Kultur : Wir Wunderkinder

JAN SCHULZ-OJALA

Karl Koch hat, bei Licht besehen, nur ein einziges Fenster zur Welt.Er drückt die Starttaste seines Computers, und schon flimmert es vor ihm auf - ein gigantisches Kommunikationsnetz, in das er eindringt, anonym.Er fühlt Macht, indem er Wissen speichert, und er sichert seine Existenz, indem er das Wissen weitergibt.Tag ist nicht, wenn die Sonne aufgeht, sondern wenn sein Computer Licht spendet, und Tag ist, so lange er davorsitzt - und das können nach äußerer Zeitrechnung schon mal eine Nacht und ein Tag und noch eine Nacht sein.Bald muß er, süchtig nach Information, sein säugetierbedingtes Schlafbedürfnis mit Suchtmitteln überlisten, und am Ende ist er, weil sogar die Freunde sich absetzen, zwar total vernetzt - aber auch total allein.

Karl Koch ist nicht ein beliebiger Internet-Surfer dieser Tage.1985, als er erstmals in die Virtualität hinüberwechselt, hat noch keine Institution der Welt ihre Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zum harmlosen Online-Schnüffeln freigegeben.Offen zugängliche Informationen interessieren Karl ohnehin nicht; er stellt sich sein Adreßbuch lieber selbst zusammen, auf dem Commodore-Computer.Er knackt Codes.Als er in jenem Jahr gegen das Atomkraftwerk Brokdorf demonstriert und dafür von seinem autoritären Vater praktisch verstoßen wird, ist Karl knapp 20 Jahre alt - und unmittelbar nach dem frühen Tod des Vaters sagt er den virtuellen Vater-Institutionen, der Macht amerikanischer Großrechner, den elektronischen Kampf an.David gegen Goliath: Natürlich geht die Geschichte - weil sie denn doch in der Wirklichkeit spielt - für den Kleineren nicht gut aus.Hans-Christian Schmid, ein Jahrgangsgenosse des Karl Koch, hat nach aufwendigen Recherchen das kurze, wirre, fiebernde Leben dieses Hackers der ersten Stunde kongenial fürs Kino nachgestellt: von den ersten Protesten des für die Gesellschaft verlorenen Sohnes bis zum Ende, als die verkohlte Leiche dieses durch die Mühlen des KGB und des BKA, der Medien, der Psychiatrie und des Verfassungssschutzes Getriebenen am 23.Mai 1989 bei Gifhorn gefunden wurde.

Eine Wahnsinnsbiographie, der nichts fehlt.Außer Liebe vielleicht - aber braucht jemand, der sich mit Lust in eine Informationsmaschine verwandelt, Liebe? Karl Koch sucht sie schon früh nicht mehr.Er ist hinübergeschlüpft in die Identität des "Hagbard Celine", Held des Romans "Illuminatus!" von Robert Anton Wilson.Als ein Erleuchteter fühlt er sich, aufgenommen in den Geheimbund der aus den Freimaurern hervorgegangenen Illuminaten, dem einst Goethe, Pestalozzi und Herder angehörten, und von dem Wilson behauptet, daß er noch heute existiert.Magische Zahlen der Illuminaten sind die "23" und deren Quersumme "5".Also sucht Karl zusammen mit seinem Freund David überall in der Alltagswelt nach Zeichen der ewigen Weltverschwörung - von dem 23.eines Monats, an dem "alle großen Anarchisten starben", bis zur Zigarettenmarke "Ernte 23", vom Pentagon-Fünfeck bis zur Pyramide auf dem Dollarschein.Ein Spiel, möchte man meinen.Viele werden es spielen, nachdem sie diesen Film gesehen haben.Karl aber spielt nicht.Angetrieben von einer sehr fixen Idee, die bald in Paranoia mündet, wird er zum Jäger, der anderen Paranoia einjagt.Doch nicht die denkbare Verfolgung durch andere, sondern die eigene Paranoia zerbricht ihn eines Tages: Im Kokainrausch glaubt er, durch das Eindringen in den Datenfluß von Atomkraftwerken selbst den Super-GAU von Tschernobyl ausgelöst zu haben.

Hans-Christian Schmid, der mit der wunderbar präzisen Pubertätsstudie "Nach fünf im Urwald" von drei Jahren seinen ersten großen Kino-Erfolg feierte, hat auch diesen wuchernden Stoff souverän in der Hand.Das Zeitkolorit - vom "La Belle"-Anschlag bis zur unaufgeklärten Ermordung Olof Palmes am 28.Februar 1986, um 23.23 Uhr (!) - mischt er unaufwendig unter; das biographische Stationendrama schreitet - von der Anwerbung Karls und Davids durch den KGB über Davids langsame Distanzierung bis zu Karls Drogenentzug und seinem vermutlichen Selbstmord - pointiert voran; schließlich sorgen die exakt inszenierten Orte dafür, daß man sich keinen Augenblick fremd fühlt auf dieser Reise in eine Zeit, die uns sonst schon jahrhundertfern erscheint: Spätestphase des Kalten Kriegs, und vom großen deutschen Ineinanderlaufen noch keine Spur.Vor allem aber sind es August Diehl in der Hauptrolle und Fabian Busch als sein Freund David, beide 22 Jahre alt, die diese Biographie eines Anonymen, dieses ungewöhnliche no-name-biopic, stets echt erscheinen lassen.Diehl gibt, in seiner ersten Kinorolle überhaupt, ein nervöses, ehrgeiziges, aber seinem großen Abenteuer bald nicht mehr gewachsenes Computerkid, Busch ist der, der noch einen Halt hat im anderen, im realen Leben.Seine leisen Entfernungsgesten gehören zu den stärksten Augenblicken dieses dichten Films.

Die Realitätsnähe seines Stoffs auch heute zeigt der Fall des Berliner Hackers Boris F., bekannter als "Tron".Das Informatik-Genie hatte die sich selbst aufladende Wundertelefonkarte erfunden und damit der Telekom einen Millionenschaden zugefügt; in seiner Diplomarbeit entwickelte "Tron" zudem ein abhörsicheres Telefon und machte sich damit bei den Geheimdiensten nicht eben Freunde.Und kurz bevor man ihn erhängt an einem Neuköllner Baum fand, verhandelte er mit einer Firma, die sich für seine Fähigkeit interessierte, Pay-TV-Codes zu knacken.In seiner Umgebung glaubt niemand an Selbstmord.War "Tron" vielleicht ein Illuminat? Er starb zwar nicht an einem 23., wie Karl Koch und "alle großen Anarchisten", sondern am 22.Oktober 1998.Aber zuvor war er fünf (!) Tage verschwunden.

Auf 17 Berliner Leinwänden

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