Kultur : Wir, Abend für Abend

NEUE MUSIK

Carsten Niemann

Sollte Berlin derzeit das sechste im Bunde der nordischen Länder sein? Nicht nur, dass die Finnen im Bröhan-Museum große Kunstwerke aus ihrem nationalen Schatz ausstellen, jetzt exportierten alle fünf Nordlichter gar erstmals ihr ehrwürdigstes Musikfestival: die 1888 gegründeten „Nordischen Musiktage", für Berlin flott in MAGMA 2002 umbenannt. Am Sonnabend eröffnete der Schirmherr, Kronprinz Haakon von Norwegen, nicht nur persönlich „sein“ Festival, sondern hörte sich auch gleich zwei Konzerte mit neuer Musik an. Es wäre „MAGMA 2002“ zu wünschen, dass sich auch abseits dieses Protokoll-Acts viel Publikum für diesen mutigen Schritt zu den Berliner Wahlverwandten findet. Dabei setzte das Eröffnungskonzert mit dem Dänischen Nationalorchester unter Thomas Dausgaard in der Philharmonie wohl erst den soliden Einstieg. Die 1999 entstandene 6. Sinfonie des 70-jährigen Dänen Per Nørgård ist – trotz gewisser Längen im ersten Satz – ein Beispiel für jenen Typus neuer nordischer Orchesterkunst, der Tradition und neue Klanglichkeit souverän und intelligent verbindet: Meist sind es drei charakteristische Klangereignisse in dem motivisch dicht gewebten Stück, mit denen der Hörer nachschöpfend jonglieren darf. Noch populärer kam die Studie „Time and the Bell“ des 1955 geborenen Schweden Anders Hultqvists daher; mit ihren Perkussioneffekten litt sie aber unter der allzu simplen Formgebung und fehlender mikrotonaler Präzision. Glücklicher ließ man dagegen die Fäuste fliegen. Dem Kunstanspruch Carl Nielsens , seiner Zeit „ein blaues Auge zuzufügen“, wurde man in dessen besonders von den Bläsern satirisch scharf dargebotenen 5. Sinfonie gerecht.

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