Wirtschaftskrise : Autographen: Ich schreibe, also bin ich

Briefe von Marlene, Menzel, Freud: Wolfgang Mecklenburg handelt in Berlin mit Autographen. Doch die Wirtschaftskrise macht sich auch hier bemerkbar.

Simone Reber
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Brief und Siegel. Wolfgang Mecklenburg arbeitet in der fünften Generation bei J. A. Stargardt in Charlottenburg. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Ich zweifle sehr, dass man je dieses wilde Geschöpf humanisieren kann“, beschwert sich der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew über einen ungehorsamen Jagdhund. In seinem Brief aus Baden-Baden kündigt der leidenschaftliche Jäger an, das Tier per Express-Zug zurückzuschicken. „Ich will und mag nicht zurechtgestutzt werden“, wettert Kurt Tucholsky in einem Brief gegen Kürzungen seines Textes. „Was die Provinz nicht versteht, das soll sie nicht lesen.“

Diese Einblicke in den Alltag der Vergangenheit können süchtig machen nach Autographen. Nachzulesen sind Turgenjews Klage und Tucholskys Zorn im Auktionskatalog der Firma Stargardt, die sich auf den Handel mit Autographen spezialisiert hat. Freude am Understatement begleitet das Sammeln mit diesen eigenhändig geschriebenen Dokumenten. Eine Lust an stiller Kennerschaft, Neugier auf persönliche Details. Die graphische Schönheit der Schrift und die haptische Qualität von Papier lassen sich bewundern.

Die Sammler dieser Blätter verzichten auf Protzerei. Autographen hängt man nicht an die Wand, man zeigt sie nicht im Showroom und auch bei keiner Party. In den Räumen der Firma Stargardt in der Xantener Straße 6 lagern sie in Archivkästen hinter den Türen eines Stahlschrankes. Jedes Papier säuberlich einsortiert in eine Mappe aus grauem Karton.

Auch die Autographenhandlung Stargardt pflegt jene Zurückhaltung, die mit dem Medium verbunden ist. Außen weist nur das schwarze Firmenschild auf die Autographenhandlung hin. Die Geschäftsräume im Erdgeschoss erinnern an ein Archiv. Wolfgang Mecklenburg, „Antiquar in fünfter Generation“, verkauft vor allem bei Auktionen. Eine Supernische nennt er das. Alle acht Monate bringt er im Opernpalais Dokumente aus verschiedenen Sparten unter den Hammer – Briefe von renommierten Wissenschaftlern, historischen Persönlichkeiten oder berühmten Schriftstellern. Der Handel mit Musikalien, in den Gründungsjahren ein wichtiger Teil des Geschäftes, ist inzwischen in den Hintergrund getreten.

1830 hatte der Königliche Musik-Direktor Johann Carl Klage das Bürgerrecht beantragt, um in Berlin eine Buch- und Musikalienhandlung betreiben zu können. Joseph A. Stargardt, der Namensgeber der heutigen Firma, übernahm das Geschäft und richtete neben Antiquariat und Verlag den Handel mit Autographen ein. Seine Buchhandlung befand sich in der Jägerstraße 53 am Gendarmenmarkt, im ehemaligen Haus Varnhagen van Enses. Bettina von Arnim ließ hier die Werke ihres Mannes vertreiben. Alexander von Humboldt und Kronprinz Friedrich Wilhelm gehörten zu den Kunden. Nach Stargardts Tod kaufte Eugen Mecklenburg die Firma, der Urgroßvater des heutigen Inhabers. Als im Zweiten Weltkrieg eine Bombe Bestand und Handapparat zerstörte, zog die Familie nach Marbach. Erst nach der Wende brachte Wolfgang Mecklenburg das Unternehmen nach Berlin zurück.

Im Berliner Zimmer der Geschäftsräume hat der 45-jährige Antiquar eine kleine Bibliothek eingerichtet mit Biographien, gesammelten Briefen und Werkausgaben. „Die Autographen kommen zu uns“, beschreibt er sein Geschäft. Sammler bieten ihm Schriftstücke zum Kauf oder zur Versteigerung an. Das meiste geht in die Auktion, um Lager- und Ankaufskosten zu sparen.

Das Schaufenster einer Autographenhandlung sind die Kataloge. Schön gemachte Bücher, in denen sich schmökern lässt. Hierfür prüft Mecklenburg den biographischen Kontext eines Dokumentes, recherchiert die Provenienz und vergleicht die Handschrift. Fälschungen kommen selten vor. Tückisch sind Namensgleichheiten. So hießen zwei Komponisten Franz Schubert; nur einer ist berühmt. Die meisten bedeutenden Handschriften hat Wolfgang Mecklenburg im Kopf gespeichert. Zum Abgleich stehen in seinem Büro Ordner mit Faksimiles. Hier kann man in Handschriften schwelgen. Die gut durchgearbeitete Schrift von Sigmund Freud, die heftig ausschlagenden Ober- und Unterbögen von Adolph Menzel, die temperamentvoll verspielten Buchstaben von Friedrich Schiller. Napoleon unterzeichnete in frühen Jahren mit einem bulligen Bonaparte.

Die Faksimiles dienen als Nachschlagewerk. Die Autographen selbst atmen die Nähe zur leibhaftigen Person. Friedrich der Große etwa verzichtet in einem Brief an Ludwig XV. souverän auf jeden Pomp. Kein Briefkopf, kein Siegel, nur ein paar höfliche Zeilen – preußische Sparsamkeit.

Etwa ein Dutzend große Autographensammlungen gibt es noch in Europa, schätzt Wolfgang Mecklenburg. Die Hälfte seiner Kunden sind Privatpersonen, die andere Hälfte Händler und Institutionen. Bei bedeutenden Angeboten verständigt er die Handschriftenabteilungen der Bibliotheken vorab, damit sie Geld in ihrem Haushalt einplanen können. Doch inzwischen ist der Ankaufsetat der öffentlichen Institutionen eingefroren.

Noch stärker macht sich die Krise auf Verkäuferseite bemerkbar. Privatsammler trennen sich derzeit ungern von ihren Beständen, weil sie schlechte Preise fürchten. Außerdem ist ihr Geld in den Autographen gut angelegt. „Still und stetig positiv“, so beschreibt Wolfgang Mecklenburg die Wertentwicklung auf dem Markt. Kleinere Blätter kosten unter 1000 Euro. Die Schriftstücke werden jedoch immer seltener und deshalb teurer. Den höchsten Zuschlagspreis erzielte er bei einer Auktion für den vollständigen zweiten Satz von Mahlers „Auferstehungssymphonie“. Die Noten wurden für 240 000 Euro versteigert. Eine Visitenkarte von Alma Mahler-Werfel mit der handschriftlichen Versicherung der Komponistenwitwe belegte die Echtheit.

„Am Original kommt keiner vorbei“, erklärt Wolfgang Mecklenburg das Interesse für Autographen. Sie gewähren direkten Zugang zur Persönlichkeit des Schreibers. Sie besitzen den Wert der Wahrhaftigkeit. Mit ihnen hält man die Vergangenheit in Händen. Besonders irritierend: Sie verschieben den Blick auf die Gegenwart. USB-Sticks, E-Mail-Ordner und Speicherkarten werden die Autographen der Zukunft sein. Zeugen einer Zeit ohne Original.

J. A. Stargardt, Xantener Straße 6. Am 26. und 27. November findet in Kooperation mit Moirandat Company eine Sonderauktion in Basel statt.

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