Kultur : Wo ein Wille ist, ist auch ein Wald

Liebe und andere Langweiler: Sebastian Hartmann sucht am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Tschechows „Platonow“

Katrin Ullmann

Das haben wir doch schon oft gehört: Ratlos sind wir, orientierungslos, fürchterlich durcheinander und sowieso am falschen Ort. Platonow scheint einer von uns zu sein. Vielleicht ist er sogar immer noch der „typische Vertreter der gegenwärtigen Ratlosigkeit.“ Tschechow selbst beschrieb ihn Ende des 19. Jahrhunderts so, den Helden aus seinem im Nachlass gefundenen Erstlingswerk – den Mann, der einst vielleicht ein Aufrührer war, nun gern ein zynischer Gesellschaftskritiker wäre und tatsächlich nur ein Dorfschullehrer ist. Dennoch (deshalb?) verfallen sie ihm alle. Vor allem die Damen. Reihenweise.

Leichtes Verführen und leere Versprechungen scheinen sein Hobby zu sein, seine Lieblingsbeschäftigung gegen die innerlich aufkeimende Langeweile. Und Opfer dafür findet er nirgends so sicher wie im Gutshaus der Anna Petrowna. Alle Monate wieder kriecht er also aus seinem stillen Schulhausexil hervor, stattet der Gutsherrin einen Besuch ab, um über ihre Gäste zu spotten und ihre verletzlichen Herzen herzufallen.

„All that you see on scene is but a dream within a dream“ – so weise warnt Sebastian Hartmann vor jeder seiner Inszenierungen. Leider ist es am Deutschen Schauspielhaus Hamburg diesmal ein sehr zäher, nicht enden wollender Traum geworden. Er stellt einen Platonow auf die Bühne, der weder Charme noch Verwirrung versprüht, geschweige denn – und sei es auch nur für einen kurzen Moment - der Gegenwart zuzwinkert.

Dabei hat Regisseur Hartmann eigentlich alles, was er braucht. Er hat Wolfram Koch in der Titelrolle, Christiane von Poelnitz als Anna Petrowna, Maja Schöne als Platonows gutgläubige Gattin Sascha und Cordelia Wege als seine Ex-Geliebte Sofia Jegorowna. Er hat noch viele weitere gute Schauspieler, die Besetzungsliste ist – wir sind ja bei Tschechow – lang.

Und für kurze Zeit scheint auch alles gut. Da treten alle Figuren zu melancholischer Musik nacheinander vor den roten Samt, sprechen durcheinander und ins Publikum, bis sich der Vorhang schließlich auftut und – ganz klassisch - einen Landhaussalon zeigt. Peter Schubert hat einen weiten, realistischen Raum mit hohen Fenstern entworfen, dessen Austritt zum Garten ein dunkelroter Theaterstoff verhüllt. Und schon sind wir weit weg von heute, im 19. Jahrhundert, irgendwo in Russland.

Die Personnage setzt sich in das historische Ambiente, redet, trinkt Wodka und raucht. Tauscht Platitüden und langweilt sich. Kein Wunder also, dass Platonow auf dumme Gedanken kommt. Vor allem als sich die Bühne zu drehen beginnt und ein Tannenwald sichtbar wird. Jener Wald, indem ab nun die Titelfigur ihr Unwesen treiben wird. Zwischen, hinter und unter den Bäumen verschwinden oder urinieren die Figuren, küssen sich und versprechen sich eine rosarote Zukunft. Für eine surreale, traumhafte Atmosphäre wird tief hängender Nebel oder fleißig rieselnder Schnee bemüht, unaufhaltsam unterstützt von einer wilden Melange aus Chopin, Vogelgezwitscher, Tschaikowsky, und bunter Pop-Musik.

Nacheinander hat Wolfram Kochs Platonow allen anwesenden Damen den Kopf verdreht. Ob der dauertraurigen Sofia, der wild fordernden Anna Petrowna oder der naiven Maria Grekowa (Mira Bartuschek). Und natürlich hat er sich unter den männlichen Mitspielern einige Feinde gemacht. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Denn der Wald dreht und dreht sich weiter, dem Lauf des Lebens gleich.

Für Platonow wird’s ernst: Die eine Herzensdame bietet ihm bereits eine rosige Erfrischungsreise, die andere eine weiche Zukunft in Form eines kuscheligen Hundewelpen, und seine treue Sascha ist längst fort. Wolfram Koch verzagt. Er verzagt sogar sehr, doch mag man ihm das nicht so recht glauben, wenn er ratlos durch den Wald irrt, sich mit Wodka überschüttet, sich mit einem Rivalen prügelt oder den Wahnsinnigen mimt, indem er wirre Selbstgespräche führt. Jede innere Regung Platonows inszeniert Hartmann mit ein- und derselben großen Verzweiflungsgeste und untermalt diese auch noch allzu gern mit einem Lieblingslied aus seiner hip sortierten Plattenkiste. Von Sigur Ròs bis Johnny Cash.

Verzweifelt sind sie irgendwann alle. Doch nur Samuel Weiss als Sergej Wojnizew glaubt man den hoffnungslosen, betrogenen Ehemann. Er heult wie ein Kind um seine Sofia, zerschlägt wild einen Stuhl und hält kurz darauf ganz still seine Tränen in den Augen fest. Er spielt all diese Nuancen innerhalb von Sekunden, wohl wissend, dass er seine große Liebe längst verloren hat.

Am Ende ist sowieso alles verloren. Die Hoffnung, die Liebe, das Leben und auch das Gut. Und ob nun Sofia Platonow erschießt oder ob er als unsterblicher Don Juan in die Inszenierungsgeschichte eingeht, das ist schließlich nicht mehr als eine nettes Schlussgeplänkel.

Nur an Porfirij Glagoljew (Peter-René Lüdicke) und seinen Sohn Kirill (Gernot Grünewald) denkt man noch gerne. Sie haben es richtig gemacht und sind bereits vor einer Theaterstunde aus Russland abgereist. Durch die Mitte des Parketts. Mit einem Ziel: Nach Paris! Nicht Moskau: nach Paris!

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