Kultur : "Wir sind doch nicht nur zum Abnicken da" (Interview)

Sie sind ein streitbares Mitglied des Kunstbeirate

Morgen wird im Bundestag über Kunst debattiert: Vielleicht wird das umstrittene Werk "Der Bevölkerung" abgelehnt. Der Vizepräsidentin wäre das nur recht

Antje Vollmer, eine der bekanntesten Grünen-Politkerinnen und seit 1994 Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, hat als Mitglied des Kunstbeirates stets auch außerhalb der Sitzungen zu Fragen der Kunst im Reichstag Stellung bezogen. Was zu ungewöhnlichen Koaltionen führen: So ist sie gemeinsam mit dem kulturpolitischen Sprecher der CDU, der den Antrag zur morgigen Bundestagsdebatte über Hans Haackes Kunstwerk im Reichstags gestellt hat, gegen dessen Realisierung.

Sie sind ein streitbares Mitglied des Kunstbeirates: Gerhard Richters "Fahne" in Schwarz-Rot-Gold nannten Sie "Scharlatanerie", Hans Haackes Werk "Biokitsch". Soll Kunst nicht gerade provozieren?

Ja, aber man muss prüfen, ob es eine Provokation im Gestus der siebziger Jahre ist, wie bei Haacke, der sich in der volkspädagogischen Formensprache jener Zeit ausdrückt. Er wollte vor allen Dingen eine Debatte über den Begriff Volk und Bevölkerung in Gang setzen, um damit finstere völkische Reaktionen hervorzulocken. Diese Debatte hat er bekommen, wenn auch nicht so, wie er erwartet hat. Da sind wird ihm nichts schuldig geblieben. Was Gerhard Richter betrifft, so war das damals eine spontane interne Äußerung, die ich in dieser Schärfe bedauere, weil ich sein Werk außerordentlich schätze. Aber ich denke, dass auch mit ihm zu wenig über die Frage diskutiert wurde, was sein Werk für diesen besonderen Ort bedeutet. Aber das ist eher eine Frage an den Kunstbeirat.

Warum halten Sie es für wichtig, dass nicht nur Experten, sondern auch Politiker über die Kunst im Bundestag diskutieren?

Die Politik hat Gegenwartskunst bisher noch nie in einem solchen Umfang - immerhin mit rund 40 Millionen Mark - unterstützt, wie dies im Zusammenhang mit dem Bau des Parlaments und den verschiedenen Ministerien geschehen ist. Dahinter steckt eine ungeheure Bereitschaft der Parlamentarier, mit Künstlern in einen Dialog zu treten. Thema hätte sein müssen: Stand der Demokratie, Lage der Nation, Parlamentarismus aus der kritischen Sicht von Künstlern. Mich hat enttäuscht, dass wir am Ende nur das bekommen haben, was es in jedem modernen Museum gibt: dieselben Namen und Werke, die sich häufig gar nicht auf diesen Ort einlassen. Letzteres kann man von Haacke allerdings nicht sagen, das hat er immerhin den anderen voraus.

Haben also die Experten versagt, die dem Kunstbeirat ihre Empfehlungen vorlegen mussten?

Sie haben ohne Risiko das ausgewählt, was sie für ihr eigenes Museum auch gekauft hätten und was heute im Kunstmarkt ganz oben steht. Das wurde sicher dadurch unterstützt, dass es keinen Wettbewerb gab, sondern prominente Künstler eingeladen wurden, von denen man glaubte, sie würden sich einem solchen Wettbewerb nicht stellen. Die französische Nationalversammlung hatte ein ähnliches Projekt wie der deutsche Bundestag geplant - die Gestaltung eines Platzes vor dem Parlament. Dort wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich auch Haacke beteiligte. Damals hat er vorgeschlagen, dass die Abgeordneten einen Stein statt eines Zentners Erde aus ihrem Wahlkreis bringen sollten - also eine Variation des Berliner Beitrags, die allerdings nur auf den vierten Platz kam. In Frankreich war es das unwidersprochene Recht des Parlaments, abzulehnen oder zuzustimmen. In Deutschland gibt es eine besondere Ferne zwischen Kunst und Politik, was durch unsere fatale Geschichte und den nationalsozialistischen Missbrauch von Kultur durch die Politik bedingt ist. Das steckt uns noch immer in den Knochen, wäre aber durch eine offene Auseinandersetzung zu überwinden gewesen. Die Haacke-Debatte darf deshalb nicht unter Zensur gestellt werden. Es wäre falsch, wenn die Politik ein einmal von Experten gefasstes Urteil nur abnicken könnte. Dahinter steckt ein vordemokratisches Verständnis.

Welche Funktion hat dann der Kunstbeirat, wenn seine Entscheidung wieder in Frage gestellt wird?

Man darf den Kunstbeirat nicht auf ein Podest stellen, so dass über seine Entscheidung nicht mehr diskutiert werden darf. Insgesamt hat das Gremium über rund hundert Kunstwerke entschieden, von denen nun über eines eine Debatte geführt wird. Das ist kein unerlaubter Akt eines Parlamentes. In diesem Fall ist es sogar besonders verständlich, denn Haackes Werk ist grundsätzlich daran gebunden, dass es die Abgeordneten umsetzen. Bei ihm handelt es sich um keinen Gegenstand, der ausgestellt wird, sondern ein Prozess-Kunstwerk. Der erste Teil des Prozesses bestand in einer Debatte, die es nun gibt. Der zweite Teil besteht in der Realisierung durch die Parlamentarier. Hier sollte Haacke sein eigenes Kunstwerk Ernst nehmen. Denn er kann doch nicht die Beteiligung der Abgeordneten als essentiellen Teil einplanen und bei Verweigerung das Gartenbauamt die Erde herankarren lassen. Das hieße, dass er sein Kunstwerk nicht richtig durchgeplant hat.

Ist es nicht ein Widerspruch, wenn über Kunst demokratisch abgestimmt werden soll?

Es wird nicht über Kunst, sondern über die Selbstbeteiligung abgestimmt. Das ist der Vorteil dieser Debatte: Am Ende werden wir sehen, ob sich genügend Teilnehmer finden, das Kunstwerk zu realisieren. Und wir werden klären, ob es tatsächlich ein Verstoß gegen die Freiheit der Kunst ist, wenn über sie gerade an diesem Ort, im Parlament, diskutiert wird. Ich kann darin keine Zensur sehen. Ich weiß, zur Provokationskunst von Haacke gehört es, am Ende den Auftraggeber als Kunstzensor hinzustellen, aber auch dabei müssten wir kooperieren. In der Demokratie gibt es keinen höheren Souverän als die Bevölkerung und die von ihr gewählten Abgeordneten. Denen kann man in einer sie selbst betreffenden Fragen nicht einfach den Mund verbieten.

Viele befürchten, dass die morgige Debatte für den Bundestag peinlich werden könnte.

Wenn schon der Ausdruck Peinlichkeit fällt, dann möchte ich an ein "Vorbild" für die Erde herankarrenden Delegierten erinnern: Als Sissi Königin von Ungarn wurde, brachten Bewohner aus allen Teilen der Nation ihre Landeserde, um der neuen Königin zu huldigen. Die Abgeordneten sollten frei entscheiden können, ob sie sich an einer solchen eher komischen Szene wie diesem Erdritual beteiligen wollen oder nicht.

Warum darf Kunst im politischen Umfeld dennoch nicht nur Dekoration sein?

Weil in dieser so unübersichtlichen Situation, in der wir uns alle befinden, Künstler Experten für die Zukunft sein könnten. Sie tragen mit ihren Werken zu mehr Offenheit bei und animieren zum Nachdenken beispielsweise über die Bedeutung von Demokratie im Zeitalter der Globalisierung. Durch ihren größeren Abstand zur Politik entwickeln Künstler neue Fragestellungen. Das ist auch mein größter Einwand gegen das Werk von Haacke: Er will dokumentieren, dass Politiker noch immer so dumm, borniert, rückwärts gewandt und volkstümelnd sind, wie er sie immer gern gesehen hat.

Erwarten Sie morgen eine ähnliche Debatte wie bei der Reichstags-Verhüllung?

Die beiden Debatten sind nicht vergleichbar. Die jetzige wird künstlich hoch stilisiert, während das Werk von Christo & Jeanne-Claude ein unglaublich kreatives Ereignis darstellte. Im Rückblick hat die Verhüllung eine Bedeutung des Reichstages vorweg genommen, die wir Politiker noch heute jeden Tag spüren, wenn wir dieses wandernde Demokratievolk von 6 Uhr morgens bis 24 Uhr nachts in der Reichstagskuppel sehen. Ich glaube nicht, dass Haackes Vorschlag, wenn er realisiert wird, eine ähnlich charismatische Wirkung entfalten kann. Dafür ist er zu albern. Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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