Kultur : Wildwestritte

KEVIN CLARKE

Verglichen mit den Massen, die sich am Potsdamer Platz tummelten, wirkte der Kammermusiksaal der Philharmonie mit seinen acht besetzten Reihen verlassen.Vermutlich lag der Publikumsmangel daran, daß das Scharoun Ensemble Werke und Komponisten aufs Programm gesetzt hatte, die keine "Knaller" sind - aber hörenswert.Die vier Titel des Abends waren ein stilistisch wie kompositionstechnisch bunter Strauß, der 90 Jahre Musikgeschichte, von 1908 bis 1998, umfaßte.Gleich das Eröffnungswerk eine Uraufführung: Iván Eröds tänzelndes Oktett op.71.Es bescherte die Erkenntnis, daß zeitgenössische Komponisten sich wieder stärker auf ihren Klanginstinkt verlassen und das Heil nicht in Zahlenreihen suchen.Leider kommt dabei nicht zwangsläufig ein imposantes Werk heraus, so fehlten in den drei fünfminütigen Sätzen eindrückliche Momente.Dennoch war die Auftragskomposition für das Scharoun Ensemble eine angenehme Einleitung für das Folgende: Franz Schmidts Quintett Nr.2 von 1932, mit wunderbar melancholischen Passagen fürs Klavier, von Komponistentochter Majella Stockhausen einfühlsam realisiert.

Eindrucksvoll war zweifellos Franz Schrekers "Der Wind" (1908/ 09).Obwohl als Quintett ausgewiesen, wirkte es eher wie eine üppige, an Debussy gemahnende Tondichtung, bei der man vergaß, daß nur fünf Musiker spielten - ein betörender, klingender Farbenrausch.Neben diesem impressionistischen Meisterwerk aus Wien schien Egon Welleszs Opus 67 von 1948 zuerst spröde.Doch entwickelte die Tonsprache des Schönberg-Schülers schnell eigenen Charme.Beim wilden Sechzehntel-Ritt des Finales erwartete man fast, daß John Wayne jede Sekunde in den Saal geritten käme.Allerdings verflogen solche Wild-West-Phantasien, als die Zugabe, Schuberts Marche militaire, für einen beschwingt "österreichischen" Abschluß sorgte.

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