Wien und seine Musikhäuser : Die Harmonie der Opern

Nicht nur Berlin, auch Wien hat drei Opernhäuser – und die verstehen sich untereinander ganz vortrefflich. Von Konkurrenzkampf keine Spur.

Sven Koblischek

Egal, ob man bei der Staatsoper, der Volksoper oder dem Theater an der Wien nachfragt – unisono betont man in den Direktionsetagen, bezüglich der Planung und Umsetzung des jährlichen Operngeschehens herrsche Einigkeit. Eine demonstrativ zur Schau gestellte Harmonie.

Nachdem im traditionsreichen Theater an der Wien in den vergangenen Jahrzehnten nur noch Operetten und Musicals gespielt worden waren, wurde das Haus vor vier Jahren für die Oper zurückgewonnen. „Wir haben gleich 2007 eine Befragung gemacht, wie viele Menschen der Wiener Bevölkerung wissen, dass das Theater an der Wien jetzt ein Opernhaus ist. Damals waren es 25 Prozent“, berichtet Intendant Roland Geyer. „Die Befragung von 2010 zeigte, dass wir derzeit bei 50 Prozent Bekanntheitsgrad als Opernhaus stehen.“ Immerhin. Hatte Geyer in der Saison 2007/2008 noch 1000 Abonnementen, sind es jetzt fast 5000. Ob René Jacobs, Nikolaus Harnoncourt, Placido Domingo, Cecilia Bartoli oder William Christie – „Das neue Opernhaus“ kann allerdings auch mit den Stars der Klassikszene prunken.

Neid aber scheint für Roland Geyers Kollegen ein Fremdwort zu sein. „Wir arbeiten in einer künstlerischen Welt, das funktioniert anders als bei Olympia“, betont Dominique Meyer, der neue Intendant der Staatsoper. „Ich versuche die bestmöglichste Arbeit zu machen, aber Bester zu sein gehört nicht zu meinen Gedanken. Alle drei Häuser erledigen ihre Pflicht, alle drei Theater werden von denselben Steuergeldern bezahlt. Opernhäuser sind keine Spielzeuge. Wir treffen uns regelmäßig, stellen uns gegenseitig die Spielpläne vor und teilen uns die Arbeit.“

Volksoperndirektor Robert Meyer, dessen Vertrag erst kürzlich bis 2017 verlängert wurde, stößt in dasselbe Horn. „Eine der wesentlichen Stärken ist die Vielfalt. Die Volksoper ist das einzige Haus, an dem vier Genres aufgeführt werden, nämlich Operette, Oper, Musical und Ballett. Mein oberstes Ziel ist es, begeisterten Zuschauern ein spannendes Programm anzubieten. Schließlich ist uns Musikvermittlung ein wichtiges Anliegen. Kinder sind nicht das Publikum von morgen, sondern das Publikum von heute.“

Die Polarisierungen, die zur Ära des früheren Wiener Staatsopernchefs Ioan Holender gehörten, scheinen in Wien der Vergangenheit anzugehören.

Oder ist es nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm? „Uns fehlt ein Opernstudio“, findet Dominique Meyer, „außerdem träume ich von einem zweiten Spielort, an dem wir beispielsweise Opern wie von Florian Leopold Gassmann oder eine ganze Werkserie von zeitgenössischen Komponisten aufführen können. Ein Auftragswerk pro Saison ist zu wenig.“

Mit der Wiederaufführung von Barockopern in der Staatsoper hat Meyer jüngst schon einmal einen neuen, eigenen Akzent gesetzt.

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