Kultur : Wilde Wolken

Der Rainman: Christoph Keller in der Galerie Schipper & Krome

Knut Ebeling

Es gibt Sexualtheorien, die sind so bizarr, dass sie glatt als Kunst durchgehen könnten. Die frühen Theorien Georges Batailles etwa, in denen die Welt mit Vorliebe als Gesamtheit erigierter Gegenstände erscheint, mit dem menschlichen Körper in ihrer Mitte. Und die späten Theorien Wilhelm Reichs ebenfalls, in dem das komplette Weltübel an einer einzigen Wurzel gepackt wurde. Der Wiener Freud-Schüler Reich, der in den zwanziger Jahren die Massenpsychologie des Meisters zu einer umfassenden Weltbeglückungslehre ausgebaut hatte, kam wegen seiner Libido-Theorie bald in Schwierigkeiten: 1933 wurde er sowohl aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung als auch aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Aber im Exil in Norwegen und später in den USA entwickelte er seine bioenergetische Heilslehre unerschrocken weiter.

Genau 60 Jahre ist es her, dass Reich in Rangeley im US-Bundesstaat Maine ein Gebiet erwirbt, auf dem er seine Theorien Wirklichkeit werden lässt: Der bald vom FBI gesuchte „Bolschewist“ verordnete Orgasmen in Schränken und entdeckte Leben in Steinen. Doch Reich wollte nicht nur einzelne Körper erreichen, sondern die ganze Welt. Deshalb versuchte er, die von ihm diagnostizierte „Orgon-Energie“ – eine Lebensenergie zwischen Organismus und Orgasmus, die alle Menschen glücklich machen sollte – mittels eines so genannten „Cloudbuster“ in die Atmosphäre zu schleudern. Sobald das Sexgas via Wetterveränderung alle Menschen erreichen würde, stünden Orgasmen planetarischen Ausmaßes bevor.

Doch außer Regen nichts gewesen. Nur das Wetter veränderte sich während Reichs Experimenten: 1953 und 1954 wurde Maine von flutartigen Regenfällen heimgesucht. 1957 kam Reich dann im Gefängnis unter ungeklärten Umständen ums Leben.

Weil sich in dem Experiment sehr wohl eine Veränderung des Wetters, nicht aber des Sexualverhaltens nachweisen ließ, kappte der Berliner Künstler Christoph Keller bei seinen Wiederaufführungen der „Cloudbuster“-Experimente diesen Teil des Projekts. Als er im letzten Sommer die von ihm nachgebaute Sexualenergiekanone auf dem Dach des PS 1 in New York und auf dem Clocktower von Lower Manhattan aufstellte, ging es nicht um Gesellschaftstherapie, sondern schlicht um Wetterveränderung.

Und die gelang. Obskurerweise wurde New York während der Durchführung des Experimentes in diesem Sommer von starken Regenfällen heimgesucht – den heftigsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in der Metropole. Um Berlin nicht mit dem gleichen Fluch zu belasten – schließlich wird die Stadt ohnehin häufig von Regen geplagt – hat Keller den Versuchsaufbau umgedreht: Sein auf dem Dach der Galerie Schipper & Krome unter Berliner Wolken postierter „Cloudbuster“ (20 000 Euro) soll nun nicht mehr, sondern weniger Regen bringen. Vielleicht hätte es die Berliner gefreut, wenn er sich zum Fest der Liebe auch für ihr Sexualverhalten eingesetzt hätte. Über jüngste Veränderungen auf diesem Gebiet ist aber bislang nichts bekannt geworden.

Galerie Schipper & Krome, Linienstraße 85, bis 20. Dezember; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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