Kultur : Wir Ersatzspieler

Jan Schulz-Ojala schaut auf das Programm an sensiblen Abenden

Kann schon sein, dass Spinnenfans es auch diesmal wieder nicht abwarten können und ihre fiebernde Erwartung gleich am Kinostarttag stillen: „The Amazing Spider-Man“ zur Prime Time vor der größten Multiplexleinwand, Cola-Eimer links, Popcornwanne rechts, 3-D-Brille auf – und ab geht’s mit Peter Parker am seidenen Faden durch die Häuserschluchten!

Andererseits: War da nicht was? Und zwar was anderes? Der Neuaufguss des Uraltmythos wird exakt an jenem Datum massenhaft in die Kinos gekippt, da ein anderes fiebriges Ereignis seinem Ende entgegenstürmt. Am Donnerstag, 28. Juni, steigt Spiel Nr. 30 von insgesamt 31 auf dem Rasen, der die Welt bedeutet. Jedenfalls in diesem Juni, na, den 1. Juli nicht zu vergessen.

Oh ja, die Kulturschaffenden der Nation, die sich nicht spielfrei genommen haben in diesen Wochen, haben es schwer. Besonders schwer dürfte ihnen just jener Abend werden, da „wir“ gegen Englien beziehungsweise Italand spielen – den heimischen Himmelsflügelstürmern jedenfalls, so haben sie es unlängst im Fernsehen bekundet, ist der Gegner erstmal „egal“. So lange nicht die schlimmen spanischen Spidermänner antanzen, die ihr Spiel bekanntlich auch vertikal rauf- und runterspielen können.

Wer um alles in the World hört und sieht und bejubelt also am Donnerstag La-Ola-Madonna in der O2-World? Wer guckt im Ballhaus Ost „Bye Bye Blondie“, womit bitte nicht ein gewisser höchst mannschaftsdienlicher Marco R. gemeint sei? Und was hat es mit „Libelulas Schrei“ auf sich, gegeben im Kreuzberger Latinotreff La Cueva? Sollte die Vuvuzela schrillen Angedenkens in der Nachspielzeit durch liebliches Libellensirren ersetzt worden sein?

Wie ausgewechselt fühlen sich die Bühnenspieler dieser Tage, und nun sitzen sie auf der Bank. In der Bar jeder Vernunft am Donnerstag sogar „Zwei auf einer Bank“, womit bis zum Beweis des Gegenteils nicht der eine und der andere Mario G., sondern Katharina Thalbach und Andreja Schneider auf der Besetzungsliste stehen. Oder sollte das Duo auch nur auf einer jener Bar-Nischenbänke sitzen, von denen aus wiederum alle Gäste auf die Großleinwand starren?

Dem großen Spiel – und damit ist jetzt nicht der Brüsseler Euro-Gipfel vom selben Tag gemeint, an dem sich wohl die Zukunft des Kontinents entscheidet – entkommt man nicht. Und wer nach dem teutonischen Halbfinale partout noch Kultur will, muss sich sputen: „Schlaflos in Charlottenburg“ beginnt im Schiller-Theaterfoyer die lange Nacht der Autohupen. Anpfiff des literarisch-musikalischen Nachtsalons? Pünktlich 22.30 Uhr. Und wenn dabei die ganze Welt unter-, pardon: in die Verlängerung geht.

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