Kultur : Wo ein Wilson, ist ein Weg

ULRICH CLEWING

Er ist bildender Künstler, Architekt, Produzent - und einer der renommiertesten Theatermacher unserer Zeit.Am Montag abend war Robert Wilson zu Gast in der American Academy, um von seiner mehr als dreißigjährigen Bühnenerfahrung zu berichten.Als kenntnisreiche, mit Wilsons Werk bestens vertraute Stichwortgeber assistierten der New Yorker Theaterwissenschaftler Gautam Dasgutta, Professor am Skidmore College, und die Kritikerin Bonnie Marranca.Beide hatten es im übrigen nicht weit zum Veranstaltungsort: Sie sind derzeit Fellows der American Academy.

Ziemlich schnell stellte sich heraus, daß Wilson nicht nur stilprägender Autor und Regisseur ist, sondern auch ausgesprochen anregend über seine Arbeit sprechen kann.Eingeweihte werden an diesem Abend wenig Überraschendes erfahren haben, doch für jene, die lediglich Wilsons Inszenierungen kennen, fielen wundervoll aufschlußreiche Brosamen über das Entstehen eines kreativen Prozesses ab.

Wilson erzählte, wie er begann, auf der Bühne Text durch Bewegungen zu ersetzen und das Visuelle für sich zu entdeckte, um daraus eine neue, andere als die übliche Theatersprache zu entwickeln.Wie er, ein Wort Gertrude Steins, eine seiner großen Anregerinnen, aufgreifend, Theater als "geistige Landschaft" verstehen lernte, in der es Koordinatensysteme gibt, die sich aus Vertikalen (die für Wilson die Zeit symbolisieren) und Horizontalen (der Raum) zusammensetzen.Er gab Anekdoten zum Besten, erinnerte sich beispielsweise an einen Auftritt Marlene Dietrichs 1971 in Paris, der ihn wegen der spärlichen, aber wirkungsvollen Gestik der Dietrich besonders faszinierte.So langsam kam der gebürtige Texaner in Fahrt, ließ seine schauspielerischen Fähigkeiten aufblitzen, und entpuppte sich überdies als jemand, der - bei allem Ernst, den konzentrierte Theaterarbeit erfordert - auch sehr sympatisch lacht, nicht zuletzt über sich selbst.

Das zahlreich erschienene Publikum wurde sogar Zeuge einer kleinen Performance, als Wilson demonstrierte, daß er über erstaunlich gelenkige Sprechwerkzeuge verfügt.In jungen Jahren war der Theatermann par excellance von der Stotterei geplagt.Am Montag abend fing er an zu ächzen und zu schnaufen, daß man für einen Moment glauben mochte, die Lautakrobatin Meredith Monk sei plötzlich in ihn gefahren und hätte dem jugendlich wirkenden 57jährigen ihre Stimme geliehen.

Am Ende des von Dasgutta und Marranca unterstützten Vortrags zitierte Wilson noch einmal Gertrude Stein.Drei Dinge gebe es, so soll die Stein einmal gesagt haben, die ein Künstler brauche, erstens: Ermutigung.Zweitens: Ermutigung.Und zu guter Letzt: Ermutigung.Die Anwesenden dankten für den Hinweis - mit einem langen, warmen Applaus.

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