Kultur : Wir schaffen das

Xavier Naidoo startet in Berlin seine Deutschland-Tournee – und feiert das Gute einer Menschheit am Abgrund

Kai Müller

Die erste Überraschung: Es geht pünktlich los. Keine Vorband, kein Trara. Xavier Naidoo selbst schiebt den Eröffnungsabend seiner Deutschlandtour im Berliner Velodrom an. Und es wird sich zeigen, dass das, was eine Vorband hätte sein können, im Mittelteil seinen Auftritt bekommt. Doch entspricht es nicht dem Umarmungsgeist und Freundschaftsdienst eines Xavier Naidoo, die von ihm verehrten Musiker ins Vorprogramm zu drängen. Mit den meisten ist er durch zahllose Nebenprojekte verbandelt. Er will sie dabei haben, und so rappt, soult und klüngelt er sich mit zahlreichen Gästen und einer ohnehin schon elfköpfigen Band durch ein sattes dreistündiges Programm. Die zweite Überraschung ist, dass der Vorzeige-Popper der Nation dabei keine Sekunde langweilig ist – oder doch, vielleicht ein oder zwei Sekunden, ganz am Ende, da für alle durchschaubar das Ende naht, der große Abgang, der versöhnlichste aller Versöhnungsmomente.

„Bist Du am Leben interessiert“, lautet das Motto, unter dem Xavier Naidoo sein drittes Studioalbum auf die Bühne von 27 deutschen Städten wuchtet, was schlimmste Kirchentagsatmosphäre heraufbeschwört – Menschen mit hochgereckten Armen wie Grashalme im Wind suchen nach der spirituellen Erneuerung. Und tatsächlich werden die 9000 Leute im (zweimal hintereinander) ausverkauften Radsportrund auch prompt als „verderbte Christenheit“ angesprochen. Aber nur zum Spaß. Naidoo geht es um etwas anderes, und das Publikum liebt an ihm auch nicht den bekennenden Gläubigen, sondern dass er sich überhaupt bekennt – und ein Gemeinschaftsgefühl stiftet, das nichts Anbiedernd-Erzwungenes hat.

Der 34-jährige Sänger schlappt in khakifarbener Jacke, Blue Jeans und Turnschuhen über die ausladende Bühne, wippt und hüpft im Takt seiner fulminanten Band. Für ein Duett mit der Sängerin Bintia setzt er sich ans äußere Ende des Laufstegs, umringt von seinen überwiegend weiblichen, überwiegend überwältigten Fans, die aber heute auch ihre Freunde mitgebracht haben. Das ist okay. Naidoo glaubt nicht an die Einsamkeit. Einer seiner betörendsten Schmachtsongs „Ich kenne nichts (Das so schön ist wie du)“ wird denn auch zum emotionalen Höhepunkt, als er vorschlägt, dass all die Männer im Saal es zur Abwechslung mal den Frauen an ihrer Seite vorsingen.

Mitmach-Pop, das ist nicht gerade das, was gemeinhin jeden beglückt. Man kennt diesen Anflug peinlichen Berührtseins bei der als Bitte getarnten Aufforderung, seinem Nächsten die Hand zu geben. So schlimm ist es dann meist gar nicht. Auch wenn man nicht weiß, ob man womöglich die Erleichterung, es überstanden zu haben, mit Nächstenliebe verwechselt.

„Liebe ist ein sehr dehnbarer Begriff“, sagt Naidoo einmal, „man kann ihn trotzdem nur schlecht erklären.“ Das ist pure Warmherzigkeit. Soul. Die zunächst in schwarze Mönchskutten gekleideten Musiker wummern durch ein Herzschmerz- Repertoire voller Hip-Hop-, R’n’B-, Reggae- und Dancefloor-Einflüsse. Sie machen das exzellent, mit der professionellen Nonchalance einer Las-Vegas-Showband. Manche Naidoo-Songs könnten ja auch wirklich für ein Musical komponiert worden sein. Während im Bühnenhintergrund allmählich alle Vorhänge und Verkleidungen fallen und am Schluss den Blick auf das rohe Gestänge freigeben, arbeitet sich der Sänger durch das Leid von Fernbeziehungen, Selbstmorden, das Unglück, von der Frau, die man liebt, nicht beachtet zu werden, und den Vorzug, zur Abwechslung auch einmal selbst zu gehen. Richtig weit weg und endgültig. Dazwischen immer wieder Appelle wie „Lass uns diese Lieder ausbringen / Das ganze Volk soll sie singen.“ Oder: „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen.“ Gott ist nicht fern. Aber er zeigt sich nicht.

Mit „Abgrund“ zieht eine düstere Stimmung auf. Naidoo als Mahner und Warner beschwört ein Land, das nicht weiter weiß. Im pumpenden Beat eines von Synthesizer-Wolken überwölbten Reggae pulsiert sein Unbehagen am Allgemeinpolitischen. Hier kommt der Rapper in Naidoo zum Vorschein, für den der Soulsänger zu brav ist. So lässt er sich denn auch von Straßenpoeten wie Danny Fresh unterstützen, die ihre zornigen Reime unters zunehmend ermüdete „Volk“ bringen. Das ist zwar versiert gemacht. Aber Naidoo, der selbst einmal als Background-Kraft von Sabrina Setlur begonnen hat, überstrapaziert ein wenig die Bereitschaft des Publikums, ihm in die raueren Gefilde seines Schaffens zu folgen. Auch die Einlagen von seinem Mannheimer Kabarettkumpel Chako Habekost sind schwer verdaulich. In breitestem Mannemerisch („Mei Sprach is Sprengstoff auf der Zung“) erklärt er beider badische Heimat zur Geburtsstätte des Rap und kalauert sich durch eine (gereimte) Predigerparodie. Protect your locals.

Merkwürdig, wie Naidoo nach gefühlten 500-Spielminuten in gegensätzliche Charaktere auseinander fällt. In den devoten Sänger, der sich wie ein deutscher Van Morrison ganz dem Fieber seiner „schwarzen“ Musik überlässt. Und in den Entertainer, dem seine konventionellen Songs nicht genügen. Deshalb auch strebt er zu Höherem – und reißt alle mit. Das ist die letzte Überraschung.

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