Wirtschaftswunder : Wiedereröffnung des UdK-Konzertsaals

Runderneuerung für ein Prachtstück des Wirtschaftswunders: Der UdK-Konzertsaal wird wiedereröffnet.

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Farbstimmungen. 13 Bühnensegel verbessern die Akustik im Konzertsaal der Universität der Künste. Eingebaute LED-Ringe lassen ihre Farben wechseln. Foto: dpa
Farbstimmungen. 13 Bühnensegel verbessern die Akustik im Konzertsaal der Universität der Künste. Eingebaute LED-Ringe lassen ihre...Foto: dpa

Was gerade im Westen der Hauptstadt passiert, kann man ruhig ein kleines Wirtschaftswunder nennen: Innerhalb von nicht einmal sechs Wochen wurden hier vier architektonische Ikonen aus den goldenen Nachkriegsjahren in altem Glanz wiedereröffnet. Den Anfang machte am 3. Oktober das für 23 Millionen Euro renovierte Schillertheater, ein würdiges Asyl für Barenboims Staatsoper während der Grundsanierung des Stammhauses Unter den Linden. Ende des Monats präsentierte Kirsten Harms an der Deutschen Oper ihr neues Lichtkonzept für die originalgetreu rekonstruierten Foyers des legendären Bornemann-Baus.

Rechtzeitig zum Jazzfest war die technische Ertüchtigung der ehemaligen, ebenfalls von Bornemann errichteten Freien Volksbühne an der Schaperstraße abgeschlossen, das die Berliner Festspiele jetzt noch lieber bespielen. Und am Freitag ging der letzte fröhliche Festakt über die Bühne, im 1954 eingeweihten Konzertsaal der Universität der Künste, dessen denkmalgeschütztes Gebäude nun akustisch wie infrastrukturell modernsten Standards entspricht. Von wegen Westen-Nest! Die Gegend rund um den Ku’damm sticht wieder.

Die Renaissance des UdK-Saals hat auch noch eine städtebauliche Dimension: Mit drei Großprojekten wollte sich der schweigsame Ostpreuße Paul Baumgarten nach 1945 in der Mauerstadt verewigen: mit dem Konzertsaal an der Hardenbergstraße, dem Ausbau des Reichstags sowie der Erweiterung des Shell-Hauses am Landwehrkanal. Nach seinem Tod 1984 aber sprachen vor allem die Presslufthämmer das Urteil über Baumgartens Erbe. Sein nie wirklich genutztes Reichstagsinterieur wurde für Norman Fosters Neudeutung des jetzigen Bundestagssitzes geopfert, der Anbau am Shell-Haus abgerissen. Wenigstens der seit 1995 mit all seiner originalen und originellen Wirtschaftswunder-Ausstattung unter Denkmalschutz gestellte Konzertsaal konnte nun für einen zweiten Frühling fit gemacht werden, dank 4,3 Millionen aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung sowie kleineren Summen von der Lottostiftung wie aus dem Haushalt der Universität der Künste selber.

Lang vorbei die Zeiten, als Herbert von Karajan und seine Philharmoniker hier auftraten – genau bis 1963, als Hans Scharouns genialer Wurf am Kulturforum endlich fertig war. Doch noch in den achtziger Jahren wurde der 1300-Plätze-Saal gerne von Laienchören gebucht, die Education-Pioniere der Berliner Symphoniker veranstalteten hier ihre „Konzerte für die ganze Familie“. Nach der Wende aber geriet der Baumgarten-Bau aus dem Blickfeld der hauptstädtischen Klassikszene. Hinzu kam, dass die Akustik des Saales immer trockner wurde, weil das Dämmmaterial hinter den eleganten Holzpaneelen langsam versteinerte.

Dieses Manko ist nun behoben: Bei einem vierstündigen Konzertmarathon traten am Freitag der Staats- und Domchor, angehende Tonmeister, Studierende der Instrumentalklassen sowie Professoren der Hochschule den Beweis an, dass sich der Saal wieder hören lassen kann. Dafür nimmt man nach anfänglichem Zögern dann gerne auch die neuen, xylofonartigen Wandlamellen in Kauf, die den Schall oberhalb des Ranges reflektieren. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig sind die hinzugekommenen 13 Bühnensegel. Dank eingebauter LED-Ringe lassen sich zwar raffinierte Farbstimmungen zaubern, das Arbeitslicht für die Musiker aber wirkt ebenso kalt wie EU-richtlinientreu.

Doch ein festliches Ambiente hatte der Architekt für den Saal sowieso nie im Sinn. Hier soll man schließlich ganz Ohr sein. Fürs Auge gemacht ist dagegen das obere Foyer mit seinen zierlichen Sitzgruppen an der großen Fensterfront, den putzigen Bullaugen in der holzgetäfelten Wand bei der Bar, den schlanken Sichtbetonsäulen und elegant sich aufschwingenden Treppen, dem raumbreiten, farbenfrohen Wandgemälde. Wer hier flaniert, der spürt die positive Energie der fünfziger Jahre, den Aufbruchsgeist einer Künstlergeneration.

Mit der Wiedergeburt des UdK-Saals ist die kulturelle Westtangente nun wieder komplett. Neben den vier frisch renovierten Häusern gibt es im Viertel noch das Theater des Westens und die Bar jeder Vernunft, Renaissance-Theater, Tribüne, Vaganten und Ku’damm-Bühnen. Jetzt muss dieser Kompetenzcluster von Klein- bis Klangkunst nur noch dem Rest der Welt zurück ins Bewusstsein gerufen werden. Aber wenn sich in Mitte vier Entertainment-Anbieter zusammentun können, um nach Londoner Vorbild „das Berliner Theaterviertel Eastend“ auszurufen, dann sollte eine ähnliche Marketingaktion doch wohl auch im Ku’damm-Umfeld möglich sein.

Vielleicht lässt man sich hier von Paris inspirieren und erfindet die rive gauche von Spree-Athen: die andere Seite der Kulturmetropole.

Am 19. November findet im UdK-Saal das „Konzert für die Nationen“ des Hochschulorchesters statt. Am 22. November spielt Alexej Volodin im Rahmen der Géza-Anda-Klaviertage, und am 25. November gibt es Klaviermusik zu vier Händen.

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