Kultur : Wildes Weltende

Zeichen der Kriegszeit: Jonathan Nott erschüttert die Philharmonie mit Strawinsky und Ligeti

Eckart Schwinger

Sein Publikum manövriert Jonathan Nott gern in abenteuerliche Hörerlebnisse. Vor einem Jahr versetzte er die Konzertbesucher in Erstaunen, als er mit den Berliner Philharmonikern drei Orchesterwerke von György Ligeti mit Kammermusik von Henry Purcell konfrontierte. Diesmal bringt er mit den Philharmonikern Strawinsky, Hartmann und Ligetis Requiem zur Aufführung. Ein risikofreudiger Programmgestalter: Wieder tritt Nott mit äußerst eleganter Dirigiertechnik in Aktion, mit lockerer Musizierhaltung. Die geringste Wirkung hinterlässt leider Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen (1945), die sich als Einspielstück nicht eignet. Nott legt zwar einen kräftigen Vorwärtsdrang an den Tag, hält aber die Spannung nicht durch. Michael Gielen ließ kürzlich mit dem BSO ungleich hintergründigere Klangschattierungen dieses Werks vernehmen. Dass in der Sinfonie die Zeichen des Weltkrieges eingebrannt sind, ist bei Nott nicht zu spüren.

Deutlicher werden die düsteren Zeichen der Zeit in Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre“(1939) herausgearbeitet. Toru Yasunaga geigt die bissigen Trauergesänge mit grimmiger Intensität. Höhepunkt des Abends wird jedoch György Ligetis Requiem (1963/65). Der Komponist vertonte den Text vor allem aufgrund „seiner Evokation der Furcht, der Angst vor dem Tode, des Weltendes“. Mit Schreckensvisionen, irisierend schrillen Ausbrüchen und zarten Klangbildern hält es nun erneut in Atem. Dabei erweist sich der Dirigent einmal mehr als Ligeti-Spezialist par excellence. Eine fesselnde Aufführung mit den artistischen Vokalsolistinnen Caroline Stein und Margriet van Reisen sowie den sich in klanglichen Grenzgebieten brillant bewegenden London Voices und den Philharmonikern, die die extreme dynamische Bandbreite des Werkes packend umsetzen.

Noch einmal heute, 20 Uhr, Philharmonie

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