"Wir wollten aufs Meer" : Die Trockenmatrosen von Rostock

Rostocker Träume: „Wir wollten aufs Meer“ erzählt von Freundschaft und Verrat in der DDR.

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Nur weg hier. Matze (Ronald Zehrfeld), Conny (Alexander Fehling) und Andy (August Diehl) wollen raus in die Welt – und landen in den Fängen der Stasi.
Nur weg hier. Matze (Ronald Zehrfeld), Conny (Alexander Fehling) und Andy (August Diehl) wollen raus in die Welt – und landen in...Foto: Wild Bunch

Eine leicht braunstichige Filmaufnahme aus Rostock: Runde, typisch mecklenburgische Giebel flankieren eine Einkaufsstraße, in der fröhliche Werktätige zu ihrem sozialistischen Tagwerk eilen. Als eine Gruppe von Matrosen auftaucht, erregen die schmucken Männer in Blau-Weiß Aufmerksamkeit. Ein heiterer Moment, als bliebe die Zeit stehen. Man könnte glauben, die Drehbuchautoren Ronny Schalk und Toke Constantin Hebbeln hätten sich für den dokumentarischen Einstieg zu „Wir wollten aufs Meer“ tief in die Geschichte versenkt, dabei liegen die Straßenszenen erst 30 Jahre zurück.

„Ich will Rostock so sehen, wie es damals aussah. Und wir wollten vorher einmal das Original-Rostock dieser Zeit zeigen“, sagt der 34-jährige Regisseur Hebbeln. Er stammt aus Itzehoe und gewann 2007 mit „Nimmermehr“ den Studenten-Oscar in Hollywood. Ronny Schalk kommt aus Wippra im ehemaligen Ostteil des Harzes. 1989 sei er gerade noch Thälmann-Pionier geworden, erzählt er. Beide haben an der Filmakademie Ludwigsburg studiert, wo der als Großproduzent deutscher Historienstoffe (zuletzt „Hindenburg“) nicht unumstrittene Nico Hofmann auf sie aufmerksam wurde. Schon früh stieg er – neben mehreren ARD-Anstalten – in das Projekt ein.

Schon mit den Eingangsszenen im Rostocker Überseehafen, die im historischen Hafen von Hamburg nachgestellt wurden, nimmt der Film mit Wucht für sich ein. Die Euphorie spiegelt sich in den Gesichtern der Neuankömmlinge Conny (Alexander Fehling) und Andreas (August Diehl). Sie wollen bei der Handelsmarine anheuern, um der Enge der DDR zu entkommen. Eine anarchische Lebensfreude brandet auf. Andreas wirkt überdreht, Conny ist ruhiger, zögerlicher. Tausende arbeiteten damals im Rostocker Hafen, für die DDR ein wirtschaftlich bedeutender, aber auch riskanter Ort mit extrem hoher Stasi-Dichte.

Der anfängliche Panoramablick aufs offene Meer leitet einen schmerzlich zähen Absturz ein, der sich in geschlossenen Räumen abspielt. Da beide Vollwaisen sind und keinen familiären „Anker“ vorweisen können, der sie an die DDR binden würde, will die Staatsmacht (majestätisch verkörpert von Rolf Hoppe) sie nur fahren lassen, wenn sie im Gegenzug als Spitzel anheuern. Also bleiben sie Hafenarbeiter und sollen ihren Brigadier Matze aushorchen, der angeblich Fluchtpläne hegt. Darüber kommt es zum Zwist: der erste Spaltkeil für ihre Freundschaft, an dem die Stasi mit Freude ansetzt. Bei einem offenen Streit wird Andreas schwer verletzt, während Conny beim Fluchtversuch mit seiner vietnamesischen Freundin Phuong Mai (Phuong Thao Vu) an der tschechischen Grenze verhaftet wird. Vorläufige Endstation für den Republikflüchtling ist die Justizvollzugsanstalt Cottbus. Dort trifft er Matze wieder; Ronald Zehrfeld verleiht ihm als sensibles, psychisch wankelmütiges Kraftpaket große Glaubwürdigkeit.

Während sich für die beiden „Guten“ die Tore zur Außenwelt eisern schließen, dient sich Andreas endgültig der Stasi an und protokolliert Abhörmanöver. Bei dieser einsamen Tätigkeit verfällt er immer mehr, was August Diehl mit der Brillanz eines Mephisto darstellt. Die Anspielung auf „Das Leben der Anderen“ (2006) sei durchaus gewollt, so Hebbeln: „Ich dachte, man kann vor Herrn von Donnersmarck mit Augenzwinkern auch einmal den Hut ziehen und sagen: Er hat einen außergewöhnlich guten Film gemacht.“

Alexander Fehling und Ronald Zehrfeld, beide in der DDR aufgewachsen, sorgten wie andere Mitglieder des ausgezeichneten Ensembles für die realistische Erdung der Dialoge. Für die brutalen Gefängnisszenen recherchierte das Team eigens in der Gedenkstätte Hohenschönhausen und führte Interviews mit ehemaligen Häftlingen. Trotz einiger Längen und gehöriger Melodramatik zeigt „Wir wollten aufs Meer“ eindrucksvoll, wie eine Freundschaft in einem totalitären Umfeld in Verrat umschlagen kann.

In 7 Berliner Kinos

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