Kultur : Wir Gewohnheitsfanatiker

Ob Segen oder Fluch – Neuerungen ängstigen die Menschheit und rufen seit jeher die Kulturpessimisten auf den Plan „Maschinen sind Betrug gegen die Natur.“ G. W. F. Hegel, „Buchstaben sind fremde Gebilde“ und nicht für die Weisheit. Platon, Philosoph

Matthias Plüss

Philosoph

Die neue Frucht stammt aus Amerika und stößt in Europa auf ungeteilte Ablehnung. Sie sei giftig und lauge den Boden aus, sagen die Bauern. Sie habe keinen Nährwert und verstopfe die Därme, klagen die Bürger. Missgeburten verursache sie und mache krank, warnen die Ärzte. Wagt es dennoch einer, die Pflanze anzubauen, zerstören oft aufgebrachte Nachbarn seine Felder, und die Bevölkerung protestiert: „Die Knollen haben weder Duft noch Geschmack, nicht einmal die Hunde wollen sie fressen, was sollen sie uns also nützen?“, schreiben die Einwohner eines deutschen Städtchens an die Behörden.

Gentechnik-Sellerie? Nein, die Rede ist von gewöhnlichen Speisekartoffeln. Im Jahr 1537 von den Spaniern eingeführt, dauerte es mehr als 200 Jahre, bis die Kartoffel in Europa akzeptiert und großflächig angebaut wurde. Der Grund für die Ablehnung waren Vorurteile, die aus heutiger Sicht grotesk anmuten. Noch 1821 empfahl Goethe den Hausfrauen die Verwendung von möglichst viel Gemüse, „damit dem unseligen Kartoffelgenuss nur einigermaßen das Gleichgewicht gehalten werde“. Und der Aufklärer Denis Diderot schrieb in seiner Enzyklopädie, Kartoffeln erzeugten Blähungen und seien höchstens für Bauern und Landarbeiter geeignet.

Ärzte warnten vor Gesundheitsrisiken. Kartoffelverzehr könne zu „Sodbrennen, Ekel und Erbrechen“, ja gar zu „Krampfhusten“ und „faulem Fieber“ führen, schrieb ein Zürcher Landarzt 1780. Der Pfarrer von Schlieren verbreitete dieweil die Mär, aus geronnenem Kartoffelschaum lasse sich „ein gutes Mäuss und Ratten Pulver“ herstellen, das Arsen in nichts nachstehe. Was Wunder, hielt das Volk die Knolle lange nicht für ein Nahrungsmittel, sondern für eine Seuche, und gab ihr den Namen „Teufelsfrucht“.

Wie kann es sein, dass sich die Menschen des 17. und des 18. Jahrhunderts derart verbissen einer Neuerung verwehrten, die doch eine gewaltige Erleichterung für ihr immer wieder durch große Hungersnöte beschwertes und ohnehin mühseliges Leben bedeutet hätte? Mag sein, dass seinerzeit eine unförmige Knolle, die sich unterirdisch wie von Zauberhand gelenkt vermehrte, ähnlich gefährlich anmutete wie heute eine Tomate, der eine Forscherhand eine neue Eigenschaft verliehen hat. Angesichts der damaligen Hungerqualen bleibt die Ablehnung trotzdem irrational.

Der Mensch ist kein Gewohnheitstier, nein: Er ist ein Gewohnheitsfanatiker. Aus psychologischen Studien ist bekannt, dass wir beim Bewerten einer Neuerung die Chancen und Risiken grotesk verzerren – weil erlittene Verluste für uns viel schmerzhafter sind als entgangene Gewinne. Lieber zehnmal etwas Nützliches verpassen als einmal auf die Nase fallen. Was haben die Menschen nicht alles für Gefahren ersonnen! Elektrisches Licht fördere Sommersprossen, fürchteten sie, Dampflokomotiven verdürben den Weizen, und in Staubsaugern säßen kleine Teufel. Die ersten Blitzableiter im 18. Jahrhundert wurden von besonders eifrigen Gläubigen als „Ketzerstangen“ beschimpft und niedergerissen: Das Umlenken von Blitzen erschien ihnen als gefährlicher Eingriff in die natürliche Ordnung. Überhaupt war jede Maßnahme, die der Mensch ergriffen hat, um sich das Leben zu erleichtern – in einem Wort: jede Technik, zu Beginn dem Vorwurf der Unnatürlichkeit ausgesetzt. Hegel bezeichnete den Einsatz von Maschinen generell als „Betrug ... gegen die Natur“, der sich rächen müsse.

Doch das Übel, das gegeißelt wird, setzt früher an, viel früher. Mit der Glut. Die Zähmung des Feuers ist jene Urtechnik, mit der sich der Mensch aus dem Tierreich katapultierte. Es muss ihn eine unendliche Überwindung gekostet haben, die wir noch erahnen können, wenn wir sehen, wie sehr sich Tiere vor Flammen fürchten. Ob sich die ersten Feuerbändiger auch schon vor einer wie auch immer gearteten „Rache der Natur“ fürchteten? In der griechischen Mythologie jedenfalls bestrafen die Götter die Menschen für den Diebstahl des Feuers mit der Büchse der Pandora, die die Erde mit Elend und Krankheiten übersät.

Die weitere Technisierung der Flamme war eine permanente Quelle neuer Ängste. Ein Kritiker bezeichnete etwa die im 19. Jahrhundert aufkommende Straßenbeleuchtung als „Eingriff in die göttliche Weltordnung“, die für die Nacht kein Licht vorsehe. Ein amerikanischer Bürger fürchtete, in der Umgebung seiner Stadt würden wegen der Beleuchtung alle Hühner an Schlafmangel sterben. Die Cölnische Zeitung trug in ihrer Ausgabe vom 28. März 1819 eine Reihe von Argumenten zusammen, die gegen die Straßenbeleuchtung vorgebracht wurden: „1) ungesunde Einwirkung der Öl- und Gasausdünstung und Erkältungen durch Verleiten zum nächtlichen Verweilen auf hellen Straßen. 2) Verschlimmerung der Sittlichkeit bei Trunkenen und Verliebten. 3) sie mache Pferde scheu und Diebe kühn. 4) die bei öffentlichen Festen gepflegte Illumination wecke das Nationalgefühl, das bei allmählicher ’quasi’-Illumination abgeschwächt und abgestumpft werde.“

Die Furcht wurde größer, als das Gaslicht Mitte des 19. Jahrhunderts dank zentraler Versorgung und aufwändiger Leitungen die einzelnen Haushalte erreichte. Von allem Anfang an war das Gas wegen seiner Lautlosigkeit und Unsichtbarkeit mit der Aura des Heimtückischen umgeben. Fälschlicherweise hielt man es für giftig und glaubte, es würde Fieber, Ausschläge und gar eine besonders bösartige Form der Pocken auslösen. Deshalb wurden nachts alle Gashähne geschlossen. Überdies fürchtete man, Leitungslecks führten zu einer Verpestung von Boden und Trinkwasser; diese allmähliche Vergiftung werde ganze Städte unbewohnbar machen.

Mit der Elektrizität trat die Menschheit definitiv ins Zeitalter der diffusen Ängste. Zwar gab es auch ganz konkrete Warnungen: Lesen mit elektrischem Licht mache blind, hieß es etwa. Prompt berichtete die Wissenschaftszeitschrift „Science“ schon 1889, zehn Jahre nach Erfindung der Glühbirne, von einer „neuen Krankheit, genannt photo-elektrische Ophthalmie“, die durch „kontinuierliche Wirkung elektrischen Lichtes auf die Augen“ verursacht werde. „Der Patient wacht nachts mit großen Schmerzen im Augenbereich auf, begleitet von exzessivem Tränenfluss.“ Ein Augenarzt gab an, er habe bereits 30 Patienten mit dieser neuen Krankheit behandelt. Das erinnert nicht nur an die heutigen Klagen über Elektrosmog: Die Behandlung des Themas Elektrizität im 19. Jahrhundert hat auch Parallelen zur gegenwärtigen Gentechnik-Debatte. Im Bereich der Medizin zeigen wir eine oft schier unendliche Risikobereitschaft. Jedenfalls akzeptieren viele Menschen zweifelhafte Methoden wie eben Elektrokuren oder Gentherapien, die beide mit massiven und gewiss nicht risikolosen Eingriffen in den Körper verbunden sind. Soll die gleiche Technik im außermedizinischen Bereich zur Anwendung kommen, so werden plötzlich selbst die abwegigsten Horrorszenarien zur konkreten Bedrohung stilisiert. Die paradoxe Haltung beruht wohl auf dem hartnäckigen Vorurteil vom Mediziner, der stets heilt und schützt, während Homo Faber für seine technokratischen Visionen über Leichen geht.

Erstaunlich dabei: Kaum tritt eine neue Technologie auf den Plan, mutet die bisherige viel natürlicher an. Mochte man sich zuvor noch so sehr vor explodierenden Gasbehältern gefürchtet haben: Angesichts der Strom führenden Drähte verströmte die Gasleitung nun etwas geradezu Behagliches. Am offenkundigsten tritt dieser Effekt in einem Gebiet zutage, wo es weniger um existenzielle Ängste geht als vielmehr um kulturpessimistische Befürchtungen: bei der Entwicklung neuer Kommunikationstechnik. Seien es Telefon, Radio oder Fernsehen, seien es SMS, Internet oder E-Mail – stets witterten Skeptiker zu Beginn die Gefahr von Oberflächlichkeit und Kulturzerfall, von Sucht und Missbrauch, von Dialogunfähigkeit und Vereinsamung.

Diese Denktradition geht viel weiter zurück, als wir meinen. Schon Schrift und Buch, für uns Inbegriffe von Hochkultur, rochen für manchen Vordenker nach Dekadenz. Für Platon waren Buchstaben „fremde Gebilde“, die Schüler bloß zu „Schein-Weisen statt zu Weisen“ erziehe: „Ohne mündliche Unterweisung werden sie sich einbilden, vieles zu verstehen, wo sie doch gewöhnlich nichts verstehen.“ Auch der Erzbischof von Mainz sah, kurz nach der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, in der Schriftlichkeit eine Gefahr: „Denn wer wird den Laien und ungelehrten Menschen und dem weiblichen Geschlecht, in deren Hände die Bücher der heiligen Wissenschaft fallen, das Verständnis verleihen, den wahren Sinn herauszufinden?“

Als dann im 20. Jahrhundert das Radio auf Sendung ging, wurde nicht etwa die wiedergewonnene Mündlichkeit bejubelt, sondern abermals die angebliche Künstlichkeit des neuen Mediums beklagt. „Durch die einseitige Hingabe an die künstliche Übertragung und Vermittlung wird die Empfänglichkeit und Genussfähigkeit für alle natürlichen Eindrücke und Wirkungen der Natur, der Kunst und Wissenschaft abgestumpft und verkümmert“, erklärte ein Dr. Hanauer in den zwanziger Jahren in einer medizinischen Fachzeitschrift. 60 Jahre später erkor Neil Postman („Wir amüsieren uns zu Tode“) das von Platon so verabscheute Buch zum allerhöchsten Kulturgut und machte das viel lebendiger kommunizierende Fernsehen zum Inbegriff des Niedergangs.

Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Natürlich haben neue Techniken oft unschöne Nebenwirkungen. Natürlich soll man die Gefahren einer neuen Technologie abschätzen und Risiken minimieren. Vernünftig ist eine gewisse Vorsicht gerade zu Beginn, wenn die Technik noch nicht ausgereift, die Sicherheitsmaßnahmen noch nicht optimiert, manche Gefahren womöglich noch gar nicht bekannt sind. Es gab zugegebenermaßen immer wieder Techniken, deren Schadenspotenzial unterschätzt wurde. So ging man etwa mit Röntgenstrahlen in der Medizin über Jahrzehnte sehr fahrlässig um, obwohl es schon sehr bald Hinweise auf Strahlenverbrennungen und Krebs gegeben hatte.

Die bloße Möglichkeit einer Gefährdung darf aber noch kein Grund sein für ein Verbot. Schließlich gibt es keine einzige Technik ohne negative Auswirkungen. „Was kann ich dafür, dass ein anderer böse Bücher kauft und dadurch verführet wird, oder Bücher zu seinem und ander Leut Schaden missbraucht?“, erwiderte 1569 ein Buchhändler den Buchgegnern, und er hatte Recht. Oder sollte man wegen ein paar Hetzschriften den Buchdruck untersagen? Das Internet wegen der Kinderpornografie dichtmachen? Das Feuer wegen der Gefahr von Bränden verbieten? Die Auswüchse muss man bekämpfen, nicht die Technik.

Oftmals stecken hinter dem Widerstand gegen Neuerungen auch wirtschaftliche Interessen. In der Schweiz verhinderten die Zeitungsverleger lange Zeit Informationssendungen im Radio. Im Kanton Graubünden lobbyierten insbesondere Kutscher, Schmiede, Postbeamte und Eisenbahner erfolgreich für ein Autofahrverbot, das immerhin von 1900 bis 1925 währte. Hinter der Zerstörung von Kartoffelfeldern im 18. Jahrhundert steckten nicht selten Großbauern, die um ihren Weizenabsatz fürchteten. Selbst die Warnungen der neuzeitlichen Kirchenoberen vor dem Buchdruck beruhten letztlich auf Verlustängsten, die nicht ganz unberechtigt waren: Wegen der „Vermennigfeltigung“ der Bibel verlor die katholische Kirche ihr Informationsmonopol in Religionsfragen und in der Folge, durch die Reformation, die Hälfte ihrer Schäfchen.

Mitunter jedoch sind die Widerstände nur noch abstrus. Das Radfahren, heute höchster Ausdruck einer gesunden und geruhsamen Lebensführung, war anfänglich gegen Anfeindungen nicht gefeit – im Gegenteil. Von „Massenwahnsinn“, „Fahrradraserei“ und „Kilometer-Trotteln“ war die Rede, als die ersten Radfahrer Ende des 19. Jahrhunderts die Straßen eroberten. Nicht selten wurden „rasende“ Pedaleure angepöbelt oder attackiert. Kulturpessimisten behaupteten, die Freude am Radfahrsport bringe automatisch eine Vorliebe für das Rasche und Oberflächliche mit sich, was notwendigerweise zu Massenverdummung und Massenverrohung führe. Unvermeidlich traten Ärzte auf den Plan, die etwa vor Verunstaltungen, Kohlensäurevergiftungen und Lungenschwindsucht als Folge des „katzenbuckelartigen Krümmens der Wirbelsäule“ beim Radfahren warnten.

Eine besonders heftige Debatte in der Medizinerschaft lösten Rad fahrende Frauen aus. Stein des Anstoßes: nun ja, der Sattel. „Es kann keinem Zweifel unterliegen“, schrieb ein Arzt um die Jahrhundertwende, „dass, wenn die betreffenden Individuen es wollen, kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie sie beim Radfahren sich darbietet. Wenn man, was vorgekommen ist, ganz absieht von denjenigen Fällen, in denen der Sattel in ganz besonderer Absicht mit einem nach oben gekrümmten Vorderteil versehen wurde, so bietet auch sonst der Sitz, rittlings mit ausgespreizten Schenkeln, ausreichende Möglichkeit, solchem Hange nachzugehen.“ Die Polizei müsse sich der Sache annehmen.

Ein gewisser Dr. med. Martin Siegfried aus Berlin hielt dagegen, seine „ganz unbemerkt und unauffällig ausgeführten Beobachtungen“ hätten ergeben, dass „das Radfahren mit dem Auftreten sinnlicher Erregungen unvereinbar ist, dass es vielmehr das beste und wirksamste Gegenmittel gegen eine etwa dazu vorhandene Neigung darstellt“. Heiß diskutiert wurde in der Ärzteschaft auch die Frage, ob Velofahren ein wirksames Mittel gegen weibliche Sterilität sei oder ob es nicht gar umgekehrt zu Unfruchtbarkeit führen könne.

Nun haben neueste Forschungen ergeben, dass intensives Radfahren tatsächlich nicht selten zu Impotenz führt – aber fast ausschließlich bei Männern. In der frühen Literatur war das nie ein Thema gewesen. Die Vorstellung, dieser Sport könnte dem starken Geschlecht etwas anhaben, war den um das weibliche Wohl so besorgten Herren Ärzten offenbar zu abwegig.

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