Kultur : Wo die Worte enden

Susanna Nieder

Iris Murdoch war einer der brilliantesten Köpfe, die Großbritannien im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat. Sie schrieb 27 Romane voller seltsamer Gestalten, die dem Leser trotz ihrer Skurrilität so vertraut vorkommen, als habe er sie immer gekannt. Mitte der Neunziger erkrankte sie an Alzheimer, 1999 starb sie. Ein Jahr vor ihrem Tod veröffentlichte ihr Mann, John Bayley, ein Buch über sie, auf dem Richard Eyres Film "Iris" basiert. So tragisch Murdochs Geschichte ist - es ist nicht leicht, einen Film über eine Romanautorin zu machen, der die Worte verloren gehen. Eyre versucht, dem Dilemma zu entkommen, indem er die alte Iris der jungen gegenüberstellt und die Geschichte aus der Sicht des Ehemanns erzählt. Das alte Paar wird gespielt von Judi Dench und Jim Broadbent, das junge von Kate Winslet und Hugh Bonneville. Die Frauen sind großartig, die Männer wirken in ihrer wohlmeinenden Hilflosigkeit sehr überzogen (auch, wenn dieser Habitus dem wirklichen John Bayley womöglich entspricht).

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Am Anfang ihrer Liebe hat John das Gefühl, Iris niemals einholen zu können, und in diesem Film ist tatsächlich nicht nachzuvollziehen, was sie an ihm findet. Als sie ihm Jahrzehnte später wirklich entgleitet, kommt es ihm vor, als holten ihn die Befürchtungen nun ein. Mitunter wirkt das sehr anrührend - etwa, als die alte Frau, die für ihren Roman "The Sea, the Sea" den Booker Prize bekam, am Meer sitzt und unbeschriebene Blätter aus dem Notizbuch reißt. Doch die Abfolge schöner Bilder von damals und trauriger von heute ist schnell ausgereizt. Iris Murdochs scharfer Verstand wird auf Bonmots zurechtgestutzt, Violinen und Waldhörner mühen sich, die Tränendrüse zu aktivieren. Selbst, wenn das gelingt, fühlt man sich hinterher unangenehm manipuliert. Aber das Gute ist: Es bleiben Iris Murdochs Romane.

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