstadt kannte eine der Bundesrepublik vergleichbare „Gesellschaft“ damals nicht. Bürgerschaftliches Engagement, gar Mäzenatentum waren in der Subventions-Metropole schlichtweg unbekannt.

„Es gab kein Interesse an Innovation, sondern nur ein Beharren am Alten“, hat Dieter Honisch diese Zeiten in seiner Abschiedsrede als Direktor der Nationalgalerie im März 1998 beschrieben. Schusters Vorgänger Honisch, 1975 zum Chef des Hauses berufen, gab Anfang 1977 die Anregung zur Gründung des Freundeskreises. Es war eine Wiederbegründung, gab es doch den Vorgängerverein, dem, 1929 geboren, nur eine kurze Lebenszeit beschieden war. War Honisch der Anreger ex officio, so Peter Raue der Motor in den 25 Jahren seither. Der aus München stammende, junge Rechtsanwalt wusste vom ersten Tag an seine Beziehungen zu nutzen und neue zu knüpfen So dauerte es nicht lange, bis zuerst Bundespräsident Scheel und danach Bundeskanzler Schmidt zu den Mitgliedern zählten und gemeinsam mit kunstsinnigen Wirtschaftsleuten ganze Scharen finanzkräftiger Interessenten anzogen, bis der Verein sich nach stürmischem Wachstum auf seinem heutigen Stand von knapp über 1000 Mitgliedern einpendelte.

Heute abend feiert er seinen 25. Geburtstag mit Benefiz-Auktion und Sommerfest in der Neuen Nationalgalerie. Noch immer versieht Peter Raue das Amt des Vorsitzenden, und je länger, desto weniger will den „Freunden“ ein Wechsel an der Vereinsspitze in den Sinn kommen. Dass der Vorsitzende zum Weitermachen gebeten werden will, nehmen die Mitglieder als Koketterie; dass er ernsthaft gebeten werden muss, möge indessen, so hoffen sie, niemals eintreten.

Die Erfolgsbilanz des Vereins ist eindrucksvoll. 91 Erwerbungen – teils von ganzen Konvoluten – konnten im Lauf eines Vierteljahrhunderts getätigt werden, angesichts immer kühnerer Vorhaben oft in Verbindung mit anderen Geldgebern. Prominetester Fall ist Otto Dix’ Gemälde „Skatspieler“, für das insgesamt 6,5 Millionen Mark zu berappen waren. Insgesamt wurden mehrere Dutzend Millionen Mark im Laufe der Zeit bewegt. Zuletzt hat sich der Verein mit drei Millionen Mark am Erwerb der Sammlung Marzona beteiligt, die er durch das Engagement einzelner Mitglieder zu refinanzieren hofft.

Das andere Feld der Aktivitäten liegt in der Gewinnung und (Vor-)Finanzierung von Ausstellungen, die wiederum, allein schon der festlichen Vorbesichtigungen halber, aus dem Vereinskalender nicht mehr wegzudenken sind. Es ging 1984 gleich anspruchsvoll los mit den Pastellen von Edgar Degas – und, gemessen am Publikumszuspruch, auch erfolgreich. Der Appetit kam beim Essen, und so planen „die Freunde“ – wie die wiedergewonnene Berliner Gesellschaft ihren liebsten Verein zu nennen pflegt – für 2004 eine siebenmonatige Präsentation der Glanzlichter des New Yorker Museum of Modern Art, wofür mittlerweile ein Kostenumfang von zehn Millionen Euro genannt wird.

„An ein so großes Ausstellungsprojekt haben wir uns noch nie herangetraut“, meinte Schatzmeister Jan Oelmann dieser Tage trocken, aber ohne sichtbare Beunruhigung. Man werde sich etwas einfallen lassen, um ohne Minus aus dem Wagnis herauszukommen – und die schöne Bilanz nicht zu beflecken, die nach bislang 41 vom Verein finanzierten oder geförderten Ausstellungen Ausgaben und Einnahmen, Vorleistungen und Rückflüsse im Gleichgewicht sieht.

Über die konkurrierende Ausstellungstätigkeit des Vereins war die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Trägerin der Nationalgalerie nicht immer glücklich, mit dem Generaldirektor der Museen gab es mancherlei Reibungen, und Honisch selbst könnte ein Lied von den Freunden singen – Mäzenatentum und Selbstbewusstsein liegen bei ihnen durchaus nahe beieinander.

Nachwuchs gesucht

Ganz so effizient wie die stets beschworenen angelsächsischen Vorbilder arbeiten Museum und Verein vielleicht doch nicht zusammen, aber das gehört zum Charme dieser speziellen Berliner Konstellation. Gesellschaftlich gesehen, sind die Kunstfreunde heute im übrigen nicht mehr allein auf weiter Flur, da jedes Opernhaus mögliche Spendenkandidaten mit allerlei Verwöhnprogrammen an sich zu binden trachtet. Noch ist keine Rede davon, dass das private Geld begrenzt ist, aber außer Frage steht, dass die unbeschwerte Jugendzeit des Vereins sich dem Ende nähert.

Zwei Probleme sind schon vor geraumer Zeit sichtbar geworden. Zum einen mangelt es dem Verein an Nachwuchs. So jung Peter Raue bei seinem Amtsantritt mit 36 Jahren war, so jung ist heute nur noch eine Minderheit der Mitglieder. Auch der New EconomyBoom rauschte vorüber, ohne dass der Verein ausgabefreudige Jungökonomen als dauerhafte Mitglieder gewinnen konnte. Zum zweiten ist die Nationalgalerie dank Wiedervereinigung sowie Zugewinn des Hamburger Bahnhofs zu einem Großinstitut geworden, das zwei Jahrhunderte Kunstgeschichte in drei großen Häusern vorzuführen hat. Das 19. Jahrhundert, zu Honischs West-Berliner Zeiten abseits des Interesses, hat mit der Wiedereröffnung der Alten Nationalgalerie das ihm zustehende Gewicht zurückerlangt.

Die „Freunde“ indessen sorgen sich darum, so zeitgenössisch zu sein, wie sie sich stets verstanden haben. Ihr Interesse gilt im Kern dem 20. Jahrhundert und der Klassischen Moderne. Den Konflikt brachte der mittlerweile verstorbene Sammler Rolf Hoffmann auf den Punkt, als er nach dem Vorbild des medienträchtigen Turner-Preises einen unter langjährigen Mitgliedern nicht unumstrittenen „Preis für junge Kunst“ als zukunftsorientierte Vereinsaktivität lancierte. Auf Dauer wird die Nationalgalerie das Problem der auseinanderdriftenden Museumsteile lösen müssen – und der Verein das seiner ihnen zuzuordnenden Aktivitäten.

Doch zuvor steht heute die Selbstfeier der „Freunde“ auf dem Programm – eines Vereins, ohne den das, was in Berlin Gesellschaft heißt und bürgerschaftliche Tugenden zeigt, tatsächlich kaum zu denken ist. Von dem, was heute die Nationalgalerie (wieder) darstellt, ganz zu schweigen.

Soeben erschienen: Jan Rave (Hrsg.), Verein der Freunde der Nationalgalerie Berlin. E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2002, br. 29,90 €.

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