Wiener Festwochen : Existenzielles auf der Bühne: Vor uns die Eiszeit

Utopien verglühen im Takt, und die Gewalt greift um sich. Start der Wiener Festwochen mit Christoph Marthaler und Katie Mitchell.

Christina Kaindl-Hönig
Musikalischer Klimawechsel. Marthaler-Mimin im subpolaren Basislager.
Musikalischer Klimawechsel. Marthaler-Mimin im subpolaren Basislager.Foto: Bo Kleffel

Wie leben in einer bedrohten und gewalttätigen Welt. Im Schatten technischer Fortschrittsgläubigkeit geraten das ökologische Gleichgewicht und der Kosmos sozialer Bindungen aus den Fugen. Polkappen schmelzen und die menschlichen Beziehungen drohen zu vereisen. Sowohl Christoph Marthalers theatrale Grönlandreise, „+0“, als auch Simon Stephens’ neuestes Stück „Wastwater“ nähern sich in unterschiedlichen Formen den existenziellen Fragen unserer Gegenwart.

Laut einem aktuellen Bericht der Unicef werden weltweit jährlich etwa 1,2 Millionen Kinder entführt, um durch Zwangsarbeit und sexuellen Missbrauch ausgebeutet zu werden. Auch kinderlose Paare aus Europa profitieren von diesem Menschenhandel. In dieser traurigen Aktualität kulminiert das neueste Stück des britischen Erfolgsautors Simon Stephens. Die 47-jährige Britin Katie Mitchell brachte das Stück Ende März in London zur Uraufführung. Nun ist ihre Inszenierung mit dem Ensemble des Royal Court Theatre als Koproduktion bei den Wiener Festwochen zu sehen.

„Wastwater“ zeigt als düsteres Triptychon aus nur unterschwellig verbundenen Szenen die durch Verletzungen entstandene, zunehmende Gewalt zwischen drei Paaren rund um den Londoner Flughafen Heathrow. Der Abschied eines nach Kanada auswandernden 22-Jährigen von seiner Pflegemutter vermittelt ebenso rätselhafte Verstörung wie die Begegnung eines Paares beim Seitensprung im noblen Flughafenhotel: Die einst heroinsüchtige Polizistin beichtet dem jungen Kunstlehrer ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin, wobei ihre Erfahrungen sexueller Erniedrigung zu deren trauriger, sadomasochistischer Re-Inszenierung führen.

Vor Todesangst zitternd, windet sich ein Mann vor einer auf ihn gerichteten Pistole im Dreck einer heruntergekommenen Lagerhalle. „Reingefallen!“, feixt die junge Frau im schicken Sommerkleid amüsiert. Schrecken und Verachtung verbreitet die einstige Pflegetochter der Mutter aus Stephens’ erster Szene, ehe sie dem Mann, das war der kostspielige Deal, ein kleines philippinisches Mädchen übergibt: Eingeschüchtert weicht dieses einen Schritt zurück, als er sich ihr zuwendet. Flugzeugdröhnen überschattet die trostlose Szenerie.

Eine ähnliche Endzeitatmosphäre vermittelt die unwirtliche Sporthalle von Ausstatterin Anna Viebrock in Christoph Marthalers szenischer Grönlandseelenexpedition „+0“, die der Schweizer „ein subpolares Basislager“ zur Erforschung des „musikalischen Klimawandels“ nennt. Nach der Uraufführung in Nuuk Ende April mit seinem Ensemble aus Schweizer, französischen, britischen und grönländischen Schauspielern eröffnete Marthalers Inszenierung im Messepalast die diesjährigen Wiener Festwochen.

Vermummte Gestalten mit Schneebrillen, Fellmützen und in Anoraks wanken in die Basketballhalle mit provisorisch eingebauten Kojen, entkleiden sich und setzen sich in ihren Jogginganzügen um einen Tisch. Sie blättern in Zeitschriften, lesen einander die Alpensage „Bluemlisalp“ vor oder aus Borges’ „Sandbuch“ und Döblins „Berge, Meere und Giganten“. Die Frauen erzählen sich Witze, zerkugeln sich wortwörtlich, bis wieder Stille einkehrt und das Tropfen der Zeit endloser Winternächte in den oszillierenden Klängen von Jürg Kienbergers Glasharmonika hörbar wird – Musik zerstäubt in Abstraktion, einem Wassertropfen knapp am Gefrierpunkt ähnelnd.

Eine junge Grönländerin (Gazzaalunq Qavigaaq) singt unter den strengen Blicken des Missionars (Ueli Jäggi) ein deutsches Kirchenlied, ehe sich der Pulk aus Männern und Frauen wie selbstmörderisch gegen die mit Turnmatten gepolsterten Wände wirft: „Denn wir haben hier keine bleibende Statt“ aus Brahms’ „Deutschem Requiem“ gerät zum leitmotivischen Chorstück. Sie kicken Handys über den Boden, scheinen in kunstvollen Verrenkungen die Zeit totzuschlagen, ehe sie, Beethovens Allegretto aus der 7. Symphonie summend, erneut in Agonie verfallen.

Marthalers musikszenische Collage versinnlicht das Changieren von äußerster Fremde und Nähe gegensätzlicher Kulturen in jenem Moment, als sich die alpenländischen Ziehharmonikaklänge mit jenen der Inuits zur Ununterscheidbarkeit verschwistern: Die Musik als Utopie universaler Kommunikation verglüht jedoch an diesem Abend, der streckenweise leider in Langatmigkeit kippt. Marthaler gelingt es zudem kaum, die im Titel anvisierte globale Erderwärmung, „+0“ Grad, und deren Bedrohungen überzeugend zu vermitteln.

Simon Stephens hingegen macht die Gewaltanwendung an innerer und äußerer Natur als heraufziehende Katastrophe in der Alltäglichkeit sich steigernder zwischenmenschlicher Entfremdung subtil erkennbar. Im Vertrauen auf die beunruhigende Sprachkraft Stephens’ gelingt es Katie Mitchell, das wachsende Unbehagen an unserer Kultur in textkonzentriertem, naturalistisch-leidenschaftlichem Schauspielertheater sinnlich zu vermitteln. „Ich weiß nicht, was ich zu dir sagen soll“, sagt der Mann zu dem Kind. Die Angst in beider Augen erzählt mehr als tausend Worte.

Die Auffassung von Kunst als einer der Aufklärung verpflichtete Ästhetik des Widerstands verbindet den Pianisten, langjährigen Konzertchef und derzeit interimistisch amtierenden Intendanten der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, und die Leiterin des Berliner Ballhaus Naunynstraße, Shermin Langhoff. Deren Bestellung als Intendant und stellvertretende Intendantin der Wiener Festwochen in der Nachfolge Luc Bondys ab 2014 wurde dieser Tage in Wien als mutiges und originelles Zeichen des Aufbruchs begrüßt.

Neben der Gesamtverantwortung wird sich Hinterhäuser auf die Musik und die „großen“ Theaterproduktionen, Langhoff auf postmigrantische und Off-Theater-Projekte konzentrieren. Eine strukturelle und personelle Erneuerung, die die anspruchsvollen Konzeptionen der amtierenden Theaterchefin, Stefanie Carp, weiterzudenken und auch dem Musiktheater zentralere Bedeutung zu geben verspricht.

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