Kultur : Wirre Herzen

Tonight’s the Night: Was die Mittsommernacht künstlerisch so an den Tag bringt

Volker Hagedorn

Der große Tag rückt näher. „Die Sonne tauchte kaum die Scheibe ins Meer und kam dann wieder empor, rot, erneuert, als sei sie unten gewesen und habe getrunken.“ So sieht es Glahn, der einsame Jäger an Norwegens Küste. Bald wird nördlich des Polarkreises die Sonne das Wasser gar nicht mehr berühren. Dann ist Mittsommernacht, dann feiern die Skandinavier ein Fest, dann ist die Natur so mächtig, dass sie die Menschen überwältigt. „Pan“ hat Knut Hamsun seinen Roman genannt, nach dem halbtierischen gehörnten Mittagsgott. Pan kann die Herzen aufreißen zur Liebe, bis sie in Flammen stehen wie die Sonne selbst.

Und so geschieht es auch. Nicht nur in Hamsuns Buch 1894, das zum Evangelium der Neuromantik wurde, sondern auch schon 400 Jahre zuvor. Pan heißt dort Oberon und ist Elfenkönig. In der Mittsommernacht sorgt er dafür, dass Menschen wie Götter vollends durcheinanderkommen. Er verzaubert seine Gemahlin Titania, auf dass sie sich in einen Eselskopf verliebt – den ebenfalls verzauberten Handwerker Zettel. Zwar geht am Ende alles gut aus in Shakespeares „Midsummernight’s Dream“, doch das ist keineswegs die Regel in der Kunst rund um den längsten Tag.

Der Eselsköpfige verweist auf das Tier im Menschen – die Triebe hinter der Liebe, die in der sonnenhellen Ausnahmenacht hervorbrechen. Kein Wunder, dass der Termin in abergläubischen Traditionen verschärft der Eheanbahnung gilt, kein Wunder auch, dass schon der früheste Text zum Thema die Tugend beschwört: Da singen „die junge Töchter / auff anweisung ihrer Mütter / was für große schändliche Sünde die Männer begehen und uben“. So spricht im frühen 16. Jahrhundert der schwedische Priester Olaus Magnus.

Da war das ehedem heidnische Fest schon zum christlichen erklärt worden: So wie aus den Feiern zur Wintersonnenwende der Geburtstag Jesu wurde, so installierte man zur Sommersonnenwende Johannes den Täufer. Genau genommen drei Tage zu spät – schließlich erreicht die Sonne ihre größte „südliche Deklination“ schon am 21. Juni. Gefeiert aber wird die Nacht zum 24. Juni. Das mag an der Ungenauigkeit frühester Observatoren liegen oder an den Kalenderreformen des Mittelalters. In Schweden ist der Feiertag inzwischen beweglich. Er fällt dort immer auf einen Freitag.

Für manche ist es ein bitterer Tag. Ausweglose Leere erlebt der Junge in Stig Dagermans genial karger Erzählung „Die Kälte der Mittsommernacht ist hart“ von 1947. Auch Glahn leidet, der Verliebte. Allerdings nicht Hamsuns Leutnant, sondern sein Wiedergänger in Knut Faltbakkens Roman „Pan in Oslo“ von 1976. Wie sein Vorbild liebt er eine blutjunge Edvarda, deren Unberechenbarkeit ihn in den Wahnsinn treibt. Während das Johannisfeuer lodert, verliert er sie an ihren Nachhilfelehrer ... In Skandinavien gibt es geradezu eine literarische Tradition der erotisch-katastrophischen Mittsommernacht. Sie beginnt spätestens mit August Strindbergs Einakter „Fräulein Julie“ 1888 – und endet noch lange nicht mit Elsie Johannssons „Mittsommertanz“ von 1998, dem wunderbar offen, wahrhaftig erzählten Roman eines Dorfmädchens in den frühen vierziger Jahren.

Tödlich wird es in Kerstin Ekmans „Geschehnisse am Wasser“. Mit diesem Roman gelang Ekman 1993 der Durchbruch. Wer allerdings vorhat, in Schweden Campingurlaub zu machen, sollte ihn erst danach lesen: Das Liebespaar, das da an der Küste zeltet, überlebt die Nacht ebenso wenig wie die jungen Leute, die sich in Henning Mankells Spannungsschwarte „Mittsommermord“ (1997) zum Feiern treffen. Das Buch wird derzeit übrigens zum zweiten Mal verfilmt.

Überhaupt liegt dem Kino schon seit längerem am Thema. Neben Woody Allens „Midsummer Night’s Sex Comedy“ wurden auch zwei frühe schwedische Filme berühmt: 1951 enthüllte sich Ulla Jacobsson in „Sie tanzte nur einen Sommer“, erst zehn Jahre später übertroffen durch die Nacktbadenden in „Engel, gibt’s die?“. Jugendfrei, aber folgenreich waren kurz darauf die „Ferien auf Saltkrokan“ – der Film entstand vor dem Buch von Astrid Lindgren. „Die Nacht war keine Nacht“, notiert Malin in ihr Tagebuch, „sondern nur eine kleine Dämmerung, die den Versuch machte, Nacht zu werden.“

Zur gleichen Zeit verwandelte nördlich von Celle ein Autor seine Zettelsammlung in einen Klotz von Buch, das ebenfalls auf eine Mittsommernacht zurückgeht. So wird gleich anfangs Shakespeare zitiert: „Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatt’ nen Traum – s’geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war ...“ Es ist Zettel, der da spricht, entzaubert nach seinem eselsköpfigen Liebeslager mit Titania. Dann aber beginnt, „mittsommertäglich- dräumlinkisch“, erotischer wie sprachlicher Wirrnisse voll, „Zettels Traum“ von Arno Schmidt, mit 1334 DIN-A-3-Seiten die längste Komödie der Welt.

Ein bisschen Shakespeare schimmert auch durch Uwe Timms „Johannisnacht“. Während in Berlin 1996 der Reichstag verhüllt wird, sucht ein Alt- 68er das Abenteuer. Doch als ihm in einer Disco die Mittsommernacht auf die Pelle rückt, wird ihm mulmig. Er ist nämlich nicht sicher, ob die junge Frau nicht doch ein Mann ist – und geht erst mal eine Currywurst essen. Was vom Großstadtzauber bleibt, sind die grünen Strähnen, die ein puckhafter Hairstylist dem Helden verpasst.

Die Sonnenwende, sie hat immer ihre Tücken. In jedem Fall sollte aber das Mittsommernachtslied unserer Nachbarn helfen: „Du danske sommer, jeg elsker dig“ – du dänischer Sommer, ich liebe dich, obwohl du mich so oft enttäuscht hast ...

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