Kultur : Wind aus Nordost

Von Liebermann bis Neo Rauch: das Frühjahrsangebot der Villa Grisebach

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Etwas Skepsis schwingt schon in dem Selbstporträt mit, das Paula Modersohn-Becker um 1901 von sich malte: eine junge Frau mit strenger Frisur und gelbem, geflochtendem Blütenkranz. Mit einem feinen Lächeln und ihrem runden, fragenden Augenpaar. Dieses Bildnis der leisen Kontraste strahlt in den Raum. Auch wenn es gerade einmal 30 Zentimeter in Höhe und Breite misst und der Saal der Villa Grisebach im übrigen voll mit Werken des späten Impressionismus ist. Mit einer „ Märkischen Landschaft“ von Walter Leistikow, die in der Frühjahrsauktion kommende Woche mindestens 18 000 Euro bringen soll. Jenem frühlingsgrün leuchtenden Pastell, das Lesser Ury um 1925 „Unter den Linden“ nannte und das Bäume wie Autos in rhythmischen Reihen zusammenfasst (40 000-60 000 Euro). Oder dem „Nutzgarten in Wannsee nach Nordosten“ (um 1929) von Max Liebermann, der aus einer norddeutschen Privatsammlung stammt und trotz seiner ungewöhnlichen Perspektive und einer verhältnismäßig abstrakten Malweise zwischen 100 000 und 150 000 Euro kosten soll.

Vor dem Verkauf aber kommt die Vorbesichtigung. Sie gestaltet das Auktionshaus wie in jedem Jahr als aufwendige Schau, in der für kurze Zeit sichtbar wird, welche Schätze private Sammler besitzen und was davon kommende Woche von einer Kollektion in die andere übergeht. Wie jenes Bild von Modersohn-Becker, das trotz seiner Größe zu den Spitzenstücken der Versteigerung gehört: Erwartet werden bis zu 300 000 Euro, während die größerformatigen „Weißen Rosen vor Atelierfenster“ ebenfalls aus der Hand der Künstlerin gerade einmal auf die Hälfte taxiert sind.

Überflügelt wird das teuerste Werk der Moderne diesmal vom Segment der Contemporary Art, das Daniel von Schacky als Experte seit einigen Jahren konsequent ausbaut. Erfolgreich, wie man nun sieht: Aus Großbritannien wurde „Grey Fold“ (2005) des irischen Malers Sean Scully eingeliefert – ein wunderbares abstraktes Hochformat aus zehn regelmäßigen Rechtecken, unter deren grauen, beigen und brauen Oberflächen zahllose Farbschichten hervorblitzen. Mindestens 350 000 Euro soll das Gemälde bringen, besser noch 450 000 Euro. Der aktuelle Paradigmenwechsel von den Highlights der Moderne hin zu den Zeitgenossen, die mit einem weiteren Großformat von Per Kirkeby, einem frühen Bild von Albert Oehlen (150 000-200 000 Euro) und Neo Rauchs menschenleerer Szene „Hauptgebäude“ von 1997 (200 000- 300 000 Euro) sehr gut aufgestellt sind, zeigt allerdings gleich auch das schmerzliche Manko dieser Saison: Es fehlt der bewährte big seller.

Im Herbst 2009 war es der „Nachgarten“ von Max Beckmann, den Grisebach für über eine Million Euro weiterreichte. Vergangenes Frühjahr verließen mit Liebermanns „Strandleben“ und einem Auqarell von Lovis Corinth gleich zwei Werke jenseits der 500 000-Euro-Marke den Saal. Zwar betont Grisebach-Geschäftsführer Bernd Schultz, am Gesamtvolumen der Auktion habe sich im Vergleich zum Vorjahr nichts geändert. Und doch glaubt man ihm sofort, dass es diesmal „besonders schwierig“ war, Ware auf gewohntem Niveau zu aquirieren. Denn auch wenn die Versteigerungen von Christie’s und Sotheby’s in New York vor wenigen Wochen ein voller Erfolg und die Einlieferer so großzügig wie lange nicht mehr waren. Die europäischen Sammler ticken anders: Wer sieht, wie stabil die Preise für Kunst in den vergangenen zwei Jahren geblieben sind, der behält sie erst einmal. Wo doch der Euro gerade per Autopilot mit ungewissem Ziel unterwegs ist.

Jenseits dieser Spitzenstücke steckt das Frühjahrsangebot allerdings voller angenehmer Überraschungen. Das reicht bis in das Angebot an Fotografie mit einem kleinen Konvolut von künstlerischen wie privaten Fotografien von Man Ray aus einer privaten Sammlung bis hin zu Lotte Jacobis „Head of a dancer“ von 1929. Der signierte Abzug aus der Sammlung Abe Frajndlich nimmt den Kopf der Tänzerin Niura Norskaya ins Visier. Extrem angeschnitten und mit einer schwarzen Hutkrempe, die das Motiv wie eine abstrakte Montage aussehen lässt. Mindestens 22 000 Euro soll der Abzug aus den siebziger Jahren kosten. Kaum zu glauben, das da schon der Hammer fällt.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25. Vorbesichtigung: 29.5.-2.6., Sa-Di 10-18.30 Uhr, Mi 10-17 Uhr /Auktion: Fotografie, 3.6., 15 Uhr; Ausgewählte Werke & Contemporary, 4.6., 17 Uhr; Kunst des 19.-21. Jhd., 5.6., 10 Uhr; Third Floor, 5.6., 15 Uhr.

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