Wolfgang Tillmans : Wer die Wahrheit sucht, träumt

Star-Fotograf Wolfgang Tillmans über die Lust am Spiel, Wahrheit in Zeiten der Verstrickung - und seine große Berliner Retrospektive.

Tillmans
Selbst-Recycling. Wolfgang Tillmans kopierte und bearbeitete für "photocopy (Barnaby)" ein eigenes Bild von 1994. -Foto: Tillmans, Courtesy Galerie Daniel Buchholz

Herr Tillmans, Sie wurden in den neunziger Jahren bekannt mit Fotografien von feiernden Menschen. Heute wirken Ihre Arbeiten um einiges komplizierter, in sich widersprüchlicher. Was machte das vergangene Jahrzehnt aus, was fehlt uns heute?

Ein definierendes Interesse der neunziger Jahre war Identitätspolitik, -suche und -konstruktion. Was ist mein natürliches, was mein konstruiertes, mein in die Welt projiziertes Ich? Solche Fragen haben auch mich beseelt. Viele Künstler, die wie ich in den frühen neunziger Jahren anfingen, bearbeiteten dieses Thema nicht nur analytisch. Es war verbunden mit dem Gefühl der Selbstbemächtigung. Es war der letzte Aufbruch, den es in einer solchen idealisierten, unvernünftigen, leicht utopischen Weise gab.

Ihre Ausstellung im Hamburger Bahnhof nennt sich „Lighter“. Der Titel bezieht sich auf Ihr Spiel mit Licht auf Fotopapier. Doch auch das Licht der Aufklärung klingt in dem Wort an. Kann Kunst aufklären?

Natürlich. Doch darf man nicht zu viel Vernunft von Kunst erwarten – das würde ihrer Natur nicht gerecht. Vernunft macht nicht immer Sinn. Gerade das Unsinnige macht in der Kunst Sinn. Ein Teil der Kunst ist im Nichtbesprechbaren angesiedelt.

Es geht Ihnen also nicht um Wahrheit? Eine Ihrer jüngeren Installationen nennt sich „Truth Study Center“.

Die Arbeit bedenkt die Idee eines Wahrheitsforschungszentrums – in all ihrer Absurdität. Der Titel ist Wunschdenken und nimmt die Unmöglichkeit des Vorhabens mit an Bord. Es soll ein eher poetischer, spielerischer Titel sein.

Das „Truth Study Center“ besteht aus Tischvitrinen, in denen Sie eigene und gefundene Bilder, Zeitungsmeldungen und Texte präsentieren und Assoziationen herstellen, etwa zwischen der politischen Weltlage, astronomischen Ereignissen und sexuellen Ratgebern. Woher kommt dieser Sinn für Widersprüche und Spannungen?

Das übergeordnete Lebensgefühl unseres Jahrzehnts ist das Gefühl des Verheddertseins: fliegen ja, aber mit endlosem CO2-Ausstoß, an der Globalisierung teilhaben und deren Folgen in Echtzeit mitansehen, ein spirituelles Bedürfnis empfinden, aber gepaart mit der Erkenntnis, dass wir mit allen organisierten Religionen Schluss machen müssten. Extreme Positionen, wie sie etwa die sechziger Jahre vorschlugen, sind zwar attraktiv, aber angesichts dieser endlosen Bedingtheit von allem schwierig umzusetzen. In „Truth Study Center“ geht es um diese Verstrickung: Hier offenbart sich der Wunsch nach Klarheit, der Wunsch, die Welt zu ordnen und zu verstehen, der Wunsch nach einem neuen Weltraumteleskop. Und da sind andererseits die verschiedenen Wahrheitsclaims und -verdrehungen, mit denen wir konfrontiert sind. Daneben existiert auch immer ein albernes Moment, Debilität als eine Möglichkeit, sich auch mal aus diesem Verknotetsein zu lösen.

Sie besitzen also eine relativistische Vorstellung von Wahrheit?

Genau, und doch ist sie geprägt von einer klaren moralischen Grundhaltung. Würden unendliche Wahrheiten nebeneinander stehen und alle könnten gleich gelten, das wäre – unrealistisch. Die Vielstimmigkeit der Welt zu ertragen und kein absolutes Weltbild dagegenzusetzen, das ist eine tägliche Herausforderung. Und etwas, das ich in meiner Arbeit am meisten versuche.

Vielstimmigkeit, Debilität und Widersprüche: eine gute Zeit für Kunst …

Absolut. Jüngere Künstler haben oft das Gefühl, dass sie zu spät gekommen sind, dass der Kuchen verteilt ist. Da kann ich nur widersprechen: Ich sehe überall Keimzellen, aus denen heraus man in den nächsten zehn Jahren arbeiten könnte. Dazu darf man aber keine Angst haben. Viele Künstler befürchten, nicht teilzunehmen an Karrierelaufbahnen. Ich hatte das Glück, an einem entgegengesetzten Punkt anzufangen: als der Kunstmarkt zusammengebrochen war. Da musste ich natürlich keine Angst haben, Dinge zu tun, die gegen meine Karriere arbeiten.

Sie sind seit einiger Zeit selbst Galerist: Im Vorraum Ihres Londoner Ateliers betreiben Sie den Ausstellungsraum „Between Bridges“. Ein Freiraum?

Ich wollte konsequente Künstler zeigen, die Risiken eingegangen sind, ohne Rücksicht auf kommerzielle Folgen – auch als Ermutigung. Jemand wie David Wojnarowicz hat sich so explizit politisch geäußert, wie es kein heutiger Künstler tun würde. Nicht dass ich ähnlich konsequent wäre, weil ich solche Künstler zeige. Aber ich mache diese Ausstellungen, um mich damit auseinanderzusetzen und dies mit dem Publikum zu teilen.

Auch sich selbst gegenüber sind Sie stets Ausstellungsmacher: Sie legen unheimlich viel Wert auf die Hängung Ihrer Arbeiten.

Schon immer gab es bei mir diesen raumbezogenen, dreidimensionalen Aspekt der Arbeit. Die Bilder sind flache Quader auf der Wand. Und von Anfang an habe ich die fertigen Installationen vermessen und abgezeichnet, so dass ich sie anderswo neu aufbauen konnte …

… so wie hier in Berlin der Raum, für den Sie 2000 den Turner-Preis erhalten haben.

Es gibt hin und wieder Räume, die so gut funktionierten, dass ich Fragmente davon für andere Ausstellungen übernehme. So lerne ich aus jeder Ausstellung.

Sie haben Vitrinen entdeckt als Präsentationsform, Sie zeigen geknicktes Papier in Plexiglaskästen und fotografieren in der Serie „Paper Drop“ gerolltes Fotopapier. Es geht Ihnen offenbar zunehmend um den Objektcharakter von Papier.

Skulpturales ist in der Tat wichtiger geworden. Aber betrachtet man eine Faltenwurffotografie von 1991 – eine Jeans, die über dem Türpfosten hängt –, auch das war eine skulpturale Überlegung.

Ihre Ausstellungen scheinen die Fotografie als Bezugspunkt zu brauchen. Wie wichtig ist Ihnen das Nachdenken über das Medium selbst?

Mir geht es eher um ein Interesse am Spiel. Der Reiz etwa an einem T-Shirt, das da liegt: Kann ich das umsetzen in ein Bild? Die Dinge sind ja erst nur sie selbst: Material. Wenn es nicht ein Moment metaphysischer Transformation gäbe, wären alle Fotos gleich. Ist es möglich, von einem Venus-Transit Bilder zu machen, die etwas originär Eigenes haben? Oder vom Apfelbaum auf dem Balkon? Dieselbe Herausforderung spüre ich, wenn ich in die Dunkelkammer gehe.

Sie würden also nicht unterscheiden zwischen gegenständlich und abstrakt? Gerade Ihre referenzlosen Arbeiten wie „Lighter“ oder die „Paper Drop“ wirken wie Grundlagenforschung.

Alles ist Grundlagenforschung. Die Ausstellung zeigt auch ganz frühe Fotokopien, die ich von eigenen Fotografien gemacht habe. Darin ist ebenfalls ein abstrahierendes Moment, ein Forschen über die Auflösung von Bildern. Wie kommt Bedeutung in so ein industriegefertigtes DIN-A3-Blatt? Das fasziniert mich endlos. Das Resultat ist auch abstrakt, geistig hardcore. Und es funktioniert nur so . Nur soft zu wollen, dass das jetzt was wird, oder sich zu sehr abzusichern, das ist zu wenig. Manchmal gelingt dann ein Bild, das mehr ist als die Einzelteile, die man beschreiben kann. Das ist der Kick an dem, was ich tue: Wenn es noch einmal geklappt hat.

Das Gespräch führte Daniel Völzke.

Wolfgang Tillmans, geboren 1968 im Remscheid, ist einer der wichtigsten deutschen Fotografen. Er lebt seit 1996 in London.

Die Ausstellung Lighter im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart ist die größte Tillmans-Ausstellung in Deutschland (bis 24.8.). Gezeigt werden über 200 Werke, darunter der rekonstruierte „Turner Prize“-Raum und die Installation „Truth Study Center“, die Friedrich Christian Flick für den Hamburger Bahnhof angekauft hat. Der von Tillmans gestaltete Katalog (Hatje Cantz) kostet 38 Euro.
Parallel sind unter dem Titel Sichtbarwerden Künstlerfotos aus der Flick-Sammlung zu sehen (bis 10.8.), darunter Arbeiten von Jeff Wall, Stan Douglas, Fischli & Weiss, Sigmar Polke, den Bechers sowie Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth.

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