Kultur : Wir leben noch

...und träumen weiter: „Bellaria“, das schönste Kino von Wien

Christina Tilmann

Ganz Österreich ist in der Hand von Hollywood. Nein, nicht ganz Österreich. Ein kleines Kino in Wien widersetzt sich dem internationalen Trend und serviert Träume aus der heimatlichen Fabrik. Das „Bellaria“ direkt hinter dem Volkstheater ist längst Legende, lebende Legende. Hier laufen die Heimatfilme der 30er bis 50er, jeden Tag um drei, und hierher kommen die Filmfans, die mit dieser Kost groß geworden sind. Die heute 70-Jährigen, die als Backfisch für Johannes Heesters oder Willy Birgel schwärmten. Sie kommen schon Stunden früher, zu Kaffee und Kuchen, und im dunklen Saal, wenn Marika Rökk „Ich liebe dich“ seufzt, rollt dann so manche stille Träne.

Das „Bellaria“ scheint ein Treffpunkt der Ewiggestrigen. Die, die das Fernsehen ablehnen, „weil es uns einkastelt“, und die modernen Filme, „zu wenig Gefühl“, die jungen Leute von heute sowieso. Da kann der Filmvorführer noch schwärmen von den Zeiten, als das Militär noch was war in Österreich, und ein latenter Antisemitismus liegt in der Luft. Aber es gibt auch diejenigen, die bei knapper Rente lieber eine Woche Dosennahrung essen, statt einmal eine Vorführung zu verpassen, oder die sich mit 80 noch einen 91-jährigen Lover suchen und ihn nach der Vorstellung küssen, mit aller Leidenschaft. „Bellaria“ ist ein schäbiger Schuppen – aber auch die Traumfabrik mit ihren Versprechen von Liebe und Glück.

Es ist nicht leicht, alt zu werden, das zeigt der Dokumentarfilm, den Douglas Wolfsperger über das Bellaria gedreht hat. Da hat sich viel Bitterkeit angesammelt, Ungerechtigkeit, und auch viel Sentimentalität. Die guten alten Zeiten waren keine guten, die heile Welt war niemals heil. Und die Hartnäckigkeit, mit der sich die Bellaria-Stammgäste an ihre verblassten Träume klammern, verrät mindestens soviel über Sehnsüchte wie darüber, was schief gelaufen ist in ihrem Leben. „Bellaria“ ist kein Nostalgietrip, sondern ein bei aller Skurrilität ziemlich bitterer Film. Und gleichzeitig ein Märchen von der Macht des Kinos – und davon, was passiert, wenn man sich ihr ergibt.

In den Kinos Blow Up, Filmbühne am Steinplatz und Hackesche Höfe

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