Kultur : Windlocken

Roland Schimmelpfennigs „vier Himmelsrichtungen“

Andres Müry

„Es kam eine Frau aus dem Westen, die brachte Wind mit. Die kam mit dem Überlandbus und hatte viele Locken. Die Frau stieg aus dem Bus und suchte sich eine Arbeit als Kellnerin ...“ Klingt das nicht lässig, wie aus dem Amerikanischen übersetzt? So könnte eine Folk-Ballade von Bob Dylan oder Tom Waits anfangen, in der vier Minuten lang eine ganze Welt erzählt wird: das Leben, die Liebe, der Tod.

Die Sätze stehen in dem neuen Stück von Roland Schimmelpfennig, „Die vier Himmelsrichtungen“, das eben im Landestheater uraufgeführt wurde. Ziemlich wahrscheinlich, dass der Autor, der auch inszenierte, genau die songhafte Lakonik, die epische Leichtigkeit im Sinn hatte. Nur leider: Den 105 Minuten fehlt genau das: der Sound, die Musik.

Ein Kleinkünstler, der aus Modellierballons Tiere formt, und ein amoklaufender Gewaltverbrecher verlieben sich gleichzeitig in eine gelockte Kellnerin, die eine tödliche Krankheit hat. Im Streit erschlägt der Verbrecher den Kleinkünstler, was dessen Frau, eine Wahrsagerin, voraussah. Hübsche Vorgeschichte: Der Totschläger, bevor er sich für die schiefe Bahn entschied, war LKW-Fahrer, verlor seine Fracht, 400 Kisten mit Modellierballons, und ließ sie einfach liegen. Die wurden dem Finder zum Schicksal: Er wechselte ins Kleinkunstfach.

Was sich nach einem Melodram von Tennessee Williams in mindestens drei Akten anhört, wird beim Postdramatiker Schimmelpfennig zu einer Sprach-Etüde in 52 Nummern. Logik des Text-Schneidetischs: Die Geschichte wird im Vor- und Rücklauf immer neu montiert, bis sie am Ende auserzählt ist. Für das postdramatische Niemandsland hat der Bühnenbauer Johannes Schütz mit Tonnen von Sand eine Wüste aufgeschüttet, darin ein schäbiges Showpodest. Als Wanderzirkustruppe agieren die vier Schauspieler Kathleen Morgeneyer, Almut Zilcher, Andreas Döhler und Ulrich Matthes (vom koproduzierenden Deutschen Theater Berlin), jeder der Conférencier seiner Figur und wechselseitig der drei anderen.

Ist es ein Wunder, dass das Publikum – darunter die deutsche Kanzlerin – an der Premiere sehr ruhig blieb? Es gehört zu Schimmelpfennigs protestantischer Strenge, dass der Kleinkünstler (Ulrich Matthes) keinen einzigen Ballon aufblasen, kein einziges Tier formen durfte: alles nur Sprache. Was an diesem Abend erfunden wurde: der Zirkus ohne Kunststücke, ohne Zwischenapplaus.

Da fiel schon nicht mehr ins Gewicht, dass der Autor in Botho-Strauß-Nachfolge das Ganze noch beiläufig an die griechische Mythologie andockte: die Kellnerin mit den Locken als Medusa, der Kleinkünstler mit dem Sternen-Anzug als Perseus. Vielleicht könnte ein Blick auf den Salzburger Hausheiligen Hugo von Hofmannsthal hilfreich sein: Den führte um 1900 seine „Sprachkrise“, das Misstrauen in die Abbildbarkeit der Welt, durch Sprache zur Oper. Andres Müry

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