• "Wir gehen" am Teatr Kreatur: Aufgespießte Puppenleiber - der Kinderkreuzzug als Bühnenstück

Kultur : "Wir gehen" am Teatr Kreatur: Aufgespießte Puppenleiber - der Kinderkreuzzug als Bühnenstück

Meike Mattes

On the road again: Andrej Worons hypermotorische Keaturen sind immer noch, wieder mal auf Achse. Seit sie vor zehn Jahren die "Zimtläden" verliessen, haben diese notorischen Irrläufer nirgendwo Fuss fassen können - weder in Isaak Babels "Armenhaus" (wo ihnen die Russische Revolution Beine machte) noch in Itzak Mangers "Paradies" (wo sie vor Langeweile das Weite suchten). Nach einem Abstecher an den Hof des König Artus ("Merlin") irrlichterten sie durch Kafkas apokalyptische Angestelltenwelt ("K."), umgingen im "Zug des Lazarus" alle Endstationen, besuchten ihre zum Stillstand verdammten Leidensgenossen in Tschechows Kirschgärten und fanden zuletzt, in Frankensteins Menschenzuchtlabor, eine fragwürdige Idee vom Fortschritt.

Die Nichtsesshaftigkeit ist also Programm im Theater am Ufer. Irgendwann musste Wanderzirkusdirektor Woron auf der Suche nach geeignetem Treib-und Traumstoff für seine rastlosen Geschöpfe auf Historie und Mythos des Kinderkreuzzuges stossen - jener tragischen Pilgerschaft, die dem "Tauwetterliteraten" Jerzy Andrzejewski (1909-1983) in seiner Erzählung "Die Pforten des Paradieses" als Musterbeispiel galt für die Verführbarkeit des Menschen durch religiösen Fanatismus und die Ausbeutung libidinöser Energien für machtpolitische Zwecke. Massenwahn, pervertierte Liebe, geschändete Jugend: ein gewaltiges Thema, das sich Woron unter dem Titel "Wir gehen" vorgenommen hat. Bislang haben die kreatürlichen Vagabunden derart schweres Gedankengepäck immer recht lässig geschultert. Dieses Mal aber tritt ihre theatralische Tour de force unter ihrer gewichtigen Mission auf der Stelle, streckenweise. Schon zu Beginn will es nicht recht losgehen, als Graf Ludwig von Chartres und Blois (Mathias Eysen) mit stadttheaterhafter Steifheit die Hintergründe des Kinderkreuzzugs repetiert: Die Zerstörung des christlichen Konstantinopel durch marodierende Kreuzritter, für die der unverdorbene Nachwuchs ein Sühneopfer bringen soll, indem er das Grab Christi aus den Händen der heidnischen Türken befreit.

Hübsch harmlos sehen sie zunächst aus, die quirligen Teenager in weissen Sonntagskleidern, wie sie über das zur Kurve geschwungene Bretterpodest tollen, mit wippenden Flügelchen, Weihrauch, Myrthenkränzen, Palmwedeln. Alle lieben sie den Hirtenjungen Jakob (Dzidek Starczynowski), dessen Ruf sie folgen (Nach Jerusalem!), und den sie alle gottlos begehren, weil er auf seinem Hochsitz den Unberührbaren mimt, obwohl er gelegentlich mit Alexis (Maximilian Giermann) kopuliert, welcher wiederum auf ein inzestuöses Verhältnis mit seinem Ziehvater zurückblickt, aber auch eine Sado-Maso-Beziehung zur nymphomanischen Dorfschönheit Blanka (Verena Jasch) unterhält, die es mit jedem treibt, um dabei an Jakob zu denken, den Pseudo-Asketen.

Das mit der infantilen Unschuld ist also eine prekäre Sache. Der Mönch (Holger Madin), der die Kinderseelen von "unschuldigen Sünden" reinigen soll, gerät mit jeder Generalbeichte mehr in Schweiss und Wallung. Das erotisierende Klima der Johannisnacht animiert die pubertäre Pilgerschar zu einer Pool-Party. Nutztiere werden entwendet, geschlachtet, roh verspeist. Schnell mutiert die epische Aufführung zum wüsten Gewimmel aus blutigen Mündern, blanken Brüsten, irren Blicken, gespreizten Schenkeln. Ein bisschen Sommernachtstraum und Walpurgisnacht, etwas Schulmädchenreport und Ideologiekritik. Doch obwohl Worons Schauspieler das Zersetzende einer für fremde Zwecke missbrauchten Leidenschaft mit grosser Emphase behaupten, imaginieren wir in diesem kleinen Opfergang nie jenen dem Untergang geweihten Gewaltmarsch, den Andrzejewskis Erzählung heraufbeschwor. Zuletzt sehen wir die Karawane der Kreaturen, wie sie weiterzieht, im Kreis, auf ihrem Weg, der gesäumt ist von Pferdekadavern und gekreuzigten Mönchen, Hengstgemächten, aufgespiessten Puppenleibern. Die Flügel sind zerrupft, der Lack ist ab, aber sie gehen und gehen - und das Geheimnis, das sie einmal mit sich trugen, tief in ihren grell geschminkten Schaustellerherzen, das ist auch gegangen: verloren.

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