Kultur : Wofür braucht der Tilsiter seine Löcher?

Der Konzertsaal der Berliner Universität der Künste ist eine Stil-Ikone der Fünfzigerjahre. Leider will dort niemand mehr auftreten. Jetzt soll Herbert von Karajan dem Gebäude postum zu neuem Glanz verhelfen

Frederik Hanssen

Paul Baumgarten war ein ziemlich schweigsamer Ostpreuße. Auf seine stille Art aber hat sich der im Jahr 1900 geborene Architekt und Professor an der Hochschule der Künste (HdK) im Nachkriegsberlin zu Wort gemeldet: Mit dem Konzert- und dem Theatersaal der HdK, mit seinem viel gelobten Ausbau des Reichstags, mit dem Erweiterungsbau für das Shell-Haus am Landwehrkanal.

Ebenso leise wie sein Leben war sein Abschied im Oktober 1984: Die Nachricht von seinem Tod wollte der Baumeister aus Tilsit erst nach der Beerdigung veröffentlicht wissen. Seitdem sprechen vor allem die Presslufthämmer das Urteil über Paul Baumgartens Erbe: Sein nie wirklich genutztes Reichstagsinterieur wurde nach der Wende für Norman Fosters Neudeutung des jetzigen Bundestagssitzes geopfert, der Anbau am Shell-Haus abgerissen. Baumgartens drittes Berliner Hauptwerk steht immerhin noch. Und der elegante Konzertsaal an der Hardenbergstraße aus dem Jahr 1954 sieht sogar einer glanzvollen Zukunft entgegen.

Ein Haus für die junge Klassik

Davon ist zumindest Lothar Romain, der Präsident der mittlerweile zur Universität geadelten Ausbildungsstätte, überzeugt. Als „Karajan-Konzertsaal“ soll die Ikone der Fünfzigerjahre-Architektur einen zweiten Frühling erleben. Zu West-Berliner-Zeiten ein beliebter Aufführungsort auch für die Veranstalter der so genannten „ernsten“ Musik, geriet das einladende Haus mit der großen Glasfront nach 1989 ins Abseits, so wie die ganze Gegend hinter dem Bahnhof Zoo. Zuletzt mieteten sich hier nur noch eher obskure Veranstalter ein.

Das soll nach der Renovierung anders werden. Insgesamt 8,7 Millionen Euro sollen investiert werden, um die Fassade in den ursprünglichen Zustand zu versetzen, die Foyers aufzufrischen, eine neue Orgel einzubauen und die Akustik im Saal zu verbessern. Als „Haus der Jungen Klassik“ könnte der seit 1995 mit all seiner originalen und originellen Wirtschaftswunder-Ausstattung unter Denkmalschutz gestellte Bau dann wieder einen Platz im hauptstädtischen Musikleben erobern, sowohl als lebendiges Zentrum der vielen hochschulinternene Aufführungen wie auch als attraktiver Gastspielort für große Sinfonieorchester und Chöre aus nah und fern.

Schön und gut - nur, warum um alles in der Welt, muss dafür der Name Herbert von Karajans herhalten? Sicher ist der Maestro mit seinem Berliner Philharmonischen Orchester hier zwischen 1954 und 1963 aufgetreten – aber letztlich war der Saal für Karajan nur ein Notbehelf. Besser zwar als der Steglitzer Titania-Palast, in den das Spitzenorchester nach der Zerstörung des Stammhauses 1945 mangels Alternativen gezogen war. Doch eigentlich war Paul Baumgartens helle HdK-Halle mit ihren 1340 Plätzen zu klein, um ein wirklich würdiges Podium für einen Weltstar wie Herbert von Karajan abzugeben. An 125 Abenden waren die Berliner Philharmoniker und ihr Chef hier zu hören, bis 1963 - nach endlosen Querelen - endlich die neue Philharmonie von Hans Scharoun eröffnet wurde. Danach kamen Karajan und seine Mannen nie wieder in die Hardenbergstraße. Ja, gibt UdK-Kanzler Jürgen Schleicher zu, man habe bei der Wahl des Namens auch an amerikanische Sponsoren gedacht. Und die kennen nun einmal nur den Karajan. Dass der Berliner Volksmund das Gebäude immer noch als „Bahnhof Hindemith“ apostrophiere, wie auf der Website der Hindemith-Gesellschaft behauptet wird, mag Wunschdenken sein. Dennoch ist unumstritten, dass der Komponist eng mit der Hochschule verbunden war. Und dass er zu den bedeutenden Tonsetzern des 20. Jahrhunderts gehört.

Ein Name für Sponsoren

Doch der Name Hindemith zieht nun einmal nicht in Übersee. Von dort aber erhofft sich die Universität der Künste Geld für den Umbau, weil die deutsche Wirtschaft derzeit nun einmal andere Sorgen hat, als neue Orgeln für Hochschul-Säle zu sponsern. Da kam die Großzügigkeit Eliette von Karajans gerade recht, die mit dem Markennamen ihres verstorbenen Mannes nicht zimperlich umgeht. Auch die Baden-Badener dürfen ihre Pfingstfestspiele zum Wohle der Kasseneinnahmen mit dem zugkräftigen Maestro im Titel schmücken.

Die Berliner Philharmoniker jedenfalls scheinen nichts gegen einen Karajan-Saal am Bahnhof Zoo zu haben. Schließlich ist ihr jetziger Chef, Sir Simon Rattle, höchstselbst Mitglied im Kuratorium. Zusammen mit anderen klingenden Namen wie Dietrich Fischer-Dieskau, Josef P. Kleihues oder Hartwig Piepenbrock. Auch UdK-Professor Brian Eno und der Präsident des VfB Stuttgart, Erwin Staudt, sind dabei. Sie alle hat Lothar Romain verpflichtet, die Idee des „Karajan-Konzertsaals“ in die Welt zu tragen – und vor allem an die Ohren der Sponsoren. Noch will er keine Summen nennen, doch der Präsident hofft darauf, dass letztendlich mindestens eine Million Euro aus privaten Quellen zusammenkommen werden.

Dass künftige Konzertbesucher dadurch verwirrt werden könnten, wenn es bald einen Saal in der Herbert-von-Karajan-Straße gibt – nämlich die Philharmonie – und einen weiteren, der zwar nach dem Dirigenten heißt, aber an der Hardenbergstraße liegt, beunruhigt Lothar Romain nicht. Dass sich das Deutsche Symphonie-Orchester, das seit langem nach einem eigenen Stammsitz sucht, kaum darauf einlassen wird, in ein Haus zu ziehen, das nach dem legendären Chef der Konkurrenz benannt ist, ebenso wenig. Dabei wäre es doch viel klüger, den UdK-Saal nach dem Geburtsort des Architekten „Tilsiter-Auditorium“ zu nennen. Das liegt auch optisch nahe – sehen doch die hellen Wandverkleidungen mit ihren unzähligen kleinen Löchern dem gleichnamigen Käse sehr ähnlich.

Hinter den putzigen Paneelen allerdings steckt das Hauptproblem, mit dem die UdK-Leitung zu kämpfen hat. Das Dämmmaterial ist im Laufe der Jahrzehnte „versteinert“, so dass der Schall nicht mehr in der gewünschten Form zurückgeworfen wird. Dadurch wurde die Akustik extrem trocken. Man könnte auch sagen: unbrauchbar für Klassik-Aufführungen. „Zum Glück haben wir das Know-how direkt im Hause“, frohlockt Romain. „Unser Tonmeister-Studiengang wird intensiv an der Verbesserung der Klangverhältnisse mitarbeiten.“ Wenn denn das nötige Geld dafür zusammenkommt. Ihren Teil können Berliner Musikfans heute Abend beitragen, wenn das universitätseigene Sinfonieorchester zum Benefizkonzert lädt: Unter der Leitung von Lutz Köhler gibt es Gustav Mahlers 1.Sinfonie sowie Beethoven Tripelkonzert mit den Solisten (und UdK-Professoren) Antje Weithaas, Wolfgang Boettcher und Pascal Devoyon.

Heute, 20 Uhr, Tickets unter: 31 85 23 74. Weitere Infos: www.karajan-konzertsaal.de

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