Kultur : Wir sind die Herzensguten

Andreas Dresens Milieustudie „Sommer vorm Balkon“ bringt Wärme in die Zeiten von Hartz IV

Jan Schulz-Ojala

Die Filme des Andreas Dresen strahlen eine große Wärme aus. Seien es die tragikomischen Zufallspaarungen in „Nachtgestalten“, sei es das hübsch derangierte Ehe- und Freundschaftsquartett in „Halbe Treppe“, sei es das Dreiecksdrama im Leben des Autohändlers Willenbrock: Immer zeichnet Dresen seine so alltagsnah wie möglich agierenden Figuren mit unbedingter Zugewandtheit; immer sind es im Kern bloß die Verhältnisse, die sie in rührend oder zwerchfellerschütternd missliche Lagen bringen; und immer erobern sie, so auf Augenhöhe konstruiert und gewissermaßen vorweg entschuldigt, die Herzen der Zuschauer im Sturm.

Doch das Verfahren hat auch seine Tücken. Schon in „Willenbrock“, nach einem Roman von Christoph Hein, war Dresens Tendenz erkennbar, es sich im ungemütlichen Milieu eines bedrängten Nachwendegewinnlers, den Axel Prahl unwiderstehlich herzhaft darstellte, allzu gemütlich zu machen. Auch dessen Raubauzigkeit war den über ihn gekommenen – kapitalistischen – Verhältnissen geschuldet, und der Fast-Zusammenbruch seines Lebensentwurfs erforderte absolutes Mitgefühl. In „Sommer vorm Balkon“ nun sind die grundguten Heldinnen, tapfer durch die widrigen Zeiten von Hartz IV stapfend, praktisch jeden dramatischen Eigenpotenzials entkleidet. Schon droht jene ereignistechnische Überwürzung, die wir aus den Spielfilmanstrengungen des Fernsehens zur Genüge kennen: der jederzeit zuschaltbare Begebenheitszufallsgenerator, die Flucht in allerlei kleine und größere äußerliche Katastrophen. Mit anderen Worten, sehr listig zwar und sehr leise: die Soap.

Katrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl) heißen die Nachbarinnen, die Dresen diesmal – nach einem Drehbuch des Defa-Altstars Wolfgang Kohlhaase – in den Mittelpunkt seiner fürsorglichen Aufmerksamkeit rückt. Katrin, geschiedene Dekorateurin und nun allein erziehende Mutter eines zwölfjährigen Sohns, ist mit Ende Dreißig arbeitslos und droht dem Alkohol zu verfallen: zu erfolglos die Bewerbungsgespräche, zu groß der Druck auch, den Sohn angemessen zu erziehen und ihm das Geld für die sehnlichst gewünschten neuen Turnschuhe zu verdienen, mit denen er seine Angebetete beeindrucken will. Die jüngere Nike, gelernte Schneiderin, kommt als patente Altenpflegerin über die Runden: immer mit einem netten Wort und ein bisschen Zeit jenseits der Stechuhr – und mit einer Lebenslust, die sich in beträchtlicher, wohl nicht nur dem Sommer geschuldeter Leichtbekleidetheit austobt. Doch ein Mann ist ebenso wenig in Sicht wie bei Katrin, und so treffen sich die Beiden an lauen Sommerabenden auf Nikes hohem Altberliner Balkon. Katrin verlässt ihre dunkle Parterre-Muffelstube, Nike tritt aus ihrer adretten Wohnhölle ins Freie, und schon ist dort droben das lustigste Wohlsein bei Wodka und Wein.

So könnte das ewig gehen, und so geht das auch eine lange – und zugleich durchaus kurzweilige – Weile. Liebevoll pinselt Dresen seine neuzeitliche Milljöhstudie aus: Da wurschteln zwei am unteren Rand der Gesellschaft, an dem sich immer mehr Menschen wiederfinden, alles ist schlimm, aber alles ist gut. „So ist das Leben.“ - „Aber wirklich!“ behaupten Katrin und Nike in aufgelöster Rede und Gegenrede, als wollten sie sich ihrer Tatsächlichkeit vergewissern, und der gesamte Film des sonst so vorsichtig mit dem Realismusbegriff umgehenden Regisseurs wirkt geradezu stolz auf dieses selbstausgestellte Gütesiegel. Abgesehen davon, dass auch Wirklichkeit bloß Illusion ist im Illusionsbetrieb Kino: Tut die Kamera gut daran, wie man gern so schön fahrlässig lobt, dem Leben bloß bei der Arbeit zuzusehen?

Es ist dann ein knorriger Proll, eine widerständige, zeitweise widerliche Figur, die die prästabilierte Harmonie der Freundinnen durcheinander bringt – und den Film vorm betriebsamen Stillstand rettet. Der Lastwagenfahrer Ronald (Andreas Schmidt), ein Schlaks von Macho mit einem Schlamm von Vorgeschichte, pflanzt sich in Nikes Leben, und sie lässt ihn eine Zeitlang gewähren. Der durch tumbes Dauerverschulden einsam gewordene Kerl löst die zweierlei Fraueneinsamkeiten turbulent und mit minimalistischen Mitteln auf. Und ist doch nicht zu halten, weil er – allem regelhaften Phlegma zum Trotz – sich selbst nicht hält. Ronald schlägt in „Sommer vorm Balkon“ auf wie ein seltsamer Meteorit, ein menschgewordener Riss, der anderswo Risse sichtbar macht: unversehens eine unvergessliche Filmfigur.

„Sommer vorm Balkon“, der allen, aber auch wirklich allen gefallen will, wird vielen gefallen. Seine Schauspieler tun souverän ihr Äußerstes an Normalität; seine Dialoge zielen, wenn sie von Kohlhaase kommen, meist elegant auf die erkenntnisdienstliche Pointe – und wenn wiederum Dresen improvisieren lässt, albern sie vergnüglich herum. Mal vagabundiert die Kamera, als wollte Dresen sie nicht auf halber Treppe stehen lassen, mal erstarren seine zeitgemäßen Genre-Bilder in schönsten Tableaus. So bringt „Sommer vorm Balkon“ ordentlich Wärme ins winterharte Gemüt. Ein feel better movie: Am besten, man geht bei ihm vorbei wie in die Stammkneipe oder zu guten Freunden. Der Abend ist nicht ganz perfekt? Stört nicht weiter.

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