Kultur : Wir Täterkinder

Deutsche Spiegelbilder: „Das Goebbels-Experiment“ und zwei weitere Dokumentarfilme nehmen die NS-Zeit unter die Lupe

Christiane Peitz

Es muss alles auf den Tisch, vollständig, ungeschminkt, schonungslos. Das ganze Material, möglichst in Nahaufnahme. Die Frage ist nur, was sich daran erkennen lässt: die Wirklichkeit oder das Wesen der Erinnerung?

„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Das Nietzsche-Zitat steht am Ende von Marcel Schwierins Filmessay „Ewige Schönheit“, der die Bilderproduktion des Nationalsozialismus unter die Lupe nimmt. Ornament der Masse, Todeskult, Judenhetze, Lichtdome, die Ästhetisierung des Krieges: eine akribische Analyse der Selbstinszenierungen. Lutz Hachmeisters und Michael Klofts „Goebbels-Experiment“, das ebenfalls diese Woche ins Kino kommt, zoomt auf einen der wichtigsten Regisseure dieser Selbstbildnisse, den Propagandaminister Joseph Goebbels. „Das Goebbels-Experiment“ ist ein Amalgam aus Tagebuch-Notizen, Originaldokumenten, Wochenschauen, Homevideos. Kein Kommentar: Innenansichten eines Täters.

Sprung in die Gegenwart: Auch Malte Ludin riskiert in „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ das Selbstgespräch, die Binnenperspektive. Sein Vater Hanns Elard Ludin, Hitlers Gesandter in der Slowakei, wurde 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet. Der Sohn, dessen Geschwister, auch die Nichten und Neffen haben es bis heute schwer, dieses Erbe anzunehmen. Ludin konfrontiert sich und die Seinen mit den eigenen Ausredensarten: Selbstbefragung einer deutschen Familie.

Eine Psychoanalyse, ein Psychogramm, ein Psychodrama. Drei Dokumentarfilme, die kurz vor dem 60. Jahrestag des Kriegsendes ins Kino kommen, einem Zeitpunkt, zu dem die Erinnerungsliteratur ebenso boomt wie die History-Welle mit ihrer serienmäßigen Verfertigung von Zeitzeugen-Gesprächen, Familienbiografien und Kriegserlebnisliteratur. Die Nation, so möchte man meinen, liegt auf der Couch, fördert Verschüttetes zutage wie nie zuvor. Was auch daran liegt, dass die dritte Generation und die in die Jahre gekommene zweite weniger Hemmungen vor solchen Nachforschungen hat. Der mittlerweile 62-jährige Ludin wagte sich erst nach dem Tod der Mutter 1997 an das Filmprojekt: Die Mutter hatte das Andenken des Vaters immer in Ehren gehalten.

Alle drei Filme interessieren sich für den Nationalsozialismus nicht als Vergangenheit, sondern als etwas Gegenwärtiges. Dabei macht es sich Marcel Schwierin in „Ewige Schönheit“ ein wenig einfach, wenn er nur die hinlänglich bekannte glänzende Fassade des Nationalsozialismus in Augenschein nimmt, die Selbststilisierung in den Symbolen und Logos der PR-Maschinerie. Eine Binsenweisheit: Die Märchenwelt jener Kino-Melodramen, Großplastiken, Monumentalarchitekturen und der von Riefenstahl perfektionierten Choreografie des Volkskörpers konnte der Realität des schmutzigen Krieges nicht standhalten. Weshalb eben nur die Bilder blieben, als Spuren einer gewaltigen und gewalttätigen Autosuggestion. Das „Dritte Reich“, eine Animation.

Erhellend ist allerdings das Moment des Wiederholungszwangs: die manischen Waschrituale in den für Körperhygiene werbenden Aufklärungsstreifen, die unentwegt kreisenden Diskus-Scheiben, Sportreifen, Maschinenräder – und Hüften der unermüdlich turnenden Mädchen. Nicht in der Fiktion, sondern im Dokumentarischen, in der Inszenierung der Wirklichkeit manifestiert sich die Energie jener Aufbruchsgeneration, die sofort in geregelte Kreisbahnen gelenkt wurde. Dass immer etwas in Bewegung ist und doch nicht vom Fleck kommt, ist symptomatisch für diese Jugendbewegung namens Nationalsozialismus.

Joseph Goebbels war 36, als er Minister wurde, der jüngste Europas. Während „Ewige Schönheit“ das Statuarische, Abstrakte, gleichsam Versteinerte der NS-Bilderproduktion betont, betreibt „Das Goebbels-Experiment“ Mimikry. Eine Anverwandlung: Der Zuschauer sitzt gleichsam im Kopf von Joseph Goebbels, hört ausschließlich dessen Worte, träumt die Nazi-Welt mit dessen Augen. Der Stakkato-Stil der von Udo Samel vorgetragenen Tagebuch-Passagen schlägt durch die rasant verzahnte, geschmeidige Bildmontage, durch elegante Zooms und den von Trommelschlägen durchsetzten sphärischen Soundtrack in einen hypnotischen Bildersog um. Das Flackern der ArchivAufnahmen verstärkt den Eindruck einer lebhaften Fata Morgana: Wieder ist da die Energie, die Ungeduld, der Bewegungsdrang einer ganzen Generation.

Die Spiegel-TV-Machart (der Sender hat koproduziert) entspricht dem fiebrigen Wesen des Protagonisten. „Erster Kuss auf der Gartenstraße. Stark sinnlich. Lene ist eigensinnig. Mit ihr viel Qual.“ Goebbels, das ungeliebte Kind aus dem rheinischen Städtchen Rheydt, wird der erste Medienpolitiker der Moderne. Eine smarte, kultivierte Figur, die sich an den eigenen Worten berauscht und bis zuletzt zwischen Ehrgeiz und Weltekel, Hellsichtigkeit und Größenwahn schwankt. Oft klagt er über Schlaflosigkeit und blank liegende Nerven. Ebenso zerrt „Das Goebbels-Experiment“ an den Nerven des Zuschauers. Nach 107 Minuten verlässt man den Kinosaal wie betäubt.

Mögliches Resultat dieses Selbstversuchs: Den kennen wir doch. Solche Typen gibt es auch heute, in der Politik, in den Medien. Hier und da blendet Hachmeister in die Gegenwart, zeigt Funkturm, Haus des Rundfunks, Babelsberg, die Goebbels-Villa am Bogensee. Aber das Experiment operiert mit einer unsauberen Gleichung. Denn die Bilder, die die Tagebuch-Sätze begleiten, hat ja nicht Goebbels angefertigt. Ob sie die Äußerungen nun illustrieren oder konterkarieren: Die Selbstbespiegelung des Propagandaministers ist alles andere als authentisch, die Autosuggestion eine Inszenierung dessen, wie sich Goebbels’ Worte interpretieren lassen: von der Wahrnehmung der kleinstädtischen Enge bis zum Eskapismus gegen Kriegsende, der sich immer mehr auf Land- und Strandausflüge kapriziert. Die Nähe: eine Illusion, die keinen Erkenntnisgewinn garantiert. Mit Abstand sieht man womöglich mehr.

Auch Malte Ludins Familienstudie ist ein unruhige Nahaufnahme. In „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ ist die Montage allerdings keineswegs elegant, die Handkamera bleibt notwendig unschlüssig. Denn sie weiß nicht recht, wie sie den Gang durchs Archiv aufnehmen oder die Erinnerung an die starke Mutter ins Bild setzen soll. Sie erstarrt förmlich beim quälenden Gespräch mit der jede Einsicht verweigernden Schwester Barbel. Und sie assistiert nervös beim Wühlen in der „Kummerkiste“, in der die Erinnerungsstücke an den Vater aufbewahrt sind. Ludins Ästhetik der Hilflosigkeit ist von erschütternder Aufrichtigkeit. Sie macht keinen Hehl aus der jahrzehntelangen Verdrängung und Familiengeschichtsklitterung, die sich daran festklammert, dass der Vater zwar die Deportationen nach Auschwitz organisierte, vom Massenmord an den Juden aber bestimmt nichts gewusst hat. Malte Ludin zeigt den Geschwistern die Dokumente, die das Gegenteil beweisen. Aber das ändert nichts an den Ausflüchten und Notlügen, an gestotterten, verdrucksten Sätzen. Psychologen nennen es kognitive Dissonaz Die Familie zerbricht beinahe daran.

Wir Täterkinder, eine Selbsttherapie: Dass Ludin in Bratislava vor der Kamera auch mit jüdischen Opferkindern spricht, die die Verbrechen des Vaters überlebten, ist ehrenwert. Das Anliegen seines Films schwächt es jedoch, denn diese Szenen liebäugeln mit Vergleichbarkeit und Vergebung. Als wolle der Filmemacher sagen: Wenn dieser alte jüdische Mann Verständnis für mich aufbringt, kann ich mich vielleicht doch mit dem Vater versöhnen, kann auch moralisch geläutert heimkehren.

Gerade durch diesen (nur zu verständlichen) Linderungsversuch der zutiefst persönlichen Not entfaltet das private Familiendrama um den geliebten Mörder-Vater zugleich die Paradoxien der ganzen Nation. 2 oder 3 Dinge, die wir von uns wissen: von einem Deutschland, das demnächst am Ort der Täter mit großen Staatsfeierlichkeiten das Holocaust-Mahnmal einweihen wird. Das zugleich nicht müde wird, von den Tätern fasziniert zu sein, von Hitlers Untergang, Goebbels und Speer, und das sich aufregt, wenn Historiker wie Götz Aly daran erinnern, wie Millionen von deren Verbrechen profitierten. All das begreife mal einer: Der Blick zurück auf die NS-Zeit wird immer auch fassungslos bleiben.

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