Wim Wenders zur Wahl von Trump : „Das Kino muss sich einmischen“

Zum Start seines Films "Die schönen Tage von Aranjuez" spricht er über seine Arbeit mit dem Schriftsteller Peter Handke, 3D-Filme - und warum er das Kino nach der US-Wahl in der Pflicht sieht.

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Der deutsche Regisseur und Fotograf Wim Wenders, 71.
Der deutsche Regisseur und Fotograf Wim Wenders, 71.Foto: dpa
Zur Person

Der mehrfach preisgekrönte Regisseur Wim Wenders, geboren 1945 in Düsseldorf, machte sich nach seinem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München ab den 70er Jahren einen Namen als Autorenfilmer und Fotograf. Mit "Der amerikanische Freund" wurde er 1974 auch in den USA berühmt. Er erhielt eine Einladung zur Zusammenarbeit vom US-Regisseur Francis Ford Coppolla und lebte über 15 Jahre in den Vereinigten Staaten. Heute gilt er als einer der angesehensten zeitgenössischen deutschen Filmemacher.

Herr Wenders, warum haben Sie seit dem Erfolg von „Der Himmel über Berlin“ fast 30 Jahre nicht mehr mit Peter Handke zusammengearbeitet?

Wir hatten schon andere Projekte, zum Beispiel einen Amerika-Film nach Peter Handkes „Langsame Heimkehr“. Aber es war dann zu komplex und zu schwierig, es zu finanzieren. Dann schrieb Peter ein Drehbuch, „Kali“, von dem er hoffte, ich würde es verfilmen. Aber ich lebte gerade in den USA, und es hätte in Deutschland gedreht werden müssen. Seitdem sagten wir immer, wir müssen mal wieder was auf die Reihe kriegen. Dann schickte er mir eines Tages die „Schönen Tage“.

Ursprünglich sollten Sie den Text fürs Theater inszenieren.

Ja, aber ich merkte von der ersten Seite an, wie gerne ich das draußen in der Natur inszenieren würde, als Film. Es beginnt ja mit einer schönen Beschreibung: das Paar auf der Terrasse, unter den Bäumen. Im Theater sind Bäume nur Schatten oder tote Bühnenbäume, und das Rauschen der Blätter kommt aus Lautsprechern.

Seit „Pina“ sind Sie ein Verfechter der 3D-Technik, auch „Die schönen Tage von Aranjuez“ haben Sie so gedreht. Warum ist das im Autorenkino noch nicht verbreitet?

Weil es eigentlich schon wieder vorbei ist. Die Technik ist dermaßen ausgebeutet und ausgepowert worden durch all die Mistfilme, die damit produziert wurden, dass Arthouse-Kinos und -Verleiher es inzwischen strikt ablehnen, etwas anderes in 3-D zu zeigen als Animation oder Action. Was einen nicht verwundert bei der effekthascherischen Weise, in dem diese Bildersprache bislang eingesetzt wurde.

Ihr Dokumentarfilm „Pina“ war doch sehr erfolgreich.

Aber es kam nichts nach. Das Fernsehen hat sich zurückgezogen, es gibt keinen Sender mehr in Europa, der 3D zeigt. Die Industrie hat sich ebenfalls abgewendet, weil wegen des Mangels an Content auch keine 3D-Fernsehgeräte mehr gekauft werden. Dadurch will auch das Publikum 3D nicht mehr, zumindest nicht in einem Film, der etwas Ernsthaftes erzählt. Ich habe mein Bestes gegeben als Rufer in der Wüste, aber außer dem Meisterwerk von James Cameron, „Avatar“, ist wenig passiert. Scorsese drehte „Hugo Cabret“, Ang Lee „Life of Pi“, das war’s schon.

Sie wurden durchs amerikanische Kino sozialisiert und haben lange in den USA gelebt. Mit welchen Gefühlen betrachten Sie, was dort gerade mit Trump vor sich geht?

Der nackte Horror. Wenn ich nicht insgesamt 15 Jahre da gelebt hätte und nicht wüsste, dass es dort ein grundsolides demokratisches Gerüst gibt, dann hätte ich größte Sorgen. Die mache ich mir auch, aber ich denke, die Amerikaner werden den Mann überleben. Ich weiß nur nicht, wie groß der angerichtete Schaden sein wird und wie das Land die nächsten Jahre ohne Bürgerkrieg oder bürgerkriegsähnliche Zustände überstehen soll. Wie will es diese krass rassistische Haltung, diese Verachtung sowohl von Armut als auch von allen „Anderen“, von Mexikanern, Ausländern überhaupt, Muslimen im Besonderen unterm Deckel halten? In den USA schwelen immer schon Rassenkonflikte. Ich denke, es wird krachen und richtig Ärger geben, wenn die Armen merken, dass sie alle noch ärmer werden und bald auch noch ihre Versicherung los sind.

War die Anfälligkeit der USA für einen populistischen Präsidenten vorhersehbar?

Nein. Ich hätte alles darauf verwettet, als Trump die ersten Primaries gewann, dass es einen Erdrutschsieg für die Demokraten geben würde und die Republikaner mit Pauken und Trompeten untergehen. Im Grunde ist ein Politiker wie Trump immer noch undenkbar, weil sein Verhalten nicht vereinbar ist mit moralischen Standards. Im Kino ist Narzissmus eine witzige Sache. Über den irgendwie selbstverliebten Vater in „Toni Erdmann“ kann man lachen, aber man will ihn nicht als US-Präsidenten. Obwohl: Ich würde ihn noch eher nehmen, inklusive seines Kostüms. Simonischek for President.

Viele Kulturschaffende haben deutlich gegen Trump Stellung bezogen. Gibt es eine Pflicht zur politischen Einmischung?

Ich ziehe auch meinen Hut vor Meryl Streep. Es gibt die Pflicht für das Kino, sich einzumischen, weil die anderen audiovisuellen Medien sich in großem Maße ausgeklinkt haben. Gerade in Amerika ist das Fernsehen irrelevant geworden, eine Form von Entertainment, für die einer wie Trump das gefundene Fressen ist. Das Kino hat geradezu die Aufgabe, „Politik“ im weitesten Sinne wieder miteinzubeziehen – da gibt es ja eine lange Tradition –, weil es keine andere Stimme gibt, die das noch tut. Das Kino ist ein privilegierter Ort, an dem man sich für anderthalb bis zwei Stunden einem Erzähler anvertraut, und der kann in dieser Zeit in den Köpfen der Menschen mehr auslösen als jede Fernsehsendung oder Youtube.

Welchem Thema sollten sich die Filmemacher denn stärker widmen?

Dem Klimawandel, denn dessen Leugner sind jetzt überall an der Macht. Als Barack Obama zuletzt in Berlin war, nannte er das Klimaabkommen das wichtigste seiner Abkommen. Wenn Trump es cancelt, hätte das katastrophale Folgen für die Zukunft unseres Planeten.

„Land of Plenty“ haben Sie nach dem 11. September gedreht, aus Zorn. Macht Sie im Moment etwas derart wütend, dass es Sie zu einem Film motivieren könnte?

Es gibt Kollegen, die können das besser. Michael Moore zum Beispiel, für den ist Zorn ein hervorragender Antrieb.

Auch für Ken Loach.

Ja, für Ken ist das ein Lebenselixier. Aber bei mir entfaltet Zorn nie eine sonderlich kreative Wirkung. Selbst in „Land of Plenty“, der ja aus Wut über den Irakkrieg entstanden ist, wurde aus dem patriotischen Volltrottel in der Hauptrolle letztlich eine liebevolle Figur. Ich habe das einfach nicht drauf, ich kann nicht aus Zorn heraus arbeiten.

Das Gespräch führte Kaspar Heinrich.

Der Film "Die schönen Tage von Aranjuez" läuft ab dem 26. Januar in den Berliner Kinos Cinemaxx Potsdamer Platz, Kant, und Kulturbrauerei, OmU in den Hackeschen Höfen.

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