Kultur : Wissen die Leute, was sie wollen? - Eine Berliner Tagung

Moritz Schuller

"Deutschland hat wahrscheinlich die höchste Quote an Privatvermögen in Europa. Irgendwie muss das Geld ja weg, und die schönste Art, dieses Privatvermögen zu vernichten, ist die Kunst." Viel Zustimmung fanden diese Worte auf der Tagung "Kultur und Markt - Neue Ansätze der privaten und staatlichen Kulturförderung" in der Akademie der Künste. Die Schweizer Botschaft hatte eingeladen, über die Erfahrungen beider Länder bei der Schaffung der sogenannten Bürgergesellschaft nachzudenken, in der zunehmend private Stiftungen und Mäzene Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen. Dass dies angesichts leerer Kassen ein neuer, aber auch notwendiger Weg der Kulturförderung sei, darüber herrschte in der Akademie der Künste Einigkeit.

Kultur und Markt seien durchaus vereinbar, so der Schweizer Marketingexperte Dieter Pfister. Deren Beziehung müsste jedoch in verstärktem Maße von Kriterien bestimmt sein, die im Einklang mit gesellschaftlich vereinbarten Werten stünden. Kulturförderung, aber auch die im Kulturbereich Tätigen kämen um eine inhaltliche Bewertung künstlerischer Arbeit nicht herum: "Was können kulturelle Ziele sein, und wie kann man die Wirkung messen?"

Die Frage nach der Relevanz kultureller Werte für eine weitgehend von den Kräften des Markts gesteuerten Gesellschaft, von Pfister so vehement ins Spiel gebracht, wurde im Laufe der Tagung jedoch zunehmend verengt. Kultur wurde, auch begrifflich, durch Kunst ersetzt, womit die alte, affektiv aber immer wieder brisante Frage ins Zentrum rückte, ob man Kunst nach kommerziellen Kriterien bewerten könne und dürfe.

Kunst sei durchaus evaluierbar, so das Fazit einer Studie, die Kerstin Schmidt von der Bertelsmann-Stiftung vorstellte. Schmidt berichtete, dass "professionell ausgebildete Tester" 21 deutsche Museen unter die Lupe genommen hätten. Freundlichkeit des Personals sei ebenso in der Endnote eingeflossen wie die Qualität der Cafeteria und die Größe der Beschriftungen. Das Resultat der Studie war wenig überraschend - Museum A erhielt die Note 2,8, Museum B nur eine 4,5 -, ganz im Gegensatz zur ihrer eigenen Schlußfolgerung: "Kulturelle Leistungen sind messbar." Ein Ergebnis der Studie, das ganz der begrifflichen Verwischung verhaftet war: Mag ein sauberes Museumsklo noch als kulturelle Leistung bezeichnet werden, die Qualität der ausgestellten Kunst lässt sich darüber kaum bestimmen.

Walter P. von Wartburg, prominenter Basler Anwalt und Präsident des dortigen Theaters, zeichnete ein komplexeres Bild der Subventionsrealität. Obwohl jeder Besucher die Stadt Basel fast 200 Schweizer Franken koste und das Theater nur zu 60 Prozent ausgelastet sei, halte er es für einen Fehler die laut Publikums-Umfragen gewünschten Schwänke aufs Programm zu setzen. "Ich glaube gar nicht", so Wartburg, "dass die Leute wissen, was sie wollen, Man muss ihnen erst zeigen, was sie wollen".

Der Konflikt zwischen wirtschaftlich erfolgreicher und anspruchsvoller, aber unpopulärer Kunst beherrschte auch die von Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn moderierte Podiumsdiskussion. Pfister forderte den Mut, nicht immer alle ansprechen zu wollen. Sammler Erich Marx wies darauf hin, dass gerade zeitgenössische Kunst Offenheit fordere. Von Wartburg plädierte dafür, sich verstärkt um private Zuschüsse zu kümmern. Erst kürzlich habe er die wohlhabenden Damen Basels um eine Spende für einen Theater-Neubau gebeten. Innerhalb von sechs Wochen seien 8 Millionen Franken zusammengekommen. Diesen Weg, schlug er vor, solle man ruhig auch in Berlin auszuprobieren.

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