Wilhelm Grimm : Und wenn sie nicht gestorben sind

Revision einer Legende: zum 150. Todestag des jüngeren Grimm-Bruders Wilhelm erscheinen zwei neue Biographien.

Rolf Strube
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Von Hanau nach Berlin. Jacob (links) und Wilhelm Grimm um 1850. Foto: akg-images0 (Q

„Ich habe hier“, schrieb Clemens Brentano 1808 aus Kassel an Achim von Arnim, „zwei sehr liebe Freunde, Grimm genannt, welche ich für die alte Poesie interessiert hatte, und die ich nun so gelehrt und so reich an Notizen wiedergefunden habe, dass ich erschrocken bin.“ Jacob und Wilhelm Grimm teilten mit den beiden Dichtern die Überzeugung, es gebe ein Allgemeingut von Liedern, Mythen und Sagen, eine Art „naturpoetische“ Matrix. Beide begannen neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Bibliothekare in Kassel Aufsätze zu verfassen, „altdeutsche Studien“, gegen die Spötter einwenden, man könne nicht „für jeden Trödel im Namen der uralten Sage“ Respekt verlangen.

Der Anfang ihrer legendären Laufbahn, schreibt der Kieler Germanist Steffen Martus in seiner Biografie „Die Brüder Grimm“, fiel in eine Zeit des Übergangs. Die mittelalterliche Literatur war um 1800 ein entlegenes Gebiet, eine „schlafende Schrift“. Was die Grimms anzubieten hatten, war keine Erziehung zur Vernunft mehr, wie in den Zeiten der Aufklärung, sondern eine Selbsterziehung von den sprachlich-kulturellen Wurzeln her, den Bereichen mündlicher Überlieferungen und kollektiver Erinnerungen. Die Grimms waren Realpolitiker genug, um die sozialen Spannungen des beginnenden Industriezeitalters richtig einzuschätzen, zugleich überzeugt von den Ideen der politischen Romantik, den sich selbst regulierenden Kräften des großen gesellschaftlichen Organismus.

Vor diesem Hintergrund erzählt Martus die Grimm-Legende neu als Biografie zweier zielstrebiger Gelehrter, deren Hinwendung zur alten Poesie für die Zeitspanne ihres Lebens das Moderne, das In-die-Zukunft-Weisende verkörperte. Seine vielsträngige Darstellung bewegt sich souverän zwischen dem hessischen Umfeld der Familie Grimm, Künstlerkreisen der Romantik, Gelehrtenrepublik und der Welt der hohen Diplomatie.

Jacob ist von seinen Zeitgenossen als schwieriger Charakter beschrieben worden. Sein Vater, ein hoch geachteter Zivilrichter starb 1796, als sein ältester Sohn elf Jahre alt war. Jacob trat – eher widerwillig – an seine Stelle und sorgte bis in die 1820er Jahre für die fünf Geschwister. Am nächsten standen ihm sein ein Jahr jüngerer Lieblingsbruder Wilhelm und Ludwig Emil, ein talentierter Maler.

Jacob arbeitete meist an mehreren Projekten gleichzeitig. Schlägt man den Artikel „Erde“ im „Deutschen Wörterbuch“ auf, stößt man als Erstes auf die merkwürdig bedauernde Feststellung: „Eines so durchgreifenden, altverjährten Wortes Ursprung verliert sich im Dunkel.“ Frühe Notizen zu diesem Stichwort zeigen, woran er letztlich gescheitert ist – der Rekonstruktion einer germanischen Grundsprache. Sie zeigen auch, wenn er das Thema „Erde und Himmel“ anhand mythologischer, biblischer und poetischer Beispiele durch alle Zeiten verfolgt, wie sich seine Arbeitsweise entwickelte. Man muss sich Jacob Grimm als Archäologen vorstellen, für den das Bedeutungsspektrum der Worte verfallenen Gemäuern glich – voller Spuren früherer Bewohner und deren Lebensformen. Ulrich Wyss hat von seiner „wilden Philologie“ gesprochen, seinem anthropologischen Erkenntnisinteresse, das ihn zu einem Vorläufer von Claude Lévi-Strauss mache.

Sein umfangreichstes Werk wird die in vier Bänden zwischen 1819 und 1837 erscheinende „Deutsche Grammatik“, eine Auffächerung der germanischen Idiome seit der Zeit der Völkerwanderung. Phänomene, die den Sprachforschern längst bekannt waren – wie die beiden Lautverschiebungen vor dem Neuhochdeutschen – werden hier erstmals in ihrer Gesetzmäßigkeit dargestellt. Die „Deutsche Grammatik“ macht Jacob Grimm zu einem „Heros“ der Sprachgeschichte.

Jacob Grimm war kein Hagestolz, eher ein Junggeselle mit Familienanschluss. Als Wilhelm 1825 seine Jugendfreundin Dorothea Wild heiratete, entstand jene Konstellation, in der Jacob mit der Familie seines Bruders die Wohnung teilte. Ein erster Unterschied zwischen den Brüdern ergab sich aus Wilhelms Gesundheit: Asthma und Herzrhythmusstörungen erzwingen seit der Jugend immer wieder Erholungspausen. Wilhelm ist der Geselligere, dem Jacob gerne die Pflege sozialer Kontakte überließ. In der Kasseler Zeit organisierte er zwischen 1810 und 1813 auch das „Freitagskränzchen“ – eine Lesegesellschaft, von der die Brüder viel profitierten, als sie begannen, nach Märchen zu suchen.

Mehrfach wandten sich die Grimms in Sammelaufrufen an die Landbevölkerung. In diesen „Zirkularbriefen“, die als Beginn volkskundlicher Forschung gelten, wurden als Beispiele Märchen von verwünschten und erlösten Königskindern aufgezählt, lokale Sagen, die Ortsnamen erklären, von weißen Frauen, Wiedergängern, Riesen oder unter der Erde lebenden Zwergen handeln. Da die Aufrufe praktisch keine Resonanz fanden, ging Wilhelm bald dazu über, den Kontakt zur Landbevölkerung durch Frauen ihres Bekanntenkreises herzustellen. Dass sie aus gebildeten Kreisen kamen, verfälschte allerdings für den Puristen Jacob bereits die Idee der „Natur-„ oder „Volkspoesie“. Dass die Grimmschen Märchen dennoch so wirken, als wären sie eben aufgezeichnet worden, ist wesentlich dem Bearbeitungsgeschick Wilhelms zu verdanken. Er hat die Handlungen gestrafft und mit einer Vielzahl lautmalerischer Elemente, einprägsamer Sprüche und Redensarten angereichert: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind.“ Hinter der zeitlichen und räumlichen Unbestimmtheit des „Es war einmal“ verbergen sich erkennbar biedermeierliche Vorstellungen kindlicher Unschuld.

Der Bearbeitungsprozess rührte an einen prinzipiellen Dissens zwischen den Brüdern. Nach Jacobs Ansicht machten gerade derbe oder obszöne Stellen die Lebendigkeit eines Märchens aus. Wilhelm plädierte dafür, von den Bedürfnissen der Gegenwart auszugehen. Als er nach 1830 wie Jacob in Göttingen Professor geworden war, zeigte sich in seinen Vorlesungen, dass er eher als sein Bruder bereit war, öffentlich über den Wertekanon mittelalterlicher Literatur nachzudenken – etwa über die Bedeutung von Liebe, Treue und Mut im Nibelungenlied.

Die Berühmtheit der Brüder Grimm beruht auch auf ihrem Schulterschluss in der Auseinandersetzung mit Ernst August, dem Regenten des Königreichs Hannover. Er hatte 1837 verkündet, er fühle sich an die Verfassung nicht gebunden. Als daraufhin sieben Göttinger Professoren, darunter die Grimms, den Schritt für juristisch unhaltbar erklärten, da sie auf diese Verfassung vereidigt worden waren, wurden sie kurzerhand entlassen. Jacob Grimm und den Historikern Dahlmann und Gervinus wurde die Verbreitung der Protestnote zur Last gelegt, sie mussten innerhalb von drei Tagen das Land verlassen.

Im aufgeheizten Klima des Vormärz werden die „Göttinger Sieben“ zu Symbolfiguren im Kampf gegen die Krone und die Adelsprivilegien – was den Grimms, die immer eine überparteiliche Haltung für sich in Anspruch nahmen, zu weit ging. Sie fanden ihre Porträts auf Bierkrügen wieder und waren zugleich zwischen alle politischen Lager geraten. Wie heikel ihre Lage war, zeigte sich noch an den diplomatischen Schachzügen, die nötig waren, um ihre Übersiedlung nach Berlin zu ermöglichen. Nachdem die Verleger Karl Reimer und Salomon Hirzel den entlassenen Brüdern ein Angebot für das „Deutsche Wörterbuch“ gemacht hatten, setzten sich Bettine von Arnim und Alexander von Humboldt für sie beim preußischen Thronfolger ein. Friedrich Wilhelm IV. ermöglichte ihnen in Berlin die Realisierung einer Aufgabe von „nationalem Interesse“.

Als Wilhelm 1846 auf dem ersten Germanisten-Tag in Frankfurt am Main über die Fortschritte der Vorarbeiten am „Wörterbuch“ berichtete, sprach er von dem Ziel, den Reichtum der deutschen Sprache wieder sichtbar zu machen. Jacob stellte die Frage, „ob nicht der Geschichte des Volkes das Bett von der Sprache her stärker aufgeschüttelt werden könnte“. Das waren gerade in den Jahren um 1848, noch bevor die erste Lieferung des „Wörterbuchs“ 1852 auf der Leipziger Buchmesse erschienen war, eminent politische Anliegen. Spätere Zeiten eines offensiven Nationalismus haben sich darauf gerne berufen und die Grimms für eine Mentalität Franzosen hassender Deutschtümelei vereinnahmt.

Als Wilhelm vor genau 150 Jahren 1859 in Berlin starb, hatte er gerade den Buchstaben D bearbeitet, Jacob starb 1863 über dem F. Das Projekt, für das ursprünglich zehn Jahre veranschlagt waren, ging noch durch viele Hände, bis es – durch neue lexikalische Konzepte längst überholt – 1960 komplett mit 32 Bänden vorlag. In Fragen der Etymologie ist es bis heute konkurrenzlos. Jacob und Wilhelm Grimm hatten die Hoffnung, das „Deutsche Wörterbuch“ werde dazu beitragen, die Kluft zwischen der von Luther bis Goethe geformten Schriftsprache und der Ausdrucksweise der breiten Volksschichten zu verringern. Sie dachten an ein lesendes Volk, das gelegentlich auch zum Wörterbuch greift.

Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biographie. Rowohlt Berlin Verlag 2009. 512 Seiten, 26,90 €.

Hans-Georg Schede: Die Brüder Grimm. Cocon Verlag, Hanau 2009. 191 S., 12,80 €.

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