Kultur : Wien liegt am Meeresstrand

Arnold Stadler kann auch in Kuba unglücklich sein

Ulrich Rüdenauer

Am Anfang erscheint die Szenerie mit einer Patina überzogen, einer Schicht Grünspan: „Der Tote selbst war schon etwas blass und grün geworden.“ In dieser Verfassung findet man Franz Marinelli am Patrice-Lumumba-Strand von Havanna. In seiner Geldbörse mehrere Fotos, darauf eine nackte Frau, ein Hund und eine weitere schöne Dame, seine Mutter – das ganze Elend, die ganzen Glücksversprechen im Polaroidformat. Der tote Held liegt da wie angespült aus einer anderen Welt, ein nicht mehr ganz junger Mann, fast wirkt er friedlich, fast schon ganz grünstichig: Es ist dies eine „Farbe mit dem Neigungswinkel zur Nachtseite hin, eine schwere Farbe“. Marinelli hat übergesetzt zum anderen Ufer: Endlich ist er angekommen am Meer, jenem Sehnsuchtsort, der, vom Geburtsort Wien aus betrachtet, so verlockend erscheint. Daher nämlich, so klingt es bei Stadler leitmotivisch an, rührt möglicherweise das ganze Unglück: dass Wien nicht am Meer liegt und es dort keine Palmen gibt. Wien aber ist überall, selbst noch am Patrice-Lumumba-Strand.

Arnold Stadlers neuer Roman heißt so, wie sein letztes Buch „Sehnsucht“ anhebt: „Eines Tages, vielleicht auch nachts“. Im Titel ist schon viel enthalten: das Sehnen und Resignieren, die Hoffnung und das Eingeständnis, dass rasch alles zur Nachtseite kippen kann, in den Tod, und das meiste dabei doch uneingelöst bleibt. Vielleicht ist das Wörtchen „vielleicht“ das niederschmetterndste, dessen sich einer im Zustand schon zersetzter Naivität bedienen kann.

Der Held wird als Toter eingeführt, aber der Autor erweckt ihn in einem Rückblick nochmals zum Leben. Die Geschichte reicht zurück bis in die Kindheit: Obgleich er früh schon Fluchtgedanken hegt, ist Franz zunächst glücklich, wie jedes Kind, das es nicht besser weiß. Allerdings ist das ödipale Dreieck in der Wiener Familie Marinelli besonders ausgeprägt: Die nächtlichen Streitereien der Eltern rauben Franz den dringend erwünschten Schlaf, die Mutter antwortet auf die außerehelichen Eskapaden des Vaters – er hält sich einen Wohnwagen als „mobile Besamungsstation“ – mit dem sowohl hysterischen als auch moralischen, vor allem aber mantrahaft gebrüllten Ausruf „Du Lügner“. Dem Sohn, der seine Mutter als „die erste Frau meines Lebens“ liebt, obwohl sie „zusammen mit dem Lügner, ihm hätte die ganze Kindheit verderben können“, bleibt da nur der Eskapismus: „Er wollte von Anfang an immer nur wegschwimmen, wegtauchen und wegschlafen.“ Eine vernünftige Reaktion, wenn um einen herum Krieg herrscht. Auch den Tod des Vaters verschläft Franz mehr oder minder, und das ist besser so; gefunden wird der ehrwürdige Professor in einem „Ehehygienegeschäft“ in St. Pölten.

Das Theaterstück des Lebens

Nicht nur psychologisch, auch literarisch ist die Geschichte ganz in Wien verortet. Die Mutter liest mit Vorliebe Thomas Bernhard – das Personal von Stadlers Buch könnte zur Gänze einem Roman oder Stück des Österreichhassers entstammen. Für Arnold Stadler liefert Bernhard ein Modell, Idiosynkrasien, Abscheu und das Leiden an der Ungeheuerlichkeit falscher Lebensversprechungen abzureagieren: Wien ist die morbide Folie, gemeint aber ist die ganze Welt, das tragische „Theaterstück des Lebens“. So viel dazu, dass einer, der wie Arnold Stadler aus Messkirch stammt und beinahe katholischer Priester geworden wäre, mit seinem im Kern der Melancholie geschuldeten Hass auch in Wien heimisch werden kann.

Wie kommt Franz aus dieser bürgerlichen Hölle heraus, aus dieser „Zumutung“ der Kindheit, aus dieser Welt, die ein absurdes Theater ist? Wohin führen die „ersten heimatlosen Erektionen“, was kann nur aus einem werden, wenn er merkt, dass Sehnsucht und Heimweh ineinander übergehen, weil er nirgends hingehört? Man müsse aufpassen, dass sich nicht zu viel Vergangenheit in die Gegenwart schleiche, heißt es an einer Stelle. Das ist ein frommer Wunsch.

Stadlers aus mittlerweile sieben Romanen bekannter Tonfall, eine Mischung aus galligem Zynismus, resignierter Lakonik, verzweifelter Ironie und dunkler Heiterkeit, trägt die Geschichte von Franz Marinelli weiter und endlich im zweiten Teil des Buches auch aus Wien heraus: nach Kuba, wo sich die Ausfälle gegen das fahle Leben im prinzipiell falschen und gegen eine andere furchtbare Vaterfigur, Castro nämlich, fortschreiben. Die Vorzeichen aber sind andere.

Strohhalm Kuba

Für den auf Autorenporträts spezialisierten Fotografen Marinelli, der den Auftrag erhält, die Reise einer österreichischen Schriftstellerdelegation nach Havanna vorzubereiten, ist Kuba ein Strohhalm. Nun könnte alles besser werden, denn Palmen und Meer finden sich in der Karibik reichlich. „Von Kuba versprach Franz sich viel. Er dachte, er könnte noch einmal von vorne anfangen. Aber dann kam ihm der Verdacht, dass sein Leben vielleicht schon von Anfang an einen Korken hatte, nicht erst jetzt. Es korkte immer schon. Er korkte immer schon.“

Franz verliebt sich in die kubanische Schönheit Ramona, und in seiner Blauäugigkeit übersieht er, dass sie ihn vor allem seines Geldes wegen schätzt. Eigentlich ist es jetzt noch schlimmer: das Glück so greifbar nah, die Heirat mit einer unergründlichen und unverdorbenen jungen Frau vor Augen. Die Welt erscheint schön, weil Marinelli sich für einen Augenblick weigert, sie in hellwachem Zustand wahrzunehmen. Das ist erlösend und verhängnisvoll zugleich.

Die österreichische Delegation, die aus drei noch vom großen Ruhm träumenden Schriftstellern besteht, hat mit dem verblendeten Franz den denkbar schlechtesten Reiseleiter erwischt. Für die Autorin Rose wird er zur doppelten Enttäuschung: In ihn projiziert sie ihre eigenen Liebessehnsüchte hinein, die sich unter der südlichen Sonne richtig entfalten. Franz kommt mit all diesen emotionalen Entwicklungen mehr schlecht als recht zu Rande. Stadlers Buch variiert Stadlers Bücher. Der Büchnerpreisträger bleibt seinem Ton und seinen Themen treu. Wenn dadurch auch der Reiz des Neuen minimiert ist, reizt er Bekanntes doch aus: Das Verkorkste und die verführerisch schimmernden Hoffnungssplitter, die im Leben stecken bleiben, werden von ihm weiter ungnädig der Betrachtung unterzogen. Das ist unpathetisch melancholisch, ätzend und in seiner Traurigkeit auch wieder komisch.

Stadler entlässt einen nicht mit dem reinen Unglück: Am Ende wird dem Grün vom Anfang noch etwas beigemischt, „das Schweigen und die Farbe Blau“ – der Begriff, dem Gottfried Benn den „höchsten Wallungswert“ attestierte. Ein Wort als Versprechen auf Weite, Tiefe und Unendlichkeit. Lebendiger wird der Tote durch die neue Farbmischung nicht. Aber er schaut nicht mehr gar so grün aus.

Arnold Stadler: Eines Tages, vielleicht auch nachts. Roman. Jung und Jung. Salzburg 2003. 189 S., 18 €.

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