Kultur : Wo schwarze Brunnen sprudeln

Ein schöner Traum: Das polnische Zamosc an der Grenze zur Ukraine ist eine vergessene Idealstadt. Nun will ein deutsches Kunstprojekt sie neu beleben

Christina Tilmann

Für Andrzej Stasiuk, den polnischen Schriftsteller mit Herz für die entlegenen Randregionen, fängt die Welt hinter Dukla erst richtig an. Doch die Welt hinter Zamosc ist noch tausendmal schöner. Weit reicht der Blick übers sanft gewellte Hügelland, bis in die Ukraine, fast meint man am Horizont Lemberg zu erkennen, das nur hundert Kilometer entfernt ist. Vierzig Kilometer bis zur Grenze, verheißen Straßenschilder. Die Zahl der Holzhäuser nimmt zu, kleine, blühende Gärten, man rechelt das Heu auf den Feldern zusammen, Großmutter und Enkelin sind in die Erdbeeren. Ein Sehnsuchtsland. Hier ein Holzhaus kaufen, mit Garten, und einfach bleiben, das wär’s.

Die Zeitreise geht viel weiter zurück. Zurück ins 16. Jahrhundert, als hier das Herz Polens, wenn nicht Europas war, ein zentraler Ort inmitten großer Handelsstraßen. Ein reicher Fürst namens Jan Zamoyski erträumt sich hier ein kleines italienisches Reich und gewinnt mit Bernardo Morando einen venezianischen Baumeister, der ihm eine Idealstadt in die polnischen Sümpfe stellt, ein „Padua des Nordens“. Morando entwirft einen Marktplatz, groß wie ein Fußballfeld, arkadengesäumt, mit turmbewehrtem Rathaus samt Prunktreppe, dazu Kirchen in schönstem italienischen Manierismus, eine Stadt im Quadratgrundriss. Dazu kräftig befestigt, denn Pracht und Reichtum verlocken, und die Kosaken sind nicht weit. Armenier holt Fürst Zamoyski in die Stadt, deren Häuser am Markt besonders reich geschmückt sind, und Juden, die sich eine wunderschöne Synagoge bauen. Der Reichtum von Zamosc ist damals international.

Die Pracht steht noch heute, der Ruhm ist verblasst. Noch heißen die Hotels „Renesans“, die Gaststätten „Padwa“, und sind doch nicht mehr als ein trauriger Plattenbau, eine schummrige Kaschemme mit roten Tischtüchern, der Duft von Pommes Frites und Wurst hängt in der Luft. Rund um die ideale Altstadt, in der nur noch die Ärmsten der Stadt wohnen, ist eine Neustadt gewachsen, im üblichen sozialistischen Hochhausbau. Schatten haben sich auf den Glanz gelegt: Mehrfach geriet die Stadt in Kriegshandlungen, am schlimmsten 1866 durch die Russen, und dann noch einmal im Ersten Weltkrieg. Die Nazis tauften sie um in „Himmlerstadt“, machten sie zum Zentrum der völkischen Umsiedlungspolitik und errichteten ihre Vernichtungslager in der Umgebung – Belzec, Majdanek, Sobibor. Die Synagoge, immerhin unzerstört, war Bibliothek. Nun wird sie von engagierten Privatleuten konserviert, der schlimmste Wasserschaden behoben. Juden gibt es nicht mehr in Zamosc. Armenier auch nicht.

Doch die Familie Zamoyski ist zurück: Der erste gewählte Bürgermeister des Ortes ist seit 1990 Marcin Zamoyski, ein Nachkomme des Stadtgründers. Posiert der schlanke Mann, den im Ort jeder kennt, vor einem Porträt seines Ahnen, ist die Ähnlichkeit nicht zu verkennen. Zum Posieren kommt der Mann, der früher einmal Kameramann für einen deutschen Fernsehsender war, in diesen Tagen viel: Für das Kunstprojekt „Ideal City“ ist die Welt zurück in Zamosc. „Da hinten sind die Griechen“, heißt es beim Cocktail-Empfang, dort die Schotten, Niederländer, Dänen, Briten, Portugiesen – und viele, viele Berliner.

42 Künstler hat das Berliner Kuratorenpaar Sabrina van der Ley und Markus Richter auf Anregung der polnischen Kunsthistorikerin Anda Rottenberg nach Zamosc gelockt, um sie für den Reiz der unbekannten Idealstadt zu begeistern. Im September will man die Ausstellung in veränderter Form in Potsdam zeigen.

Ein seltsamer Kontrast: Die internationale Kunstwelt trifft sich in Zamosc. Sabrina van der Ley, künstlerische Leiterin der Berliner Kunstmesse Art Forum, und ihr Mann Markus Richter, bis 2005 Galerist in Berlin, kennen in der Szene Gott und die Welt. Kunst-Stars von Francis Alys bis Tacita Dean, von Pedro Cabrita Reis bis Lawrence Weiner folgten dem Ruf, und die lokale Bevölkerung steht derweil dabei und staunt. Misstrauisch, ja aggressiv seien die Bewohner von Zamosc zunächst gewesen, als die Künstler ihre Installationen vor Ort vorstellten, berichtet Richter bei der Eröffnung. Später am Abend, man feiert in den ehemaligen Kasematten, es gibt Freibier für alle, kommt der Bürgermeister – und die Polizei.

Inzwischen haben die Kinder die Kunstwerke erobert, toben durch Franka Hörnschemeyers Labyrinth, das dem Grundriss von Zamosc nachgebildet ist und derzeit so passend scheint wie nie – ist doch das Pflaster der gesamten Stadt gerade aufgerissen, weil die EU Gelder für die Neupflasterung gab. Der Kunst-Besucher stöckelt über Steine.

Die meiste Begeisterung jedoch erzeugt Colin Ardley mit seiner Pyramide auf dem Marktplatz. Der schottische Künstler, in Hellerau bei Dresden lebend, wollte eigentlich einige seiner filigranen Raumobjekte auf den Marktplatz, dieses Wohnzimmer der Stadt, stellen, und stellte fest: Es passt nicht. Zu perfekt die Platzform, zu dominant die Architektur, als dass Kunst dagegen ankäme. Schließlich experimentierte er mit den rombenförmigen Schlusssteinen an den Straßenecken, setzte sie zu einer begehbaren Pyramide zusammen. Die ideale Form – Pyramiden waren für Gartengestalter ein beliebtes Stilelement – und der Hauch des Sakralen, der Grabarchitektur: all das schien ihm passend für das doppelgesichtige Zamosc. Doch keiner der Jugendlichen, die Tag und Nacht in Scharen begeistert auf die Pyramide klettern, schert sich darum.

Nicht die Schönheiten, eher die dunklen Seiten der Stadt lockt die Künstler an – auch wenn die Kuratoren das Thema „Ideal City – Invisible Cities“ gesetzt haben und sich wünschen, es hätte etwas mehr Auseinandersetzung mit der Idealstadt gegeben. „Nicht die Vergangenheit, die Gegenwart ist mein Anknüpfungspunkt als zeitgenössische Künstlerin“ bringt es die Berlinerin Daniela Brahm auf den Punkt und stellt eine Skulptur aus Plakatwänden mit Bildern von Hochhäusern und Wohnwagen vor eine der Renaissance-Kirchen. Lucas Langlet errichtet ein „Columbarium“, einen Taubenturm aus Ziegelsteinen, in einem der tristen grauen Höfe. Les Schliesser baut eine Holzhütte als „Ideales Zeitgenössisches Museum“ auf, und David Tremlett bemalt die Wände der alten Synagoge mit Pastell. Kai Schiemenz schließlich gewinnt den ehemaligen Salzmarkt, der inzwischen als Parkplatz dient, mit einem fragilen, begehbaren Holzturm für die Kunst zurück, der entfernt an Tatlins berühmte Skulptur erinnert.

Miroslaw Balka, einer der bekanntesten polnischen Künstler der Gegenwart, geht gleich zurück in die dunkle Vergangenheit. An eines der Stadttore, das ehemalige Krakauer Tor, stellt er eine Holzskulptur, deren Umriss den Baracken von Auschwitz ähnelt. Geht ein Mensch an ihr vorbei, setzen Bewegungsdetektoren ein Band mit deutschen Märschen in Gang – Balka erinnert an das Frauenorchester in Auschwitz, das die Häftlingsmärsche mit Musik begleitete. Erklingt der Radetzky-Marsch, spielt noch mehr Historie mit, aus der Zeit, als sich während der polnischen Teilung Österreich und Russland um das Gebiet von Zamosc stritten. Lange her, dass Fürst Zamoyski hier ideale Räume schuf und einen Musenhof errichtete. Die Kunst taugt längst nicht mehr zur Schönfärberin.

Den luzidesten Kommentar zur gegenwärtigen Situation der Stadt jedoch schafft die polnische Künstlerin Monika Sosnowska auf dem ehemaligen Wassermarkt, der schon viele Jahre kein Wasser mehr gesehen hat. Ihr „hässlicher Brunnen“, grob zusammengefügt aus Waschbetonplatten, etwas windschief und leck, sprudelt fleißig. Doch das Wasser ist tintenschwarz, und hinterlässt auf der Haut dunkle Flecken. „Nicht trinken, schmutzig“, warnt einer der alten Männer, die auf den Bänken ringsum lagern und trinken. Nicht ideal, nicht schön, dieser Brunnen, ein eher kläglicher Versuch. Die ideale Stadt kommt nicht mehr zurück.

Ideal City – invisible Cities, Zamosc, bis 22. August. Ab 9. September ist die Ausstellung in veränderter Form in Potsdam zu sehen. Infos unter www.idealcity-invisiblecities.net

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