Kultur : Wir waren Deppen

Florian Koerner von Gustorf hat den Film „Gespenster“ produziert. Noch lieber spielt er Schlagzeug

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Herr Koerner von Gustorf, ich hatte erwartet, in Ihrem Büro ein Schlagzeug stehen zu sehen. Verspüren Sie nie das Bedürfnis, nebenbei mal ein paar Aggressionen abzubauen?

Das Schlagzeug würde hier keinen Sinn machen. Im Büro muss ich keine Aggressionen abbauen.

Popstar sind Sie mit Ihrer Band Mutter zwar nicht geworden, dafür einer der einflussreichsten deutschen Filmproduzenten.

Solche Titel haben keine Haltbarkeit. Wir haben ein Image...

... Ihre Filme werden gerne unter dem Etikett „Berliner Schule“ betrachtet...

... aber wir mussten nie an diesem Image arbeiten, es hat sich von selbst ergeben und durch das, was am wichtigsten ist in einer Produktionsfirma, nämlich die Filme. Als Produzent habe ich lediglich die Aufgabe, Geld und Kreativität zusammenzuführen.

Sie sagen das so versiert. Wussten Sie das beim ersten Film auch schon?

Es war schon sehr viel „Learning by doing“ dabei. Woher weiß man, dass man ein guter Rennfahrer ist? Manche erfahren das nie.

Sie machen der hiesigen Filmlandschaft mit Christian Petzolds „Die Innere Sicherheit und „Gespenster“ und Angela Schanelecs „Mein langsames Leben“ Mut. Dürfen Filme aus Deutschland nun sperrig, umständlich und unkommerziell sein?

Die Regisseurin Angela Schanelec hat einmal geschrieben, sie würde gerne die Normalität abbilden. Sie weigert sich, Geschichten zu erzählen, die „filmisch“, also behauptet sind.

Das klingt, als sei Ihr Spielraum nicht besonders groß?

Wir müssen uns immer einschränken. Es wäre furchtbar, ein Drehbuch umzusetzen ohne Reglementierung. Da unsere Zeit finanziell begrenzt ist, werden Regeln aufgestellt, die auch dem Stoff entsprechen. Denn die Zuschauerzahlen, die ein Kinofilm erreicht, müssen in Relation zu den Herstellungskosten stehen. Man kann nicht fünf Millionen Euro für einen Film ausgeben, den nur fünftausend Leute sehen. Wenn er aber 800 000 Euro kostet, was verglichen mit einem Hausbau oder Autokauf immer noch eine enorme Summe ist, relativiert es sich.

Hätten Sie gedacht, dass Sie mal mit so viel Geld jonglieren würden?

Nein, ist aber überhaupt nicht schlimm. Wir haben vom ZDF einmal eine Überweisung in Höhe von einer Million Mark bekommen. Das sah total komisch aus auf dem Kontoauszug, man konnte ihn zuerst gar nicht lesen. Eins Punkt Nullnullnull Punkt Nullnullnull Komma Nullnull. Zwei Tage später war fast alles weg.

Für „Die Innere Sicherheit“ haben sie den deutschen Filmpreis und wieder eine Million Mark bekommen. Niemand, der Sie in Jörg Buttgereits Splatter-Film „Schramm“ als Hauptdarsteller gesehen hat, würde Ihnen das zutrauen.

Ja, den höchst dotierten deutschen Kulturpreis! Das hat die Finanzierung von „Gespenster“, Christian Petzolds nächstem Film, enorm erleichtert. Da lagen dann 512 000 Euro „in place“, wie die Amerikaner sagen, ein Viertel der Finanzierung war mit einem Schlag schon da.

Die frühen Underground-Werke, an denen Sie mitwirkten, dürften nicht ein Zehntel dieser Summe gekostet haben. Ändert Geld das Bewusstsein?

Nur, wenn man auch sonst ein schwacher Charakter ist. Es könnte einem suggerieren, stark zu sein.

Filmproduzenten zeigen oft einen Hang zum Statussymbol, mindestens zur Zigarre.

Wer denn? Diese Zeiten sind vorbei. In Deutschland sind wir vollkommen subventionsabhängig. Niemand hat das Kapital, um einen Film alleine zu tragen. In Amerika, wo Produzenten zuweilen über eigene Studios verfügen, mag das Bild stimmen. Von Dino de Laurentiis wird kolportiert, er habe, als „Evil Dead 2“ gedreht werden sollte und man ihm den ersten Teil vorführte, nur wissen wollen: Wie viel kostet der Film? Als er hörte, eine Million, lautete sein Kommentar: „Okay, I make the movie.“ So jemand darf auch Zigarre rauchen.

Bedauern Sie diesen Mangel an Entscheidungsfreiheit?

Mir gefällt, dass Filme in Deutschland einer Mischung aus kulturellem und wirtschaftlichem Anspruch gehorchen. Das wirft natürlich eine Menge Probleme auf, weil man sich ständig fragt, ob Subventionen gerechtfertigt sind. Wir haben eben keine Filmindustrie, die so eigenständig operieren kann wie die Automobilwirtschaft.

Schlagzeug spielen hat viel mit der Selbstständigkeit der Gliedmaßen zu tun. Kommt diese Eigenschaft auch einem Filmproduzenten zu Gute?

Es kann nicht schaden, zwei Dinge gleichzeitig tun zu können. Aber mein Kompagnon Michael Weber spielt Cello und ist auch ein guter Produzent.

Sind Ihre Filme eine visuelle Umsetzung dessen, was ihre Band Mutter, in der Sie seit 1986 Drummer sind, musikalisch anstrebt?

Nein. Die anderen Bandmiglieder können mit unseren Filmen überhaupt nichts anfangen. Bassist Kerl Fieser und Max Müller waren bei der Premiere von „Plätze in Städten“. Nach 15 Minuten kamen beide wieder raus: „Oh, nee, du, das ist zu anstrengend, so dröge, wir gehen echt was essen.“ Weg waren Sie.

Das enttäuscht Sie?

Keineswegs.

Können Sie sich auch als erfolgreicher Kinomacher noch auf die Band einlassen?

Ohne Schwierigkeiten. Sänger Max Müller ist der Chef. Nicht, dass er mir ständig sagen würde, was ich zu tun habe, tut er trotzdem, aber hier erfüllt sich eine Kreativität, die ich als Produzent nicht erlebe. Unsere Konzerte sind einmalig, auch wenn wir dieselben Stücke spielen. Der Film dagegen ist für immer.

Obwohl Mutter der kommerzielle Durchbruch stets versagt geblieben ist, bleiben Sie der Gruppe treu?

Ich würde nie in einer anderen Band spielen wollen. Uns gibt es so lange, weil keiner der Band mehr abverlangt, als sie geben kann.

Labelmacher Alfred Hilsberg sagt in „Wir waren niemals hier“, einem Bandporträt von Antonia Ganz, Mutter-Platten seien wie große schwere Felsen, die er zu den Menschen tragen müsse, ohne sie zu erschlagen ...

Hilsberg jammert ständig, wie schwer sein Job ist. Max hat ihm einen Abschiedsbrief geschrieben. Darin stand, dass Hilsberg überhaupt keinen Respekt vor der künstlerischen Leistung hat. Wenn er ihn hätte, müsste er auch keine Felsbrocken durch die Gegend wuchten. Er sagte uns immer nur, was nicht geht. Einmal haben wir einen Videoclip gemacht aus Bildern, die auf der Geburtstagsfeier meiner Frau aufgenommen worden waren. Tolle Eindrücke von einem Fest, wo Freunde kommen, Kinder herumtoben. Dazu das Lied „Ich weiß ja, wer du bist“. Als Jochen Distelmeyer das gesehen hat, sagte er, genau so einen Clip habe Blumfeld immer drehen wollen, aber nie hingekriegt. Und was machen wir Deppen? Nachdem Hilsberg sagte, das könnten wir vergessen, MTV zeige so etwas nie, verwerfen wir es.

Wenn ein anderer Felsen schleppt, was tragen Sie als Produzent?

Papiertüten.

Das Gespräch führte Kai Müller.

„Gespenster“ kommt am 15. September ins Kino, „Wir waren niemals hier“ folgt am 19. Oktober. Mutter spielen am 20. Oktober im Kant-Kino.

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